BORIS BECKER »Ich habe meine Lektion gelernt«


Scheidung, Vaterschaftsklage, geschäftliche Misserfolge - in den letzten zwölf Monaten hat Boris Becker bittere Tage durchlitten. Das große stern-Interview.

Herr Becker, seit der Trennung von Ihrer Frau Barbara ist nun ein Jahr vergangen ?

Ja, stimmt, jetzt wo Sie es sagen: Es war exakt am 25. November.

Sie sind seitdem an vielen Fronten gescheitert: Sie mussten Riesenabfindungen an die Gattin und an die Fünf-Sekunden-Geliebte in London zahlen, haben ein paar Firmen dichtgemacht, und bei Ihrem Comeback-Versuch auf der Altherren-Tour streikte Ihr Oberschenkel. Wie geht es Ihnen?

Danke, gut. Ich bin einer, der überlebt und der einen Weg findet, wie er sein Leben klarkriegt. Ich habe viel gelernt in diesem Jahr.

Nämlich?

Ich komme wieder mehr zu mir selbst. Ich habe mir seit dem Sommer mehr Ruhe genommen, Zeit zum Nachdenken. Ich passe jetzt erst mal auf meine Seele auf, auf meine Nöte. Ich mach nichts mehr, außer mein Leben in den Griff zu kriegen.

Entschuldigung, aber Sie wirken wie einer, der davonläuft: am Mittwoch beim Fußball-Länderspiel in Dortmund, am Donnerstag bei der Bambi-Verleihung in Berlin, am Freitag nach München und immer auf dem Sprung zu Ihren Kindern nach Miami.

Wenn Sie mal ein Tennisjahr mitgemacht hätten, würden Sie sagen, ich sei heimisch geworden. Aber vielleicht war es vor ein paar Monaten wirklich so: Da habe ich auch beruflich viele Dinge angefasst, um mich nicht mit der Realität auseinander zu setzen. Das war so eine Flucht nach vorne: den Tag so früh wie möglich beginnen, nicht zur Ruhe kommen und abends todmüde und ohne nachzudenken ins Bett fallen. Aber das ist vorbei, jetzt täuscht Ihr Eindruck: Ich habe im Moment nicht mehr das Gefühl, ein Gehetzter, ein Getriebener zu sein. Ich habe versucht, Problem für Problem abzuarbeiten, zu lösen und Entscheidungen zu treffen.

Sie würden also sagen, Sie seien jetzt mit sich selbst im Reinen?

Ja. Ich habe nicht mehr diese tausend Sorgen, die ich bewältigen muss. Und ich frage mich auch nicht mehr, bin ich jetzt ein Riesenarschloch geworden, oder lag es an den Umständen, dass ich die Nerven verloren habe. Von allem ist ein bisschen wahr, aber nach diesem für mich ruhigeren halben Jahr kann ich sagen, dass ich wieder zu mir gekommen bin. Ich bin wieder geerdet. Ich hab wieder Boden unter den Füßen.

Wie verstehen Sie sich denn jetzt mit Barbara?

Gut. Und ich bin sehr stolz, dass die Barbara und ich diese schwierigen Monate gemeistert haben. Wir haben es fertig gebracht, ein absolut homogenes, freundschaftliches Verhältnis zu entwickeln.

Auch das ist schwer zu glauben, wenn man an den öffentlichen Rosenkrieg denkt, mit dem Sie beide die Nation unterhalten haben.

Wir haben eine Verantwortung den Kindern gegenüber. Wir haben mittlerweile kapiert, dass nicht wir die wichtigsten Personen im Hause Becker sind - sondern Noah und Elias. Wir lassen uns nicht mehr von Medien dazu bringen, uns gegenseitig durch den Dreck zu ziehen. Wir diskutieren auch privat nicht mehr: Was hast du gesagt und was hab ich gesagt? Wir haben genug Geld, wir sind unabhängig, wir werden das schon schaffen.

Das nehmen sich die meisten Paare vor. Und es gelingt den wenigsten.

