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Charlie Sheen: Unverwüstliches Image

Drogen, Sexaffären, häusliche Gewalt - Hollywoodschauspieler Charlie Sheen lässt keinen Skandal aus. Doch die Fans schalten seine Shows weiter ein, der Sender steht hinter ihm, seine Einnahmen sind sicher. Was unterscheidet Sheen von Tiger Woods?

Von Frank Siering, Los Angeles

Stolze 825.000 Dollar verdient Charlie Sheen pro Episode für seine Hauptrolle in der erfolgreichen Show "Two and a Half Men", die bei dem Sender CBS ausgestrahlt wird. Diese Gage macht ihn zum TV-Schauspieler mit dem höchsten Einkommen in Hollywood. "Wenn ein Studio seinem Star so viel Geld zahlt, dann können Sie sich sicherlich vorstellen, wie viel Geld der Sender CBS mit der Show verdient", sagt TV-Journalist Bob Strauss von der "Los Angeles Daily News". Kein Wunder, dass der Sender zu dem Star steht, die Quote ist gut, Sheens lukrativer Vertrag läuft zwar am Ende der laufenden Saison aus, soll aber verlängert werden, wie Branchengerüchte besagen.

Und das, obwohl Charlie Sheen derzeit für Negativschlagzeilen sorgt, in einem Land, das makellose Helden verehrt. Ausgerechnet in Aspen, dem Schneeparadies der Reichen und Schönen Amerikas, hat Carlos Irwin Estevez, so heißt Charlie Sheen im Reisepass, seine Frau Brooke Mueller angegriffen. "Er bedroht mich mit einem Messer", hört man die tränenerstickte Stimme von Mueller auf dem Notrufband.

Kelly Preston schoss Sheen "aus Versehen" in den Arm

Es ist nicht das erste Mal, dass der 44-Jährige wegen Gewaltandrohung gegen eine Frau in die Kritik geraten ist. Kurz vor Weihnachten 1996 war es die damalige Sheen-Freundin Brittany Ashland, die bei der Polizei anrief. Sheen habe sie angeblich bedroht, geschlagen und ihr dabei so auf die Lippe geschlagen, dass diese mit sieben Stichen genäht werden musste. Schon 1990 wurde Sheens damalige Freundin Kelly Preston, die heute mit John Travolta verheiratet ist, mit einer Fleischwunde am Arm ins Krankenhaus eingeliefert. Sheen hatte sie mit einem Revolver bedroht, "aus Versehen" habe sich der Schuss gelöst, behauptete Sheen später.

Gewalt gegen ein Familienmitglied, in Amerika als "Domestic Violence" bezeichnet und verpönt, bedeutet in Hollywood eigentlich das sichere Ende einer Karriere. Nicht so für Charlie Sheen. Er gilt in den USA noch immer als "Bad Boy", ein rauer Junge, mit dem nicht gut Kirschen essen ist, der aber trotzdem von seinen Fans geliebt wird.

Das Bad-Boy-Image ist Teil seiner Karriere

Konsequent hat sogar die eigene Familie zum Aufbau des Bad-Boy-Images beigetragen - wenn auch eher unfreiwillig. 1998 war es der Vater, Hollywood-Legende Martin Sheen, der seinen Sohn der Polizei meldete. "Mein Sohn ist kokainabhängig, er braucht Hilfe", bekannte Sheen Senior damals. Es folgte ein Aufenthalt in einer Entzugsklinik.

Danach bekam er lukrative Filmangebote. Egal, was Charlie Sheen auch anstellte, seine privaten Probleme schienen keinerlei Effekt auf seine berufliche Laufbahn zu haben. Im Gegenteil, sie prägen das Image von Sheen. Er war der einzige Promi, dessen Name als Kunde veröffentlicht wurde, als der Skandal um den Prostituierten-Ring um Heidi Fleiss im Jahre 1994 bekannt wurde. Als "sexsüchtig" wurde er beschrieben und von seiner zweiten Ehefrau, Denise Richards, später beschuldigt, stundenlang auf Porno-Webseiten herumzusurfen.

Auch das beschädigte seine Karriere nicht. Der einstige "Wall Street"- Star unterschrieb im Jahre 2003 seinen wohl lukrativsten Vertrag. In "Two and a Half Men" spielt er den hedonistischen Playboy Charlie Harper, dessen fiktiver Charakter dem echten Charlie Sheen sehr ähnelt. Erst im Mai wurde die Serie für drei weitere Folgen verlängert. Sheen kassiert pro Episode 825.000 Dollar. 23 Shows werden in einer Folge produziert.

Es ist wohl tatsächlich die Übereinstimmung von dem Image, das er auf der Leinwand transportiert, und seinem wirklichen Leben, was für Sheens unzerstörbaren Erfolg sorgt. "Charlie Sheen hat schon so viele Skandale hinter sich. Ich glaube, dass die Öffentlichkeit, dass seine Fans nichts anderes von ihm erwarten", sagt die PR-Expertin Vanessa Horwell. Auch wenn seine Agenten und Manager der Presse immer wieder vorwerfen, Schmierenkampagnen gegen Sheen zu fahren, tun sie das nur, um das Gesicht zu wahren. Denn im Gegensatz zu Tiger Woods muss der Schauspieler nicht mit wirtschaftlichen Verlusten rechnen. Auch Unternehmen halten weiter an den Verträgen mit Sheen fest, er fungiert beispielsweise als Werbeträger für Unterwäsche.

Wer einmal böse ist, darf es immer sein

Doch was ist der Unterschied zwischen Golfstar Tiger Woods, der nach Sexaffären Sponsoren- und Werbeverträge in Millionenhöhe verloren hat, und Schauspieler Sheen, dem offensichtlich kein Skandal das Geschäft ruinieren kann? Bob Oltmans, Professor für Public Relations an der Carnegie Mellon University glaubt, dass man keinen Vergleich zwischen Woods und Sheen ziehen kann: "Das jüngste Verhalten von Sheen passt in das öffentliche Bad-Boy-Profil des Hollywood-Stars, während das Verhalten von Tiger Woods genau das Gegenteil des über Jahre aufgebauten Images des Golfers entspricht", so Oltmans. Heißt also: Imagewechsel ist in Hollywood kaum möglich, wer einmal böse ist, darf es immer sein, aber einem Saubermann verzeiht man seine Fehltritte kaum.

Sicher, auch ein scheinbar Unantastbarer wie Charlie Sheen muss nach Skandalen öffentlich Reue zeigen. So ließ er, wie so oft in der Vergangenheit, über seine Sprecher mitteilen, er werde sich zusammen mit seiner Frau in eine Eheberatung begeben. Außerdem, so kündigte Sheen an, werde er sich einer Wuttherapie unterziehen.

Schon unken Kritiker, dass Sheen mit dieser Entscheidung nur seinen Auftritt vor dem Richter am 8. Februar vorbereitet. Denn diesmal, so Strafverteidigerin Laurin Maytin aus Colorado, "könnte Mr. Sheen tatsächlich im Gefängnis landen". Sollte seine Frau für Anklage plädieren, noch ist das nicht geschehen, dann "stehen für den Angriff mit einer Waffe eine Gefängnisstrafe von zwei bis acht Jahren im Gesetzbuch", so Maytin. Doch wer Charlie Sheens Lebenslauf kennt, der ahnt schon jetzt, dass der "Bad Boy" auch diesmal wieder mit einem blauen Auge davonkommt.