VG-Wort Pixel

stern-Kolumne Winnemuth Dessous und Gurkengläser


Der Fall Caitlyn Jenner wirft eine verwirrende Frage auf: Woran merken wir, abgesehen von der Anatomie, ob wir Mann oder Frau sind?
Von Meike Winnemuth

Als ich vor einigen Wochen Caitlyn Jenner auf dem Cover der "Vanity Fair" sah, die Frau, die als Olympiasieger Bruce Jenner und Stiefvater von Kim Kardashian berühmt wurde, war meine erste Reaktion: doll. Wie mutig. Ein Hoch auf alle, die sich trauen zu sein, wie sie sein wollen.

Meine zweite Reaktion: doll, aber … wieso im ersten öffentlichen Bild diese Pin-up-Pose, wieso die Seidendessous, der Schlafzimmerblick, die ganze Klaviatur femininer Klischees? Klar hat sie das Recht, genau die Sorte Frau zu werden, die sie will, aber warum ist es immer dieses verstaubte Stereotyp aus Lalaland, das das Ziel aller Träume zu sein scheint?

Sie ist nicht 13, sondern 65

Wenn es stimmt, dass Geschlechterrollen so fluide sind wie nie zuvor - und wer wäre ein besseres Beispiel dafür als Caitlyn Jenner -, wieso ist so oft das Botox- & Glitzerfummelding, die Diven- und Tussihaftigkeit das weibliche Leitbild? Wieso ist es für Jenner das Größte, endlich Nagellack tragen zu dürfen und "mit Mädels über Klamotten, Haare und Make-up zu reden", wie sie im Interview sagte? Gibt es nichts Interessanteres? Herrgott, sie ist nicht 13, sondern 65. Das heißt nun nicht, dass sie wie Mrs. Doubtfire auflaufen soll, aber muss es wirklich als Fifties-Sexobjekt sein? Dafür all die Jahrzehnte der Seelenqual, dafür die zukünftige Qual, bis ans Lebensende Symbol für irgendwas sein zu müssen, die ...

Stopp. Fresse, Winnemuth, denk erst mal nach. Das Großartige an Menschen wie Caitlyn Jenner und Kunstfiguren wie Conchita Wurst ist ja, dass sie Fragen aufwerfen, ohne sie selbst zu stellen. Zum Beispiel die schlichte, unfassbar schwer zu beantwortende Frage: Wie soll man denn nun sein als Frau? Wie als Mann? Und woher weiß man überhaupt, ob man das eine oder das andere ist?

Ich habe in letzter Zeit etlichen Frauen anlässlich des Falls Jenner diese Frage gestellt: Woran merkst du, dass du eine Frau bist, woran machst du das fest, jetzt mal jenseits der Anatomie, mit der du geboren bist (und die ja nun weiß Gott nicht identitätsstiftend ist)? Wir alle kamen ins Stocken. Schnelle, bequeme Antworten ("ich bin emotional/empathisch/mütterlich/kann gut multitasken/quatsche alle Leute voll/kriege keine Gurkengläser auf") entpuppten sich als völlig untaugliche Klischees, jede kannte genug Männer, auf die das genauso gut zutrifft. Umgekehrt nannte jede von uns Dutzende von Eigenschaften, die in dem guten alten Binärmodell maskulin/feminin traditionell der Gegenseite zugeordnet würden. Ich zum Beispiel kriege jedes Gurkenglas auf, kann supergut einparken, habe lieber mit Fischertechnik als mit Puppen gespielt, kann mir keine Geburtstage merken und schon gar nicht die Namen von Kindern entfernter Bekannter - und nun? Was machen wir mit Begriffen wie durchsetzungsfähig, autark, zartfühlend, versponnen, kompetitiv, romantisch? Sind die männlich? Weiblich? Und ist es nicht toll, dass die Antwort darauf in diesem Jahrtausend nahezu unmöglich geworden ist?

Selbst die Idee vom männlichen und weiblichen Gehirn bröckelt. Mädchen- und Jungshirne seien ununterscheidbar, sagt etwa die britische Neurologin Gina Rippon, erst später werden sie durch die steten Tropfen von Erwartung, Erziehung und Erfahrung geprägt – nicht anders als bei Londoner Taxifahrern die für das Orientierungsvermögen zuständige Hirnregion ausgeprägter ist als bei anderen Menschen und bei Violinisten die Region für die Bewegungen der linken Hand. "Es wird unterschätzt, wie formbar und durchlässig Gehirne sind. Sie verändern sich ein Leben lang." Und Menschen auch und Rollen auch und Identitäten erst recht. Wer wir sind, wird immer eine Frage sein, nie eine Antwort.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker