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Der Stand von gestern: 100 Jahre nach Ende der Monarchie: Der deutsche Adel hat überlebt und eckt mit Ansprüchen an

Vor 100 Jahren landete die Monarchie auf dem Müllhaufen der Geschichte. Der deutsche Adel hat überlebt – und eckt mit Besitzansprüchen an. Besuch bei alten Bekannten.

Von Catrin Bartenbach und David Baum

Deutscher Adel

"Unsere Familie regierte Bayern 738 Jahre - das ist Rekord", sagt Luitpold Prinz von Bayern. Der Prinz ist Bierbrauer und Veranstalter von Ritterfestspielen

Der Mitarbeiter der Hamburger Wasserwerke buchstabiert fassungslos den Namen auf einer Visitenkarte, die ihm eben überreicht wurde. Gerade sind sein Kleinwagen und das Auto eines 43-jährigen Unternehmers aus Potsdam im Hamburger Großstadtverkehr leicht aneinandergeschrammt – keine große Sache, Versicherungsangelegenheit. Doch der Wasserwerkmann ist nervös. Der Unfallgegner beruhigt, telefoniert mit der Versicherung, gibt dem Mann seine Karte. Doch diese macht ihn erst richtig stutzig. "Georg Friedrich – was? Prinz? Von Preußen?", liest er ungläubig vor. "So heißt du, oder was?"

So heißt der Mann, der diese Geschichte erzählt. Und Reaktionen wie diese ist er durchaus gewohnt. Allzu entrückt wirken die alten Adelsnamen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, als dass man sich deren Träger außerhalb der Society-Spalten von Klatschblättern als echte Menschen vorstellen könnte.

Weshalb sich der sympathisch auftretende Mann, der unter einem deutlich anderen Verlauf der Geschichte heute deutscher Kaiser wäre, gern bescheiden gibt.

Deutscher Adel

"Ich identifiziere mich mit meiner Familie, meinem Haus", sagt Georg Friedrich Prinz von Preußen. Schwer zu stemmen: Der Stein ist nur aus Pappmaschee, aber die Sanierung der Hohenzollern-Burg ist eine Herkulesaufgabe

"Ich tu mich etwas schwer mit dem Adelsbegriff, weil darunter alles subsumiert wird – von der britischen Königin bis zum adoptierten Hochstapler", sagt Georg Friedrich Prinz von Preußen beim Gespräch in der Hamburger Hafencity, das er vor ein paar Monaten mit dem stern geführt hat. "Ich identifiziere mich mit meiner Familie, mit meinem Haus. Das kann ich abschätzen, damit fühle ich mich wohl." Ein Satz, der viel über die schwer einzuschätzende und von Unsicherheiten geprägte Selbstsicht dieses Standes von gestern sagt.

Mehr als 100 Jahre ist es nun her, dass der Erste Weltkrieg verloren ging und die Monarchie auf dem Müllhaufen der deutschen Geschichte landete. Seitdem sind die ehemals aristokratischen Familien per Gesetz Bürger wie alle anderen auch. Was natürlich nur die halbe Wahrheit ist. Denn in seinen inneren Zirkeln, seinen gesellschaftlichen Traditionen und Gebräuchen und seinem gigantischen Erbe lebt der Adel als eine gesellschaftliche Schimäre fort. Und wird auch gern von der Republik in Anspruch genommen – als traditionsreiche Zierde, als Hauptdarsteller für bunte Klatschgeschichten und bei Bedarf auch als Feindbild.

Welche Rolle spielt der einstige Adel noch in Deutschland?

100 Jahre ohne Macht – ein guter Zeitpunkt, um bei den "Vons" nachzufragen, wie es ihnen heute so ergeht. Und herauszufinden, welche Rolle der einstige Adel noch spielt in Deutschland.