Wir haben zum Glück diese beiden Söhne. Noah ist unsere weiße Fahne. Wenn wir doch noch mal anfangen, laut zu werden, zu schreien und richtig derb zu werden, dann kommt Noah rein und sagt: »Was ist denn hier los, hört mal auf.« Dass es so weit kommen musste, gut, das ist traurig genug, aber es kommt eben auch nicht mehr oft vor.

Wie häufig sehen Sie Ihre Kinder?

Ich bin alle zwei, drei Wochen in Miami, was natürlich ein Heidenstress ist, immer da rüberzujetten. Mal für ein Wochenende, mal für eine Woche - je nachdem wie es mein Terminkalender erlaubt. Ich wohne im Gästezimmer, und wir sind eine komplette Familie. Wenn uns Freunde sehen, glauben die gar nicht, dass wir geschieden sind.

Ein verlässlicher Vater sind Sie so nicht.

Für die Kinder ist es das Wichtigste, dass sie liebende Eltern haben, und die haben sie. Wenn ich in Miami bin, bin ich 24 Stunden am Tag für meine Söhne da. Das ist mehr, als viele Väter ihren Kindern geben. Da geht es um Qualität und nicht um Quantität. Und wenn ich nicht da bin, telefonieren wir täglich. Auch wenn Noah mal vor dem Kino steht und sagt: »Ich kann jetzt nicht, gleich gibt's Harry Potter.« Ob das alles reicht, ob Noah in zehn Jahren sagen wird, dass es gut war? Ich hoffe sehr.

Bereuen Sie die Trennung?

Wenn es nach mir gegangen wäre, wären wir heute nicht geschieden. Das war nie meine Absicht. An meiner Liebe zu Barbara habe ich nie gezweifelt. Aber ich war so voll mit Theater und Problemen, dass ich mir darüber erst mal klar werden musste.

Heißt das, Sie lieben Ihre Ex-Frau noch immer?

Ich habe die Frau damals geliebt, und ich liebe sie noch heute.

Lieben Sie Barbara heute anders als früher?

Wie kann man Liebe definieren? Ich kann das nicht genau erklären. Manches tut mir jedenfalls leid. Wir haben uns einfach nicht genügend auseinander gesetzt, haben uns nicht die Zeit gegeben, uns mal darüber klar zu werden, was dieser Schritt eigentlich bedeutet. Geplant war eine Trennung, daraus ist ein Medienspektakel entstanden und dann eine Scheidung. Was von uns beiden nicht gewollt war. Wir waren nicht mehr Kapitän des Schiffes - da waren Berater, Anwälte, die das Schiff plötzlich nach vorn getrieben haben. Und wir saßen nur noch im Beiboot.

Und, segeln Sie eines Tages wieder in den Hafen der Ehe?

Ich habe eine Familie, ich habe zwei Söhne, und die haben eine wundervolle Mutter, die gut auf sie aufpasst. Den Umständen entsprechend geht es uns gut. Jetzt sind wir erst mal glücklich geschieden. Mein Lebensmotto ist aber bekanntlich: Sag niemals nie.

Sie hatten nach der Scheidung damit gerechnet, dass Barbara bald mit den Kindern nach München zurückziehen würde. Hoffen Sie noch darauf?

Das liegt wirklich nicht in meiner Hand. Das entscheidet ja die Barbara. Sie ist intelligent und clever. Ich habe eine unabhängige, reiche Ex-Frau, die weiß, dass sie tun und lassen kann, was sie will. Und ich hüte mich davor, ihr irgendetwas in den Mund zu legen. Sie kann für sich selbst sprechen. Und ich wurde in den letzten zwölf bis 15 Monaten von so vielen Dingen überrascht - glauben Sie mir, ich nehme nichts mehr als Garantie.

Andererseits führen Sie ein Leben, von dem viele Männer träumen. Sie können auf Familie machen, wenn Ihnen danach ist. Ansonsten können Sie ein ausschweifendes Single-Leben führen.

