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Brustkrebs: "Wir müssen uns nicht mehr verstecken"

Vor zwei Wochen hat die Geschichte von Uta Melle das Tabuthema Krebs neu aufgerollt. Nun berichtet Melle über die Reaktionen und ein Problem von Brustkrebspatientinnen, das beseitigt werden muss.

Die Fotos und meine Geschichte, mit denen ich mich vor zwei Wochen auf stern.de gezeigt habe, waren für mich - auch wenn ich von unserer Aktion felsenfest überzeugt war und bin - ein Sprung ins Ungewisse. Umso dankbarer bin ich, dass die Reaktionen durchweg positiv sind. Das hat mich sehr berührt.

In manchen Zuschriften wurde mir gedankt dafür, dass ich mit den Bildern Mut mache. Einige schrieben, sie hätten die Fotos betroffenen Freundinnen gezeigt. Frauen, die selbst an Brustkrebs erkrankt sind, sagten, dass sie nun einen Ansatzpunkt gefunden hätten, um mit ihrer Situation klar zu kommen. Eine Brustkrebspatientin schrieb sogar: "Wir müssen uns nicht mehr verstecken". Das ist großartig! Das macht mich enorm glücklich. Denn dies war der Grund, weshalb ich mich entschlossen habe, die Fotos überhaupt zu veröffentlichen.

Unterstützen statt Tabuisieren

Traurig dagegen ist die Tatsache, dass es in den Antworten immer wieder um das Problem der Tabuisierung von Krebs in der Öffentlichkeit mit all den Folgen geht: das Abwenden der Menschen im Umfeld der Erkrankten - Familie, Freunde, Bekannte, das Versteckenmüssen des kahlen Kopfes und der flachen Brust. Die allein daraus resultierenden emotionalen Schwierigkeiten bereiten extrem vielen Frauen solche Probleme, dass das Körperliche fast schon in den Hintergrund gedrängt wird.

Sicher - die körperliche Behandlung wird vom Arzt vorgegeben, und man weiß, was zu tun ist. Aber mit dem Rest muss frau selbst klarkommen. Und hier ist die Schwierigkeit: Meist reagieren die Menschen im Umfeld nicht gut. Die Kranke wird nicht aufgefangen. Und so kann sie ihre Entscheidungen nicht mehr klar treffen - wie weit sie amputieren lässt, ob sie die Chemotherapie auf sich nehmen will. Es kommt zur Distanzierung. Und das macht, zu all den anderen Problemen, der Angst, den Schmerzen, auch noch unsicher. Diesen Punkt aufzugreifen, finde ich wichtig, denn es ist das einzige, wo Partner, Freunde, Mitmenschen unterstützend wirken können und müssen.

So sieht die Wirklichkeit aus, die ich selbst erlebt habe und die, wie ich aus den vielen Zuschriften weiß, auch andere erleben müssen: Die Frau bekommt von einem Arzt die Diagnose Brustkrebs und sitzt in einer Schockblase. Zu diesem Zeitpunkt sind die Mitmenschen meist noch da. Die Frau fällt ihre Entscheidungen, und die Behandlung fängt an. Da fallen schon einige weg aus dem Umfeld. Die, die ihre Sensationslust befriedigt haben. Die kann man aber eh vergessen.

Hilfe am Tiefpunkt

Es folgt die Chemo. Nach zwei Monaten merkt frau, dass sich das "ansprechbare" Umfeld sehr reduziert hat. Wenn die Kranke nach einiger Zeit alle emotionalen Höhen und Tiefen erlebt hat, ist der Kreis der Menschen, die sich noch kümmern, kaum noch vorhanden, und sie steht ziemlich allein da. Das stellt sie leider ausgerechnet dann fest, wenn sie - auch chemobedingt - am emotionalen und körperlichen Tiefpunkt steht.

Krank zu sein, ist schon schlimm, aber krank und einsam zu sein, ist eine Katastrophe! Eine Diagnose wie Krebs zu erhalten, ist natürlich Pech. Wer viel Pech in seinem Leben erlebt, neigt dazu, sich selbst Vorwürfe zu machen. Darunter leidet das Selbstwertgefühl. Das darf nicht passieren. Denn Pech ist Pech, und man kann nichts dafür!

Soweit mein Resümee aus den wunderbaren Zuschriften, die ich bekommen habe. Und daraus resultiert nun mein Aufruf an alle Mitmenschen: Bitte unterstützt Eure Partner, Freunde, Bekannte, die Krebs haben. Nicht nur zwei Wochen lang, sondern über die ganze Zeit hinweg. Wenn wir in schlimmen Zeiten nicht zusammenhalten, wann denn dann? Wir können nicht immer über die Ärzte schimpfen, wenn wir selbst nicht unseren Teil tun!

Ediert von Sophie Albers
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