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Fremdenhass auf Flüchtlinge: Campino ruft nach der Staatsmacht

Beim Thema Flüchtlinge ist es unter den deutschen Prominenten noch immer erstaunlich und schrecklich ruhig. Ausgerechnet Campino von den Toten Hosen sagte nun etwas völlig Unerwartetes.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Campino, Sänger der Toten Hosen

Ungewöhnliche Worte von Toten-Hosen-Frontmann Campino: Bei offenem Fremdenhass müsse "die Staatsmacht mit aller Härte vorgehen"

Wenn einer wie Campino, Frontmann der Toten Hosen, sich gegen Fremdenhass ausspricht, ist das nichts Besonderes. Wenn einer wie Campino, Punker fürs Leben, nach der "Staatsmacht" ruft, ist das beunruhigend.

Nach gefühlt 100 Shitstorms gegen mehr oder weniger prominente Menschen, die sich in diesem Land für Flüchtlinge und gegen Fremdenhass stark gemacht haben - allen voran Til Schweiger - hat auch "Do they know it's christmas time"-Campino in einem Interview Stellung bezogen.

"Es bringt nichts"

Es war keine große Zeitung, nicht einmal eine deutsche, sondern das Schweizer Blatt "Aargauer Zeitung", das ihn gefragt hat, ob ihn der Blick auf die Gesellschaft nicht wütend mache. Und der professionelle Rebell antwortete: "Natürlich werde ich wütend, über jene, die eine Hatz beginnen und die Atmosphäre vergiften. Da kann es einem schon die Sicherungen raushauen. Aber es bringt nichts. Bei offenen Bedrohungen gegen Flüchtlinge muss die Staatsmacht mit aller Härte vorgehen. Wir als Gesellschaft müssen bei dieser Thematik rationaler sein."

"Es bringt nichts", "Staatsmacht", "rationaler" sind Worte aus dem Munde dieses Sängers, die aufhorchen lassen. Der immer wieder aufbrechende geballte Fremdenhass in der Debatte um Flüchtlinge, die vor allem aus Kriegsgebieten nach Deutschland kommen, hat die "alte" Diskussion Links gegen Rechts verändert. Aus dem zuweilen eingefahrenen Spiel ist gesellschaftlich relevanter Ernst geworden. Menschen werden mit dem Tode bedroht, Flüchtlingsunterkünfte angegriffen, Rechtsextremisten fühlen sich so sicher wie nie. Deutschland hat ein Problem - und das sind Deutsche.

Niemand schreit auf

Sogar Campino ist überrascht von der "unverhohlenen Ausländerfeindlichkeit": "Sie ist eine große Bedrohung. Dieser Hass kann zur Mainstream-Gesinnung werden. Sprüche, die bisher tabu waren, werden plötzlich gesellschaftsfähig, ohne dass jemand aufschreit. Da muss die Gesellschaft dagegenhalten", fordert der 53-Jährige in dem Interview. "Man muss es sich im Supermarkt nicht mitansehen, wenn einer runtergemacht wird, nur weil er nicht von hier ist. Da kann man etwas dagegen tun."

Denn, so Campino weiter, "wir sollten uns alle bewusst sein, dass wir in einer völlig abnormalen Zeit leben. Noch nie gab es in Mitteleuropa so lange Frieden. Wenn Sie mich also unter diesem Aspekt fragen, ob ich froh bin, aus Deutschland zu sein, dann sag ich gerne Ja. Ich bin verdammt noch mal friedlich aufgewachsen."