Hey, verraten Sie mich nicht. Aber wenn ich ehrlich bin: Meine ideale Lebensform ist die, in einer Familie eingebettet zu sein. Einen Partner zu haben, auf den ich mich verlassen kann und der mir einiges abnimmt. Wenn zu Hause alles klar ist, kann ich rausgehen und kämpfen. Das fehlt mir jetzt, deshalb sieht mich die Welt nicht von meiner stärksten Seite. Ich würde nicht sagen, dass ich auf der Suche bin, vielleicht bin ich in Lauerstellung. Ich weiß natürlich, was mir am besten tut. Andererseits bin ich skeptischer geworden, kritischer einer neuen Partnerin und auch mir gegenüber. Es dauert sehr lange, gerade bis eine Frau Vertrauen in meinem Leben findet.

Wann ging Ihr Dilemma eigentlich los - was war der Auslöser für Ihre persönliche Krise?

Ich glaube, ich habe mir als Mensch nach meiner Karriere nicht genügend Zeit zum Nichtstun gelassen. Ich war durcheinander, ich war sehr traurig: Ich habe den Schmerz, den Verlust meines Vaters, nicht verkraftet.

Ihr Vater Karl Heinz starb 1999 an Krebs. Das waren die Monate, als Sie Ihr letztes Wimbledon-Turnier spielten, als Barbara schwanger war, als Sie in London auf, nun ja, diese Dame aus Russland trafen.

Wissen Sie was? Ich war damals schlicht überfordert. Meine Eltern waren für mich immer eine Insel des Friedens gewesen; da hatte ich keine Rolle, da war ich nur Sohn, und das tat mir sehr gut. Als mein Vater nicht mehr da war, habe ich diese große Lücke empfunden, diesen Schmerz, dieses dumpfe Gefühl, das man bei einem Verlust empfindet. Ich war sprachlos. Für Wochen. Ich konnte keinen Sinn mehr sehen und wusste nicht mehr, wie ich mein Leben ohne ihn leben sollte.

Ihr Vater war Ihr Vorbild?

Ja. Und das nicht, weil er mir jeden Tag immer die Hand gehalten hätte - er war schwer berufstätig, Architekt und CDU-Stadtrat und viel weg -, sondern weil er etwas dargestellt hat im Leben und mir den Unterschied gezeigt hat zwischen Recht und Unrecht. Er war mein Ratgeber in den wichtigsten Lebenslagen. Ich spielte ein Turnier in Hongkong, als er im Sterben lag. Ich kam Montag Nacht zurück, und am Dienstag ist er dann gestorben. Ich bin sicher, dass er auf mich gewartet hat.

Wie konnten Sie danach an Wimbledon denken?

Eigentlich gar nicht. Ich hatte keine Lust, keine Motivation. Ich habe meiner Mutter und Barbara bei einem langen Spaziergang gesagt: Leute, ich kann das jetzt nicht. Ich brauche Zeit. Aber es gab irrsinnig viel Druck von außen, irgendwie habe ich mich überreden lassen: einmal noch Wimbledon.

Sie hatten keine Kraft, sich durchzusetzen? Oder war es auch eine Möglichkeit, der Trauer zu entfliehen?

Vielleicht beides. Jedenfalls kam ich wieder in diese Spirale: spielen, trainieren, Interviews geben. Ich habe mir wohl nicht erlaubt zu trauern. Ich hätte damals sagen müssen, bevor ich nicht wieder klar im Kopf bin, trete ich nicht auf. Das habe ich leider nicht gemacht, das war sicher ein Fehler.

Wie denken Sie heute darüber, dass Sie ausgerechnet während jenes Wimbledon-Turniers in einer Wäschekammer Ihr drittes Kind gezeugt haben?

Am Anfang habe ich wegen dieser Sache eher geweint, aber mittlerweile kann ich über mich selbst lachen.

Sie sagten, Sie hätten sich von Ihren Problemen befreit. Im Falle Ermakowa haben Sie das im vergangenen Sommer gerichtlich getan.

Allzuviel, auch das habe ich gelernt, will ich dazu nicht preisgeben.

Aber verraten Sie uns doch bitte eins: Haben Sie Ihre Tochter inzwischen persönlich getroffen?

Wenn es so wäre, wäre die Mutter die Erste, die es veröffentlichen würde. Insofern habe ich meine Tochter noch nicht gesehen.

Bedauern Sie das?

