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David Kross: Die Sexszenen waren "bizarr und komisch"

Ein 18-Jähriger aus der deutschen Provinz ist auf dem Weg, Hollywood zu erobern. Im Oscar-nominierten Film "Der Vorleser" spielt David Kross die ersten Sexszenen seiner Karriere - mit Superweib Kate Winslet.

Von Irmgard Hochreither

Auf der Straße würde man achtlos an ihm vorbeilaufen. Nichts Bemerkenswertes an diesem schmalbrüstigen Kerlchen mit dem kurzen, aschblonden Haar. Dass er ein wenig blass aussieht, würde man vielleicht denken. Wie einer, der nicht genug Schlaf kriegt, zu viel raucht und zu wenig isst. Besonders Aufmerksame würden noch die feinen, kindlich zarten Linien im Gesicht zur Kenntnis nehmen. Aber sonst? Prominent ist, wer sofort überall erkannt wird. Mit David Kross kann man über die Straße gehen, ins Taxi steigen, im Café sitzen, ohne Aufsehen zu erregen. Doch mit dieser Ruhe könnte es bald vorbei sein.

Erst lernen, dann drehen

Für fünf Oscars war "Der Vorleser", die Verfilmung von Bernhard Schlinks Weltbestseller, nominiert, Hauptdarstellerin Kate Winslet hat ihn bekommen. An ihrer Seite spielen Ralph Fiennes - und David Kross. Ein 18-jähriger Junge, der noch zu Hause bei seiner Familie in Bargteheide wohnt und den Eltern versprechen musste, erst für die Mittlere Reife zu büffeln, bevor er zu den Dreharbeiten fährt. Die Arbeit für die internationale Produktion war nach "Knallhart" und "Krabat" seine dritte Hauptrolle vor einer Kinokamera. Das alles in nur drei Jahren. Vom Luftballonverkäufer in der Laienspieltruppe seiner Heimatstadt zum Nachwuchsstar auf dem roten Teppich in Hollywood - einen so rasanten Traumstart in eine Kinokarriere hat noch kaum einer hingelegt. Mit kindlicher Begeisterung freut er sich "wahnsinnig über die einmalige Chance, nun diesen ganzen Oscar-Zirkus mitzuerleben".

Aber noch sitzt die Hoffnung des deutschen Kinos in einem Hamburger Café und nestelt am Druckknopf eines Hemdärmels. Auf und zu. Auf und zu. Ganz mechanisch, immer wieder. Der schüchterne junge Mann ist noch nicht angekommen in der Welt der coolen Performer. Und genau diese unfertige Mischung aus Schulbub und Filmstar, Landei und Jetsetter wirkt entwaffnend sympathisch.

Für seine Darstellung des 15-jährigen Bürgersohns Michael Berg, der sich in die mehr als doppelt so alte Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz (Kate Winslet) verliebt, wurde der Junge mit dem Unschuldsblick zuletzt auf der Berlinale als Shootingstar gefeiert und von den Talentscouts internationaler Castingagenturen umworben. Sich in diese krude Liebesgeschichte hineinzufühlen - ein harter Brocken für einen Teenager. Atemloser Sex samt symbolträchtigen Waschritualen verbinden das ungleiche Paar einen Sommer lang. Als Zwischenspiel: die Erotik der Sprache. Die Bücher, aus denen der Schüler seiner Geliebten vorliest: Homer, Tschechow, Schiller, Lessing. Erst Jahre später erfährt er von Hannas dunklem Geheimnis. Als Jurastudent beobachtet er einen Naziprozess und erkennt auf der Anklagebank seine Jugendliebe wieder, die als ehemalige KZ-Aufseherin wegen Mordes in 300 Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Großes Kino, existenzielle Themen: Liebe und Sex, Schuld, Moral und Sühne. Es kann Kross egal sein, dass amerikanische Kritiker dem britischen Regisseur Stephen Daldry vorwarfen, Mitleid für eine Massenmörderin erpressen zu wollen. Einigkeit herrschte darüber: Kross is great.