"Klar begreifen wir uns inzwischen als bürgerlich", sagt Georg Friedrich von Preußen. "Das Einzige, was uns vielleicht von anderen Bürgerlichen unterscheidet, ist das Denken in Generationen, das uns bis heute prägt. Mehr bleibt einem auch nicht."

Als er diesen Satz sagt, ist noch nicht öffentlich bekannt, dass es ihn und seine Familie offenbar doch nach sehr viel mehr gelüstet als nur nach dynastischem Denken. In damals noch geheimen Verhandlungen mit der Kulturstaatsministerin Monika Grütters und den Vertretern der Bundesländer fordert er mehrere Zehntausend Objekte aus dem Bestand der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und des Deutschen Historischen Museums in Berlin zurück. Sowie das Wohnrecht in alten Schlössern. Es geht offenbar auch um die Deutungshoheit des ganzen Hauses Hohenzollern – so der Stammesname der Preußen – und seiner nicht immer ruhmreichen Geschichte. Die Aufregung ist seitdem groß. "Es wird Zeit, dass wir endlich die Adelstitel als Namensbestandteile verbieten und die Machtansprüche dieser Leute in Schranken weisen", fordert etwa Berlins Juso-Vorsitzende Annika Klose. Und der Theaterdramaturg Bernd Stegemann beschimpft die Preußenfamilie in einem Gastbeitrag für das Magazin "Cicero" als "kriminellen Clan" und will sie im Humboldt Forum "als lebendiges Exponat ausstellen".

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Georg Friedrich vor der Büste seines Ururururgroßvaters Wilhelm I. – des siebten preußischen Königs und ersten deutschen Kaisers aus der Familie Hohenzollern

Obwohl "Herr Preußen" nüchtern betrachtet nichts Unerhörtes tut: Er bemüht den Rechtsstaat, um strittige Besitzverhältnisse endgültig und rechtskräftig zu klären. Ein gigantisches PR-Desaster ist es trotzdem. Verständlich, dass Georg Friedrich von Preußen sich im Gespräch weniger auf seine gekrönten Vorfahren wie Kaiser Wilhelm II. bezieht. Sein Vorbild sei der eigene Großvater Louis Ferdinand Prinz von Preußen, der "sich an die neuen Zeiten anzupassen vermochte und in den USA sogar einmal bei Ford am Fließband gearbeitet hat", wie er stolz berichtet. "Er ist 1907 geboren und in der Monarchie erzogen worden – da ging es noch darum, selbst Kaiser zu werden. Meine Familie musste damit zurechtkommen, dass das plötzlich unwahrscheinlich wurde. Auch wenn wir sehr großzügig abgefunden worden sind." Der wirklich harte Verlust sei erst nach dem Zweiten Weltkrieg gekommen, so von Preußen.

Auch darum geht es nun in der Auseinandersetzung mit dem Bund sowie den Ländern Berlin und Brandenburg. Laut Ausgleichsleistungsgesetz von 1994 könnte es für die Klärung von Rückgabeansprüchen maßgeblich sein, ob ein Anspruchsteller oder seine Vorfahren dem NS-Regime "erheblichen Vorschub" geleistet haben. Der brandenburgische Finanzminister Christian Görke (Linke) sagt, dass er einem Prozess gelassen entgegensieht. Er hält die Verstrickungen einiger Mitglieder des Hauses Hohenzollern ins Naziregime für "historisch unmissverständlich belegt". Andere Politiker sind nicht dieser Meinung. Der Ausgang ist noch völlig offen.

Die Rolle des deutschen Adels zur NS-Zeit

Georg Friedrich von Preußen will sich im Moment nicht dazu äußern. Ausgerechnet Georg Friedrichs 2015 verstorbener Onkel Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen, mit dem der Hauschef lange im Clinch lag, hat in seiner Doktorarbeit die glühende Verehrung manches Kaisersohns für Adolf Hitler umfassend dokumentiert. Aber auch die Rolle der Prinzen Oskar und Louis Ferdinand im deutschen Widerstand wird ausführlich beschrieben. Eine Frage, die viele Familien spaltet: Während sich ein großer Teil der adeligen Großvätergeneration in den Dienst des Faschismus stellte, standen andere auf den Fahndungslisten der Gestapo oder saßen im Konzentrationslager. Als Hitler das Attentat am 20. Juli 1944 überlebt hatte, soll er geknurrt haben: "Das waren die Vons."