Natürlich. Aber noch ist nicht die richtige Zeit. Es ist nicht die richtige Situation für alle. Es wird, es muss der Moment kommen, wo ich meine Tochter sehe. Aber dann in einem Rahmen, wo alle Parteien damit zufrieden sind - privat. Da müssen sich erst mal die Gemüter beruhigt haben.

Wenn Sie so viel begriffen haben - warum führen Sie dann noch ein öffentliches Leben?

Tu ich das? Es wird doch immer ein Heidenterz um Becker gemacht. Natürlich versuche ich mich in der Öffentlichkeit irgendwie zu präsentieren, das gehört zu meinem Job. Ich bekomme jeden Tag Einladungen - bei Bambi angefangen über das Goldene Kalb bis zum Violetten Ochsen. Aber ich nehme vielleicht jede 25. an. Deswegen ist es auch falsch zu behaupten, ich würde mich permanent in diese Party-Gesellschaft drängen.

Aber es zwingt Sie ja auch niemand, eine Fernsehsendung wie »Boris Becker - Monaco, Models und Motoren« zu machen. Ist es nicht so, dass Sie die Scheinwerfer brauchen?

Jeder, der behaupten würde, das ihm das völlig egal ist, lügt. Wir sind doch alle eitel und fühlen uns geschmeichelt, wenn man irgendwo in einen Raum kommt und alle drehen sich um. Aber nein, es ist nicht so, dass ich das brauche, dass mir was fehlt, wenn ich das mal fünf, sechs Monate nicht habe.

Es gibt ja auch einen anderen Lebensentwurf: Ihre einstigen Kollegen Stefan Edberg und Steffi Graf haben nach der Karriere den scharfen Schnitt gemacht und sich aus dem Rampenlicht verabschiedet. Deren Privatleben scheint zu funktionieren.

Wie Steffi und Andre Agassi das durchziehen, finde ich bemerkenswert: erst die Hochzeit, dann das Baby, ein Foto rausgeben und Ruhe im Saal. Ich glaube, die beiden haben eine echte Chance. Steffi ist nicht so brav und bieder, wie sie immer dargestellt wurde. Sie ist eine internationale Person und kennt sich im Leben aus. Andre hat seit jeher für Steffi geschwärmt, der war teilweise auch schon während einer anderen Beziehung verliebt in sie.

Sie wissen, wie die deutsche Öffentlichkeit Steffi Graf und Sie wahrnimmt: dass Sie als derjenige gelten, der während der Karriere frei und selbstständig gelebt hat - und Steffi als die, die das Leben danach weitaus besser im Griff hat?

Ja, ich habe mein Fett wegbekommen. Gerade in diversen Frauenzeitschriften. Ich habe vielleicht eine Fangemeinde verloren, aber eine andere dazugewonnen. Bis Dezember war es so, dass die 45- bis 70-Jährigen meine größten Fans waren, jetzt sind es die 20- bis 45-Jährigen. Aber ich kann mein Leben nicht nach den Meinungen anderer auslegen.

Schon gut, schon gut. Manchmal wünscht man Ihnen nur ein bisschen Gelassenheit.

Nehmen wir mal Ihr anderes Beispiel, Stefan Edberg: Der spielt seit drei Jahren hier in London dreimal die Woche ein bisschen Tennis. That's it. Das langt ihm. Aber ich bin das nicht. Ich versuche ja, eine zweite berufliche Karriere aufzubauen, für die ich meine Kontakte brauche. Ich bin zu lebendig und zu ehrgeizig - es langt mir nicht, mich zurückzulehnen und mein Geld zu zählen. Und um mein Privatleben machen Sie sich mal keine Sorgen.

Wie sieht das denn aus - Boris Becker allein zu Haus?

Großes Haus, vier Etagen, dabei brauche ich nur eineinhalb. Ich habe eine Putzfrau, aber keinen Koch.

Wer macht morgens den Kaffee?

Ich. Espresso, einen doppelten. Dann geh ich an den Kühlschrank, esse meine Cornflakes oder was ich gerade noch da habe

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Wer kauft ein?

Ich. Bei uns um die Ecke ist ja gleich der Feinkost Käfer, da gehe ich nachmittags oft zu Fuß hin und mit meinen Plastiktüten wieder nach Hause.