"Ich hatte natürlich Hemmungen"

Die Erinnerung an das "erste Mal", die ersten heftigen Sexszenen seiner Karriere, lassen ihn noch ein bisschen blasser werden. Fast schämt man sich dafür, überhaupt danach zu fragen, wie es war mit Superweib Kate Winslet. David Kross rührt so heftig in seinem Tee, dass man fürchtet, das Glas gehe gleich zu Bruch. Schließlich würgt er ein "bizarr und komisch" heraus.

Als er das Buch zum ersten Mal gelesen habe, sei er so irritiert gewesen über diese Sexszenen, "dass ich den Zusammenhang und die Komplexität der Geschichte überhaupt nicht verstanden habe". Die Ernsthaftigkeit, mit der er sich bemüht, nur ja keinen Bullshit zu erzählen, führt zu endlos scheinenden Pausen, in denen er nach den richtigen Worten sucht. "Ich hatte natürlich Hemmungen, konnte mir nicht vorstellen, dass ich so was spielen könnte. Aber mit jedem neuen Lesen habe ich mehr kapiert." Dabei brachte er alles mit, was nötig war, um die schwierige Rolle zu bewältigen: das Talent, die Disziplin, die Neugier, das Staunen - und seine Jugend. Wie ein trockener Schwamm versuchte der damals 16-Jährige, Wissen aufzusaugen, fraß sich durch Berge von Sekundärliteratur, besuchte das Jüdische Museum in Berlin und absolvierte eine intensive Vorbereitungszeit mit seinem englischen Dialogcoach, "was mir unheimlich geholfen hat, in den Stoff reinzukommen".

Die Dreharbeiten selbst glichen eher einem Hindernislauf mit zahlreichen Zwangspausen: Erst wurde die vorgesehene Hauptdarstellerin Nicole Kidman schwanger, dann starben kurz hintereinander die beiden Produzenten Anthony Minghella und Sidney Pollack. "Und zu allem Überfluss", klagt David Kross, "habe ich mir auch noch den Arm gebrochen." Doch dann kam Kate. Die Ersatzfrau, verrät der Deutsche, sei eigentlich immer die erste Wahl gewesen - und beginnt zu schwärmen. "Kate ist einfach toll. Überhaupt keine Diva, sondern ganz bodenständig, ein super Teamplayer und wahnsinnig witzig. Als wir uns zum ersten Mal trafen, hat sie mich gleich in ihre Arme gerissen und abgeknutscht."

Prüfung bestanden

Vor allem bei den Sexszenen versuchte die Vollblutfrau, Peinlichkeit durch Professionalität und Feingefühl zu überspielen. "Sie hat ständig gefragt, ob alles okay ist. Sie sagte, jetzt machst du das, dann legst du deine Hand hierhin. Und durch ihre Sicherheit habe ich mich selbst auch sicherer gefühlt. Um eine entspannte Atmosphäre zu schaffen, hat sie mich zum Lachen gebracht. Ich fühlte mich dann wie eine Mischung aus Lachsack und peinlich berührt." Lange Pause. Und dann: "Ohne sie wäre das alles viel schlimmer gewesen."

Doch bevor sich der Grünschnabel mit seiner Filmgeliebten auf den Laken wälzen durfte, hieß es wieder mal: warten. Sex mit Anlauf, sozusagen. Stichtag war der 4. Juli 2008, der 18. Geburtstag des jungen Hauptdarstellers. Nur Volljährige dürfen, laut US-Gesetz, zu unzüchtigen Spielen vor der Kamera angeleitet werden. So wurde die Birthday-Party im Beach-Club auf dem Oberdeck eines Kölner Parkhauses zu einer Art Initiationsfeier für das "erste Mal". Ein unvergesslicher Tag, "aber richtig genießen konnte ich meinen Geburtstag nicht. Der Gedanke, dass ich am nächsten Morgen diese Szenen drehen musste, hat mir den Spaß schon ein bisschen versaut."

Doch das Ergebnis macht ihn stolz. "Total toll" findet er den Film. Mag er auch sein Abi auf "irgendwann später" verschoben haben, die Reifeprüfung vor der Kamera hat er mit "sehr gut" bestanden.

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