Fürsten, Grafen, Prinzen: Was kann der deutsche Adel heute noch?
August Wittgenstein

August Wittgenstein (Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg)

Viele seiner Fans ahnen vermutlich gar nicht, dass ihr Traumprinz auch ganz real ein solcher ist. Standesgemäß wuchs er in einem Schloss auf, fühlte aber schon früh eine Affinität zum Schauspielerdasein. Bevor er vor die Kamera durfte, absolvierte er an der berühmten Georgetown University ein Geschichtsstudium. Die Prinzenrolle gibt er nur noch selten, dafür glänzt er unter anderem neben Tom Hanks im Mystery-Klassiker "Illuminati", in der Neuauflage von "Das Boot" und in der Hauptrolle von "Wüstenherz".

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Der vielleicht anstehende Prozess ist nur einer von vielen Punkten, an dem sich die ehemals regierenden deutschen Fürstenhäuser mit der bürgerlichen Gesellschaft reiben. Bei den Nachfahren treten auch die Unterschiede deutscher Mentalitäten hervor. Während in Berlin ein Abkömmling von Friedrich dem Großen als Barkeeper arbeitet, lebt der Herzog von Bayern in einem Trakt des Schlosses Nymphenburg, hat in der Staatsoper eine eigene Loge samt Personal zur freien Verfügung und wird auf offiziellen Empfängen als "Königliche Hoheit" begrüßt.

"Fast alle Adeligen aus großen Familien existieren als Hybride zwischen Moderne und Vormoderne", sagt der Historiker Stephan Malinowski. "Die meisten von ihnen leben eine moderne Biografie, gleichzeitig haben sie noch diese zweite Box, die sie aufklappen und bespielen können."

Mit etwa 80.000 Bundesbürgern, die als Nachfahren des früheren Adelsstandes gelten, macht diese Bevölkerungsgruppe gerade mal ein Promille aus. Ganz schön viel Aufsehen für eine verschwindende Minderheit. Die jüngere Generation macht inzwischen Karriere in weniger aristokratischen Berufen: Anna von Bayern als Journalistin des Axel Springer Verlags, August Wittgenstein als erfolgreicher Schauspieler ("Ku'damm 56" und "Das Boot"), Florian Henckel von Donnersmarck als Oscar-prämierter Regisseur ("Das Leben der Anderen"), Auguste von Bayern am Max-Planck-Institut für Ornithologie, Julius von Bismarck als langbärtiger Star der Kunstwelt. Ihre Prinzen- und Grafentitel spielen dabei kaum eine Rolle.

Ferdinand Habsburg-Lothringen fährt gegen Mick Schumacher

Ferdinand Habsburg-Lothringen, dessen Vorfahren jahrhundertelang das Heilige Römische Reich und später Österreich-Ungarn regierten, kämpfte als Autorennfahrer in der Formel 3 um Leadership, wurde aber von einem bürgerlichen Kronprinzen geschlagen: von Mick Schumacher. Heute fährt Habsburg-Lothringen für Aston Martin bei den Tourenwagen-Masters. Den Doppeladler und die Reichsfarben hat er beinahe ironisch als Logos auf seinem Rennfahrer-Outfit umgesetzt. "Es ist mir wichtig, dass man das Humorige daran erkennt", sagt er.