Sie wissen also, was ein Liter Milch in Deutschland kostet?

Ungefähr zwei Mark, drei Mark. Kann das sein?

Bei Käfer vielleicht.

Beim Käfer kauf ich mein Brot ein. Das Problem ist: Brot muss man jeden Tag frisch kaufen, das wird sonst zu hart zum Schneiden.

Und abends? Machen Sie sich dann 'ne Dose Ravioli auf oder eine Tiefkühlpizza warm?

Pizza bestelle ich am Telefon. Manchmal auch thailändisch oder indisch. Essen aus der Büchse ist nicht mein Ding.

Haben Sie Freunde?

Ich habe sehr gute Freunde. Die ich brauche, die mir sehr wichtig sind, weil ich mich bei ihnen auch fallen lassen kann.

Dürfen die Ihnen auch ehrlich die Meinung sagen?

Ja, jetzt mehr als jemals zuvor. Wobei: Ich bin selbst mein größter Kritiker. Ich merke ziemlich schnell, wenn was nicht richtig läuft. Ich weiß aber manchmal nicht, warum es nicht läuft. Und dann rufe ich meine zwei, drei Leute an und frage, was ist da los? Und sie versuchen mir zu helfen. Aber die Freunde sind weniger geworden.

Wieso?

Ende des Jahres 2000 hatte sich bei mir so ein Rattenschwanz von Leuten gebildet, ich nenne sie mal Parasiten. Die teilweise von mir gelebt und profitiert haben, in meinem Gunstkreis oder dem meiner Familie waren und die da nichts zu suchen hatten. Aber aufgrund der schweren Privatsituation waren mir irgendwie die Hände gebunden, ich konnte nicht so handeln, wie ich wollte, weil ich eben ein paar Probleme hatte. Aber jetzt sind 95 Prozent dieser Menschen nicht mehr in meinem Umfeld.

Haben Sie Probleme, Menschen zu vertrauen und Nähe zuzulassen?

Nähe nicht, Vertrauen schon.

Für Ihre radikalen Trennungen und die Änderungen Ihrer Lebensentwürfe sind Sie gleichermaßen berühmt und berüchtigt. Auch in Ihrem Berufsleben haben Sie gerade wieder einmal die Richtung geändert - seltsamerweise ziehen Sie sich zurück.

Ich habe zu viele Sachen auf einmal gewollt. Und dann auch versucht. Weil es einfach für mich war, Leute zu treffen. Aber ich hatte in meinen Firmen nicht die Struktur und das Team, um jedes einzelne Thema für sich abzuarbeiten und vor allem durchzuhalten.

Sind Sie nicht als Lehrling in der Geschäftswelt viel zu groß eingestiegen?

Nicht unbedingt zu groß, aber es gab da ein paar Misserfolge und sicherlich auch den Eindruck, ich würde tausend Sachen auf einmal machen.

Dabei haben Sie sich verzettelt? Ihre Firma BBM in München gibt es nicht mehr, Ihr Internet-Portal Sportgate ist gescheitert. Helmut Thoma, Ihr ehemaliger Partner bei diesem Projekt, sagte: »Boris Becker ist ein schlechter Geschäftsmann.«

Herr Thoma war für das operative Geschäft zuständig. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Aber vielleicht hat er das ja nur gesagt, um endlich wieder eine Schlagzeile zu bekommen. Mit meinem Namen funktioniert das immer.

Hat der gute Mann denn völlig Unrecht?

Ich habe vielleicht eine Regel aus dem Sport außer Acht gelassen: Wenn du vor dem Turnier vom Wimbledon-Sieg sprichst, verlierst du garantiert in der ersten Runde. Aber ich habe meine Lektion gelernt. Es sind jetzt Projekte in der Pipeline, die ich diesmal erst dann publik mache, wenn sie perfekt sind. Ich freue mich auf meine zweite Berufshälfte. Mir ist mehr denn je bewusst, dass ich da am Anfang bin, ich muss mir die Zeit geben, mich zu entwickeln. Und ich bitte auch die Öffentlichkeit, mir diese Zeit zu geben. Aber ich bin wieder am Anfang. Das ist die Situation, die am schönsten ist: das Gefühl, wenn man die erste Runde gewonnen hat, wenn man spürt, daraus kann was Großes werden.

