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M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Freude am Nichtstun: Einfach mal nutzlos sein

"Urlaub nehmen" – klingt das nicht wie eine Form von Diebstahl? Man muss sich die Freude am Nichtstun hart antrainieren. Aber es lohnt sich.

Freude am Nichtstun: Einfach mal wieder nutzlos sein

Auch das Nichtstun muss einen Zweck erfüllen: anschließend umso besser reinhauen zu können

Es gibt eine Menge zu tun. Die neuen Fensterleisten mit Holzschutzmittel streichen, die Gurkensämlinge eintopfen, die Wildwiese mähen, die Soden mit der Wiedehopfhaue raushebeln und entsorgen, anschließend 50 Deschampsia cespitosa einpflanzen. Eisfach abtauen, Zeitschriftenstapel abtragen, Flaschen zum Container. Mal wieder durchsaugen, wie sieht denn das hier aus? Ein paar Mails schreiben. Da liegt ein Buch, ungelesen, Montag ist Buchklub, jetzt aber schnell. Ach so, und die Kolumne. Die besonders.

Stattdessen tue ich: nichts. Absolut gar nichts. Ich schwänze, ich gebe mir frei, ich gebe mich frei. Ich tue nicht mal was für mich selbst, das gilt ja inzwischen auch schon als sinnvoll verbrachte Zeit. Nicht meditieren. Keine Fußnägel lackieren. Nicht mal mit dem Hund spielen, egal welche abgeliebten Spielzeuge er auch auffordernd heranschleppt. Na gut, vielleicht später. Na gut, gleich. Um wieder mal darüber nachzudenken, ob ich mit dem Hund spiele oder er mit mir. Will er mich beschäftigen?

Verdaddelte, vertrödelte Zeit

Ich sitze einfach nur auf der Gartenbank und gucke Löcher in den strahlend blauen Himmel. Schaue zwei Kohlweißlingen im taumelnden Paarungsflug zu (vermute ich wenigstens), die sich höher und höher schrauben, bis über die Baumwipfel hinaus. Wie hoch können eigentlich Schmetterlinge fliegen? Normalerweise würde ich jetzt das Handy zücken und es googeln und die Info sofort anschließend wieder vergessen. Heute: nicht. Ist egal, wie hoch die fliegen, die fliegen hübsch.

Dass ich das kann, dieses Nichtstun, daran habe ich hart gearbeitet. Das muss man sich hierzulande mühsam antrainieren. Denn unausgefüllte, verdaddelte, ziellos vertrödelte Zeit widerspricht dem Diktat der Nützlichkeit, die in allen Lebenslagen Pflicht ist. Auch Entspannung hat bitte zielführend zu sein, auch die Freizeit möge bitte sinnvoll genutzt werden. Urlaub? Klar, steht einem zu, aber allein die Formulierung "Urlaub nehmen" klingt schon wie ein kleiner Diebstahl, wie eine Form von Unterschlagung.

Herzlich gelacht habe ich kürzlich über einen Artikel in der "New York Times" anlässlich des amerikanischen Nationalfeiertags Memorial Day. Überschrift: "Was man mit einem freien Tag anfängt." Es gab schöne Vorschläge zur Freizeitgestaltung:

• Bringen Sie Ihre Finanzen in Ordnung. Überlegen Sie, wie Sie Ihre Ausgaben reduzieren können, kümmern Sie sich um Ihre Altersvorsorge.

• Reinigen Sie Ihren Kühlschrank richtig gründlich.

• Setzen Sie einen Teig an.

• Tun Sie etwas, das Sie schon lange vor sich herschieben.

• Denken Sie über Ihre Karriere nach.

Am Ende des Artikels dann die schockierende Idee: "Tun Sie absolut nichts." Genauer: "Schlafen Sie sich mal richtig aus. Es könnte Ihre nächste Arbeitswoche viel produktiver machen."

Zweck des Nichtstuns

Natürlich. Auch das Nichtstun muss einen Zweck erfüllen: anschließend umso besser reinhauen zu können. Nicht mit mir, Freunde. Ich tue nichts, und morgen werde ich dafür auch nicht mehr tun als sonst. In keiner Weise nützlich sein heißt auch: sich überflüssig machen. Man trägt nichts zum Gelingen des Tages bei, zum Fortbestand der Menschheit, zum Weiterrattern der Welt. Es ist komplett egal, ob man existiert. Ist das der Grund, warum so viele Leute die Tatenlosigkeit nicht ertragen? Weil es uns so schmerzhaft bewusst macht, wie entbehrlich wir alle sind?

Das sind die besten Tage: die geschwänzten, lustvoll verweigerten, trotzig verplemperten Tage, an deren Ende man keine Ahnung hat, wo die Zeit geblieben ist. Ein Gefühl wie damals, wie große Ferien, wie ein einziger endloser Sommernachmittag.

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Themen in diesem Artikel
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?