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1. Folge von "I Am Cait": Caitlyn Jenner und die Show, auf die ganz Amerika gewartet hat

Amerika hat darauf gewartet, nun ist die erste Folge von Caitlyn Jenners Realityshow "I Am Cait" gelaufen. Während die Kardashians der Selbstinszenierung frönen, sorgt die tragische Geschichte eines 14-jährigen transsexuellen Selbstmörders für Emotionen.

Von Andreas Renner, Los Angeles

Caitlyn Jenner spricht, während sie sich schminkt - eine Szene aus dem Trailer zur Doku-Soap "I am Cait".

Caitlyn Jenner spricht, während sie sich schminkt - eine Szene aus dem Trailer zur Doku-Soap "I am Cait", die am Sonntag im US-Fernsehen anlief.

Man kam in L.A. in den vergangenen Wochen kaum daran vorbei: Die Bewerbung der Doku-Soap “I Am Cait” war aggressiv und flächendeckend in der Stadt präsent. Massive Fernseh- und Radiospots an der Tagesordnung. Die achtteilige Serie erzählt die Wandlung von Bruce Jenner hin zu Caitlyn Jenner. Ein einstiger amerikanischer Olympiaheld beschließt im Alter von 65 Jahren seinen fast lebenslangen Kampf mit der eigenen Identität zu beenden und den Rest seines Lebens das zu tun, was er jahrzehntelang unterdrückte: als Frau zu leben.

Am Sonntagabend lief also nun die erste Folge von “I Am Cait” im US-Fernsehen - eine Mischung aus gewohnt abstrusem Kardashian-Exhibitionismus und der wirklich interessanten wie bewegenden Geschichte eines Mannes, der den Mut fasste, nicht länger eine Lebenslüge leben zu wollen. Die Einschaltquoten sind noch nicht veröffentlicht, aber man geht von einer neuen Rekordquote für den Sender E! Entertainment aus, der die Serie ausstrahlt. Im vergangenen Frühjahr schalteten 17 Millionen Amerikaner ein, als Jenner gegenüber Diane Sawyer erstmals offen erklärte, dass sie transsexuell ist. Ein Wert, vom dem E! nun hofft, ihn übertroffen zu haben. 

Besuch beim Ex-Papa und Ex-Stiefvater 

In der ersten Episode von “I Am Cait” treffen einige Mitglieder des Kardashian-Clans erstmals auf Caitlyn Jenner, die sie bislang als Papa oder Stiefpapa Bruce kannten. Nach acht Jahren Reality-Soap-Erfahrung spulen vor allem Kim Kardashian und Kylie Jenner, teilweise etwas einstudiert wirkend, ihren Stiefel ab. Sie haben die Selbstvermarktung eben längst perfektioniert. Kim durchstöbert den Kleiderschrank des ehemaligen Stiefvaters, der nun ihre Ex-Stiefmutter ist. Rein zufällig sollte es wirken, dass sie dabei genau das gleiche Kleid entdeckt, dass auch Caitlyn Jenners Ex-Frau Kris im Schrank hängen hat. Während Kylie mit Caitlyn Frisuren testet, lässt sie zwischendurch geschickt fallen, dass sie ja auch eine eigene Kollektion an Hair Extentions vertreibt.

Von seiner sanften Seite zeigt sich Rüpel-Rapper Kanye West, er umarmt Caitlyn vorsichtig und bezeichnet ihren Mut als “eines der stärksten Dinge, die wir in unserer Existenz als Menschen erleben können”. Um schon kurz darauf hinterher zu schicken, dass Sneakers ohne Schnürsenkel ebenfalls etwas Wunderbares seien. Wie das zusammen passt? West vertreibt seine eigene Kollektion an Sneaker-Schuhen. 

Ich habe meinen Sohn verloren

Wesentlich spannender sind Caitlyns erste Begegnungen mit weniger trainierten Medienprofis wie etwa ihrer Mutter Esther. Die Emotionen der 88-jährigen sind nicht gespielt. Mein erster Gedanke war: “Ich habe meinen Sohn verloren”, sagt sie, als sie Caitlyn erstmals gegenüber tritt. Zwar unterstützt Esther die neue Lebensform ihres Kindes, doch sie kommt gelegentlich noch etwas ins Schleudern mit den Pronomen: “Ich muss mich erst an Caitlyn gewöhnen, aber ich möchte, was er möchte”. 

Wo sich “I Am Cait” von einem gewöhnlichen Spin-Off der Kardashian-Soap unterscheidet, sind die Momente, in denen Caitlyn sich nicht nur dem eigenen Transsexuellen-Schicksal und der eigenen Brut widmet. "Mir ist klar, jede Transsexuellen-Geschichte ist individuell. Aber ich, als Person der Öffentlichkeit, kann all denen eine Stimme geben, die keine haben", erklärt Cait. Das versucht sie, indem sie die tragische Geschichte des 14-jährigen Kyler Prescott aus San Diego erzählt, der sich am 18. Mai das Leben nahm. Kyler war ein transsexueller Teenager, der wie Caitlyn sein Leben ändern wollte. Die Eltern unterstützen den Schritt, halfen ihm sogar dabei, seinen Namen legal zu ändern. Doch der Junge tötete sich selbst, noch bevor er seine neue Geburtsurkunde sehen konnte. Cait besuchte die Eltern des Teenagers und ließ in Gedenken an Kyler mit der Familie und Freunden goldene Luftballons steigen.

Selbst Hilfe der Familie oft vergebens

Die Botschaft soll lauten: Selbst die Unterstützung der eigenen Familie reicht oftmals nicht aus, wenn der Rest der Gesellschaft nicht mehr Toleranz gegenüber Transsexuellen aufbringt. "Ich saß auch da mit der Waffe in der Hand", erklärt Caitlyn in einer Szene und weiß: “Nicht jeder hat eine Familie mit solcher Toleranz. Echte Freunde. Therapeuten oder schlichtweg das Geld dafür, um den Schritt zu gehen.” Wenn Caitlyn Jenner mit den acht Folgen ihrer Doku-Soap, für die sie fünf Millionen Dollar kassieren soll, am Ende auch nur einen Selbstmord eines Transsexuellen verhindern kann, dann hat sie damit mehr erreicht als die Kardashians mit mehr als 140 Folgen ihrer Reality-Soap.

"I am Cait" ist bei uns ab dem 9. August immer Sonntags um 22:20 Uhr auf dem Pay-TV Sender E! Entertainment zu sehen.