Woran arbeitet der Unternehmer Boris Becker derzeit?

Ich bin nach wie vor stark im Tennis engagiert, ich spiele, ich berate. Ich bin beim Deutschen Tennis-Bund für die Nachwuchsförderung zuständig. Ich bin Partner von Daimler-Chrysler und AOL. Und ich habe endlich wieder einen starken Berater.

Sie meinen Dr. h.c. Hans-Dieter Cleven, den Generaldirektor der Metro-Holding und Vermögensverwalter des Milliardärs Otto Beisheim?

Wir haben ja bereits die Völkl Tennis GmbH gegründet. Ich hoffe, dass er mich im Dschungel der Branche vor falschen Entscheidungen schützt und mich bei den richtigen Entscheidungen unterstützt. Im Frühjahr, als bei mir alles drunter und drüber ging, habe ich zu ihm gesagt: Ich schaffe das nicht mehr allein, ich brauche Hilfe. Er und seine Frau Melina haben mich aufgenommen wie einen Sohn. Ich habe ungeheures Vertrauen zu ihm.

Was hat er Ihnen denn geraten?

Er hat mich gefragt: Welche Vision hast du, Boris, und wie stellst du dir dein zweites Leben vor, deine zweite Karriere. Und ich habe ihm ganz klar gesagt, was ich möchte, was meine Ziele sind.

Die da lauten?

Hans-Dieter Cleven hat in Zürich die Firma BCI gegründet, die alle meine Aktivitäten managt und koordiniert. Ich habe das Gefühl, dass ich von diesem Mann noch sehr viel lernen kann. Er ist beruflich jetzt da, wo ich in zehn bis 15 Jahren gern wäre. Ich möchte einen eigenen Konzern aufbauen, der sich mit Tennisprojekten, mit Sportmarketing, mit Kommunikation und auch mit dem Internet befasst. Der Name Boris Becker ist weltweit bekannt, die Menschen sprechen mich in Rio, Moskau und New York auf der Straße an. Das möchte ich für vielerlei Dinge nutzen.

Jetzt kommt erst einmal der Abschlussbericht der Münchener Steuerfahndung. Sie sollen bekanntlich über 30 Millionen Mark mit einem Scheinwohnsitz in Monte Carlo hinterzogen haben.

Bitte entschuldigen Sie, aber das ist ein schwebendes Verfahren. Dazu kann ich leider nichts sagen.

Sie haben ja immer schon eine Menge Zeit in Flugzeugen verbracht. Hat sich das seit dem 11. September geändert?

Nein. Ich habe noch nie Angst gehabt zu fliegen, weder vorher noch seitdem. Ich habe auch keine andere Wahl, weil mein Leben, so wie ich es führe, sonst quasi aufhören würde. Ich muss fast jeden Tag Kurz- oder Langstreckenflüge nehmen; ich hatte auch schon diverse

Notlandungen, Feuer an Bord - die ganze Palette. Aber ich lasse es nicht zu, dass ich Angst habe. Außerdem bin ich Christ und glaube, wenn meine Zeit gekommen ist, dann wird mich der liebe Gott schon holen, ob das im Flugzeug ist oder auf dem Boden.

Sie waren am Wochenende vor den Anschlägen mit Ihrer Familie in New York. Waren Sie auch auf dem World Trade Center?

Nicht oben, wir waren unten auf der Plaza, da gab es ein paar Flohmärkte, da sind wir rumgelaufen. Glücklicherweise sind wir dann Sonntagabend noch abgeflogen - meine Familie nach Miami, ich nach Deutschland. Eigentlich war ich überrascht, dass es so lange gedauert hat, bis eine derartige Katastrophe passiert.

Bitte?

Ich meine, die Gegensätze in der Welt werden immer gravierender. Zwischen den einzelnen Religionen, den Gesellschaftsschichten - zwischen Arm und Reich -, werden die Kluften immer größer. Die Wirtschaft spielte auf dem Höhepunkt vor zwei Jahren verrückt, es ging nur noch um den Neuen Markt. Da ging es ja gar nicht mehr um Millionen, sondern darum: Wer macht die nächste Milliarde. Da habe ich mich immer gefragt: Wo ist das Ende, wann kommt der Knall?