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Seine Vorfahren standen jahrhundertelang an der Spitze des Heiligen Römischen Reiches. Ferdinand Habsburg träumte davon, Autorennfahrer zu sein. Es reicht immerhin für die Deutsche Touren-Masters

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Die Öffentlichkeit schwankt in ihrer Haltung gegenüber den jungen Trägern alter Namen. "Es ist vermutlich eher einer Sehnsucht der Menschen nach Andersartigkeit geschuldet, dass der Adel in seiner klassischen Form noch wahrgenommen wird, als der Zahl dieser kleinen Gruppe", sagt der Historiker Malinowski. "Wer als Bürgerlicher ein erfolgreicher Investmentbanker, Richter oder Universitätsprofessor ist, hat nebenbei nicht noch tausend Hektar Wald und geht zur Jagd." Doch diese Reste von Vormoderne und dynastischem Denken könnten auch von Wert für die heutige Gesellschaft sein, glaubt der Adelsforscher. "Wenn man in Wald investiert, dann wird der in 40 oder 60 Jahren erst lukrativ. Das ist genau das Gegenteil vom Hedgefonds-Manager. Die Dinge, die sich der kapitalistischen Gewinnlogik entziehen, diese Nachhaltigkeit – diese Dinge machen den Adel attraktiv."

Nicht selten scheitern auch Menschen mit klingendem Nachnamen. Und wenn man sich als ein Bismarck eine Überdosis Heroin spritzt, als ein Hannover wie besoffen in die Ecke pinkelt oder sich als Hohenzollern in ein Busenwunder verguckt, tut man dies unter großer Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Die eigene Verwandtschaft schaut bei solchen Entgleisungen auch mal gütig weg – außer wenn Güter verloren gehen könnten, die sich seit Jahrhunderten im Familienbesitz befinden. Wenn es um den Erhalt von Schlössern geht, ist beinahe alles erlaubt. Selbst wenn man sich dafür als angeblich heiratswilliger Märchenprinz im Boulevardfernsehen bei "Gräfin gesucht" zum Affen machen muss.

Familienkrieg zwischen Ernst August Erbprinz von Hannover und seinem Vater

So tobt zurzeit ein Familienkrieg zwischen Ernst August Erbprinz von Hannover und seinem gleichnamigen Vater, der als Skandalritter und Ehemann Caroline von Monacos weithin bekannt ist. Der Junior versuchte nämlich, die stark renovierungsbedürftige Marienburg in Pattensen für einen symbolischen Euro an das Land Niedersachsen zu verkaufen, da er für den Erhalt nicht weiter aufkommen konnte. Ein Einspruch des Seniors stoppte den Deal. Inzwischen arbeitet man an einer Stiftungslösung; bis 2025 kommen aus dem Landeshaushalt und vom Bund jeweils 13,6 Millionen Euro. Eine neue Betreibergesellschaft soll auch die Jobs von 60 Mitarbeitern sichern. Als Geschäftsführer hat man sich Leute mit klingenden Namen geholt: einen Grafen von Hardenberg und einen Herrn von Schöning.

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"Viele glauben, dass alle Adeligen automatisch reich sagt", sagt Alexander zu Schaumburg-Lippe. Der Fürst ist FDP-Mitglied, Unternehmer und streitbarer Blogger

Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe, der auf seinem Schloss Bückeburg aus der Renaissancezeit als Fürst firmiert, weiß nur zu gut, was es bedeutet, ein solches Baudenkmal zu finanzieren und am Leben zu erhalten. "Es existiert der ungebrochene Aberglaube, dass alle Adeligen automatisch reich sind, und zwar gerade wegen unserer Erhaltungslasten. Das ist widersinnig." Er selbst wehrt sich zurzeit dagegen, dass die Waldbewirtschaftung durch, wie er sagt, "ökologisch zwecklose, enteignungsartige Auflagen" erschwert wird.

"Ich hatte die zuständigen Politiker darauf hingewiesen, dass die forstlichen Einkünfte für den Erhalt der Baudenkmäler benötigt werden, und das liegt ja auch im öffentlichen Interesse. Daraufhin hat sich ein Abgeordneter, ein forstlich ahnungsloser ehemaliger Lehrer, hingestellt und öffentlich gesagt: Der Wald gehört allen, er ist nicht dazu da, die Taschen eines Einzelnen zu füllen. Da wird eine klassenkämpferische Neiddebatte geführt, als hätte sich in den letzten hundert Jahren wirtschaftlich nichts geändert."