Was weiß Ihr Sohn Noah von den Anschlägen?

Gerade in Amerika hat man gar keine Chance, dem zu entrinnen. Aber groß auseinander gesetzt hat er sich damit noch nicht. Er ist ja noch ein Kind, und Kinder sehen ja jede Woche irgendeine Explosion im Fernsehen.

So was erlauben Sie?

Nein, aber Noah ist ja nicht immer 24 Stunden am Tag behütet, und er hat Schulkameraden, da gibt es Radio, da gibt es Fernseher in der Stadt, das kriegt er schon mit.

Es wirkt, als sei Ihr Verhältnis zu Noah enger als das zu Elias. Täuscht der Eindruck?

Nein, der täuscht nicht. Das hängt auch damit zusammen, das Noah fünf Jahre älter ist. Und dass Noah in eine Zeit reingeboren wurde, die von Glück und Liebe und Harmonie nur so überschwemmt wurde. Und er hat mich auch auf all den Reisen begleitet. Er war bei meinem letzten Grand-Slam-Sieg 1996 in Melbourne dabei, beim Masters-Turnier, bei all diesen wichtigen Momenten. Und Elias ist in eine Zeit geboren, die sehr schwierig war für die Familie Becker.

Mitten hinein in die Ehekrise.

Ja, und deswegen war das am Anfang schwieriger. Jetzt entwickelt er sich ganz hervorragend und ist, sage ich mal, der weiße Part. Man braucht ja auch immer so ein bisschen Yin und Yang. Elias ist das genaue Gegenteil von Noah, aber mindestens so stark und mindestens so eine Persönlichkeit wie Noah. Er geht in eine andere Richtung vom Typ her.

Wollten Sie nur ein Kind?

Nein. Ich wollte immer mehrere Kinder. Nur irgendwann habe ich mich gefragt: Hab ich eigentlich genug Liebe, genug Kraft übrig, um mein zweites Kind genauso zu lieben wie mein erstes? Und lange war die Antwort: Nein, ich kann es nicht, ich fokussiere mich so auf Noah, da bleibt keine Zeit. Aber das vergangene Jahr hat gezeigt, dass es möglich ist. Ich tue mein Bestes, um auch Elias gerecht zu werden.

Sie werden am 22. November 34. Wenn Sie auf das vergangene Lebensjahr zurückblicken - was tut Ihnen leid?

Was tut mir leid? Ich habe Vorstellungen, ich meine etwas zu wissen, aber am Ende des Tages sind wir alle doch immer noch auf der Suche. Ich bereue jeden Tag etwas, was ich vielleicht hätte anders machen sollen. Ich bin nicht immer sensibel genug, ich bin manchmal zu harsch, zu brutal oder zu direkt. So bin ich jetzt schon sehr lange, das ist Teil meines Charakters. Dieses jetzt groß zu ändern ist schwer. Ich versuche nun, mit meinen Stärken und Schwächen intelligenter umzugehen.

Wie verbringen Sie Ihren Geburtstag - mit einer großen Party?

Nein. Aber Barbara hatte irgendeine Überraschung vor.

Werden Sie in Miami sein?

Nein, ich muss arbeiten, Tennis spielen am Wochenende in Oberhausen. Ich muss Geld verdienen, der monatliche Scheck soll ja kommen?

Uns kommen gleich die Tränen.

Ich bin aber sehr gespannt, was Barbara vorhat. Ich bin eigentlich nicht gemacht für Überraschungen. Ich hatte mal ein großes Fest, zu meinem Dreißigsten, das artete in eine wilde Party über drei Tage aus, und der unglücklichste Mensch war ich. Weil ich an einem so privaten Tag nicht Gastgeber für 100 Leute sein möchte.

Wäre es denn eine gelungene Überraschung, wenn diesmal Barbara und die Kinder vor der Tür stünden?

O ja, das wäre die schönste Überraschung.

Interview: Ulrike von Bülow, Thomas Osterkorn


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