Tatsächlich bewohnt die Familie Schaumburg das Schloss mit seinen 250 Zimmern zwar, hat es aber gleichzeitig bis auf einen privaten Trakt für die Allgemeinheit geöffnet. Man kann den prunkvollen Festsaal für private Hochzeitsfeiern mieten, eine Fürstliche Hofreitschule bewundern, die es zu Zeiten, als hier der Fürst noch regierte, gar nicht gab. Wer will, kann für 85 Euro an einem Kaiserdinner teilnehmen, bei dem Darsteller als gekrönte Häupter aus der Geschichte neben einem Platz nehmen. Was gefällt, das geziemt sich auch. Wie geschmeidig man mit der eigenen Vermarktung harmoniert, lässt sich an einem Nachmittag auf Bückeburg live beobachten.

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Die Schaumburg-Lippes sind eine Patchworkfamilie: Mahkameh Navabi (l.) und Lilly Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg sind die aktuelle Lebensgefährtin und die ehemalige Frau des Fürsten zu Schaumburg-Lippe

Die fürstliche Patchworkfamilie ist zusammengekommen, um den stern zum Gespräch zu empfangen. Alexander zu Schaumburg-Lippe mit seiner Lebensgefährtin Mahkameh Navabi, einer Iranerin, seine Ex-Frau Lilly zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg und ihr gemeinsamer Sohn Donatus albern durch die historischen Gemächer. Im Festsaal setzt sich Schaumburg, der als notorischer Showman gilt, an den Flügel und freejazzt ein wenig. Etwas zögerlich lugt eine Gruppe von Schlossbesuchern, die eine Führung gebucht haben, zur Tür herein. Der Hausherr winkt freundlich, staunend betrachten die Menschen aus Sicherheitsabstand die Fürstenfamilie.

"Der Adel ist nicht abgeschafft, sondern seine Privilegien"

Alexander zu Schaumburg-Lippe gilt nun aber auch durchaus als streitbar. "Der Adel ist nicht abgeschafft, sondern seine Privilegien", sagt er. "Wer den Adel abschaffen will, der müsste die französische Lösung wählen", formuliert er messerscharf – und meint damit die Guillotinen der französischen Revolution. FDP-Mitglied Schaumburg ist sich bewusst, dass eine Gesellschaft, in der über Enteignungen zum Wohle der Allgemeinheit debattiert wird, für dynastische Modelle noch brandgefährlich werden kann.

Als Blogger in den sozialen Medien scheut er kaum eine Auseinandersetzung, kämpft für das freie Wort, gegen AfD-Politiker und gegen Zeitgenossen, die sich über zweifelhafte Adoptionen aristokratische Namen angeeignet haben. Und provoziert bewusst mit seinen Thesen, zum Beispiel: "Ein Schlagwort heute ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit als Erweiterung des Rassismusbegriffs", sagt er. "Alle möglichen Menschengruppen sollen davon erfasst werden. Nur eine nicht, wie es scheint, und das sind wir."

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Donatus zu Schaumburg-Lippe ist der Stammhalter auf Schloss Bückeburg. Mit seiner Mutter Lilly (M.) nimmt er an spektakulären Charity-Aktionen teil

Inzwischen hat die Runde in einem Salon Platz genommen und sich Zigaretten angesteckt. Lilly zu Sayn-Wittgenstein berichtet über Eigenartigkeiten aus dem Prinzessinnendasein: "Man muss damit umgehen können, dass auf einen das Klischee angewandt wird, das sich ein Walt Disney über Prinzessinnen ausgedacht hat." Als besonders absurd sei ihr die Begegnung mit einem buddhistischen Mann in Thailand in Erinnerung. "Der hat sich auf die Knie geworfen, als er uns identifiziert hatte, weil er der Ansicht war, wir müssten aufgrund unserer Vorfahren besonders ehrwürdige Menschen sein. Damit muss man, ehrlich gesagt, auch erst einmal umgehen." Der 25-jährige Erbprinz Donatus hat in England studiert und sich über seine Privilegien Gedanken gemacht: "Es kann nicht verwerflich sein, dass ich aus so einer Familie komme, eine gewisse Schicht hinter mir habe. Die Frage ist, was ich daraus mache und wofür ich es einsetze."

Für Schaumburg junior und seine Mutter sieht das dann so aus, dass sie mit einem klapprigen VW Polo Baujahr 2004 namens "Gisela" an einer 16.000 Kilometer langen "Mongol Rally" teilnehmen und Spendengelder für gute Zwecke einsammeln. Die Aufgabe, Privilegien "sinnvoll einzusetzen", lässt sich offenbar durchaus unterhaltsam erfüllen.

Als Forstbesitzer, Landwirte, Bierbrauer und Erhalter von Kulturdenkmälern stellen die alten Familien einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftszweig dar. Die Fürsten Thurn und Taxis sind mit 20.000 Hektar die größten privaten Waldbesitzer Deutschlands, gefolgt vom Erbprinzen zu Fürstenberg mit 18.000. Unter den reichsten Familien rangieren nur Vertreter des sogenannten Geldadels in den vorderen Bereichen, also von Fincks und von Bechtolsheims. Die wirklich alten Sippen rangieren mit Albert von Thurn und Taxis (700 Millionen Euro) auf Platz 223 und mit der Familie Castell-Castell (600 Millionen) auf Platz 260.

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Luitpold Prinz von Bayern (im hellblauen Hemd) als Gastgeber der Ritterspiele auf Schloss Kaltenberg. Ausgeschenkt wird sein eigenes Bier, benannt nach König Ludwig

Andere Vertreter haben neue Geschäftsmodelle für sich entdeckt. Als einer der innovativsten gilt Luitpold Prinz von Bayern, der Cousin des aktuellen Herzogs von Bayern. Als Nachfahre der Schöpfer des deutschen Reinheitsgebots braut er natürlich Bier auf seinem Schloss Kaltenberg unweit des Ammersees. Seit 40 Jahren hält er alljährlich Ritterspiele ab. "Unsere Familie war von 1180 an bis zum Ende des Ersten Weltkriegs durchgehend an der Regierung. 738 Jahre – das ist Rekord in Europa", erklärt von Bayern, während er über seinen Mittelaltermarkt spaziert.

Er lässt es sich nicht nehmen, das Turnier, das von professionellen Stuntmen inszeniert wird, selbst hoch zu Ross zu eröffnen. Mit Tradition habe das Spektakel dennoch wenig zu tun. Es ist ein Geschäft. "Wir machen Unterhaltung. Das ist ja nicht verboten." Zu seiner Markenwelt gehören das "König Ludwig"-Bier und die Porzellanmanufaktur Nymphenburg. Wenn eine Hotelgruppe auf die Idee kommt, ein Haus in München "The Royal Bavarian" zu taufen, gibt es umgehend Anwaltspost vom Bayern-Hauschef.

"Es ist wichtig, dass man Herr der eigenen Geschichte bleibt"

Doch es gehe ihm um mehr, als nur die großen Namen der Familie zu monetarisieren. "Viel wichtiger ist, dass wir diese historischen Figuren beschützen", sagt Luitpold von Bayern. "Ich beschäftige mich sehr damit, dass die nicht kommerzielles Freiwild sind. Deshalb sichern wir die gewerblichen Schutzrechte auf diese Namen. Wir wollen vermeiden, dass deren Bild fremdbestimmt ist. Es ist wichtig, dass man Herr der eigenen Geschichte bleibt."

In die reale Politik hat es indes nur wenige Vertreter der einst herrschenden Klasse gezogen. Die wenigen – von Lambsdorff, von Dohnanyi oder von Weizsäcker – entstammen nicht ehemals regierenden Häusern. Nur der 2011 verstorbene Otto von Habsburg, der noch als Kronprinz von Österreich geboren wurde, war für die CSU ins Europaparlament gezogen. Und dann wäre da noch Hermann Otto Solms, der eigentlich Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich heißt. Als früherer Vizepräsident des deutschen Bundestags hat er es protokollarisch sehr weit nach oben in der Bundesrepublik geschafft.

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Hermann Otto Solms hat es als Spross ehemals regierender Familien zu hohem republikanischem Rang gebracht: Er war Vizepräsident des Bundestags

Beim Fototermin im Reichstagsgebäude zeigt Solms bedeutungsvoll auf den Balkon, von dem der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann 1918 die Republik ausrief – und der Herrschaft des Adels ein Ende bereitete. Als Parlamentarier führt Solms den aristokratischen Namen seiner Vorfahren, der im Jahr 1129 erstmalig Erwähnung fand, nicht mehr: "Ich distanziere mich nicht davon, es ist nun mal die Geschichte meiner Familie. Aber in unserer heutigen Gesellschaft empfinde ich es als unzeitgemäß und gesellschaftsfremd, adelige Titel zu führen."

Trotzdem sieht sich Solms in der Tradition der früheren politischen Klasse: "Ich habe es gerade nach der Nazidiktatur auch als historische Verpflichtung gesehen, mich politisch zu engagieren." Nachdem sein Vater im Weltkrieg gefallen war und die Mutter einen bürgerlichen Mann geheiratet hatte, spielten aristokratische Gepflogenheiten keine Rolle mehr. "Es ist keine Klasse mehr – das sollte allen bewusst sein."

Adelshochzeiten und Traditionen sind aus seiner Sicht "ein Gesellschaftsspiel, mehr nicht". Dass Fürsten und Grafen weiterhin auf Schlössern logieren und ein bisschen Hof halten, sei "Lokalkolorit", das man schätzen könne."„Der Staat kann um jeden froh sein, der so ein Kulturdenkmal erhält."

Wenn von Preußen Lust aufs Schlossleben bekommt, muss er zurzeit noch 680 Kilometer von Potsdam an den Rand der Schwäbischen Alb reisen. Die mächtige Burg Hohenzollern ist der Stammsitz des ehemals regierenden Hauses Preußen, weithin sichtbar thront sie auf einer Anhöhe. Seit dem Mittelalter residieren die Hohenzollern hier schon, doch das Gemäuer im neugotischen Stil stammt in seiner heutigen Form aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die Burg als Kulisse für Hollywood-Filmproduktionen

Längst hat auch der Preußenprinz hier ein Kulturprogramm gestartet, wo auch mal ein fürstlicher Cousin am Saxofon steht, zu trinken gibt es neuerdings ein Preußenpils. Von einer Hollywood-Filmproduktion, die für Drehtage die Burg angemietet hatte, sind noch ein paar Requisiten übrig geblieben. Mit einem riesigen Stein, der in Wahrheit aus Pappmaschee ist, posiert der Prinz nun für staunende Gäste. Vierfacher Vater ist er inzwischen – die Erbfolge ist gesichert. Doch die Generation, die sich noch an die Zeiten des real existierenden Adels erinnern kann, ist inzwischen verstorben. Von Generation zu Generation verblassen die alten Denkmuster.

Kürzlich sei seine kleine Tochter als "Prinzessin Elsa" aus dem Disney-Film "Die Eiskönigin" verkleidet vor ihm gestanden, erzählt Georg Friedrich von Preußen. Und habe ihm freudestrahlend zugerufen: "Guck mal, Papa, heute bin ich eine echte Prinzessin!"

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen: