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Hollywood-Trend: keine Schönheitsoperationen: Kraterlandlandschaften statt künstlicher Hügel

Botox und Liften war gestern - Hollywood will keine glattgebügelten Schönheiten mehr. Schuld daran ist nicht nur die Erkenntnis, dass zu viel Glattspritzen die Mimik zerstört, sondern auch technische Innovation: Im Fernsehen der Zukunft sieht man Nähte einfach zu gut.

Von Ulrike von Bülow

Im amerikanischen Frühstücksfernsehen erschien kürzlich eine Dame mit himbeerroten Haaren, sie trug einen schwarzen Anzug und sprach mit quietschender Stimme. Sharon Osbourne, 57, verheiratet mit Zauselrocker Ozzy, erzählte, dass sie demnächst Großes vorhabe: "Ich lasse mir meine Brustimplantate entfernen", so Mrs. Osbourne, und diese wolle sie sodann ihrem Gatten schenken - "als Briefbeschwerer". Sie guckte kurz an sich herunter, dann sagte sie noch: "Ich glaube, dass die Implantate auf seinem Schreibtisch viel besser aussehen als in meiner Brust." Sharon Osbourne kicherte, aber sie meinte das durchaus ernst.

Vielleicht ist Mrs. Osbourne die Vorreiterin eines neuen Trends, den Amerikas Unterhaltungsindustrie gern ausrufen würde: Weg von den Künstlichkeiten! Hollywood ist seine vielen schönheitsoperierten Darstellerinnen leid, die sich mit Silikon auspolstern und mit Botox zuspritzen lassen und inzwischen alle gleich aussehen - unnatürlich und mimikfrei. Es gebe zu wenig abwechslungsreiche Gesichter, klagten jetzt Filmschaffende in der "New York Times", Produzenten, Regisseure und Casting-Direktoren, die genug haben von dem perfekten Frauenbild, das Hollywood sich über die Jahre zurechtgeschnippelt hat.

Keine Drag-Queens mehr

Bei Fox etwa, einem der großen US-Fernsehsender, heißt es, man buche immer mehr Schauspielerinnen und Schauspieler aus Australien oder England, die nichts von den typischen Figuren in Los Angeles haben, "die alle an eine Drag Queen erinnern", sagt Marcia Shulman, die bei Fox das Serien-Casting verantwortet, in der "New York Times". Ihre Kollegin Mindy Martin, die beim Film arbeitet und für die Besetzung des Kinofilms "Up In The Air" zuständig war, sagt, sie appelliere an Schauspielagenten, dass diese ihre Klienten vom Schönheitschirurgen fernhalten.

Besonders ältere Schauspielerinnen würden keine Aufträge mehr bekommen, wenn ihre Haut zu straff sei. "Was ich sehen will, sind echte Gesichter", so Mindy Martin. Und Sande Alessi, Casting-Frau der "Fluch-der-Karibik"-Filme, erzählt, dass sie die Damen, die sich um eine karibische Rolle beworben hätten, immer auch im Bikini fotografiert habe - um ausschließen zu können, dass unechte Brüste in den Filmen auftauchen würden. Schließlich gab es zur Zeiten der Piraten noch keine Silikon-Implantate.

Hochauflösendes Fernsehen zeigt OP-Nähte

Zehn Millionen kosmetische Eingriffe wurden 2009 in den USA, dem Land der unbegrenzten Schönheitsmöglichkeiten, durchgeführt, vermeldet die "Society for Aesthetic Plastik Surgery", die Vereinigung der plastischen Chirurgen. Doch die Fernsehtechnik hat sich entwickelt, "High Definition Television" (hochauflösendes Fernsehen) breitet sich immer weiter aus - und macht es den Zuschauern leichter, Nähte an Haaransätzen zu erkennen oder schlecht gestraffte Lider. Natürlich gibt es auch Männer, die sich vom Chirurgen manipulieren lassen, vor allem aber sind es Frauen, die nun hinterfragt werden, da "Avatar" eine neue Filmkunst etabliert hat, nämlich 3D. Und da ist kein Platz für glattgebügelte Botox-Jüngerinnen, die immer schrecklich eindimensional erscheinen.

Davon abgesehen merken inzwischen sogar die Amerikaner, dass ihr Schönheitswahn ungesunde Ausmaße angenommen hat, denn er beginnt immer früher. Mit der Möchtegern-Aktrice Heidi Montag erschien im Januar eine 23-Jährige auf dem Cover von "People" und verkündete, sie habe zehn kosmetische Eingriffe gehabt - an einem Tag! Das brauche kein Mensch, sagt Shawn Levy, Regisseur von "Date Night" oder "Nachts im Museum", so etwas werde heute "als lächerlich betrachtet", sagt Levy. "Vor zehn Jahren dachten Schauspielerinnen noch, sie müssten sich Schönheitsoperationen unterziehen, sonst bekämen sie keine Rollen. Heute ist es andersrum: Wer zum Casting kommt und operiert aussieht, dessen Chancen schwinden."

Heute verehrt Hollywood Frauen wie Meryl Streep oder Helen Mirren, in deren Gesichtern sich Falten bewegen, die von Reife, von Würde erzählen. Natürlich kann auch eine Schauspielerin über 35 noch einen Job bekommen, die sich eine bisschen Nervengift unter die Haut hat spritzen lassen, "aber hinter den Kulissen wird schon viel darüber geredet", sagt Regisseur Levy, "von wegen: Warum tut sie sich das an, sie sah doch so schön aus, wer will sie jetzt noch?!" Lieber ist ihm eine Schauspielerin wie Lisa Kudrow, 46, die einst in der Fernsehserie "Friends" berühmt wurde und kürzlich dem "New York Magazine" erzählte, dass sie ihre Fältchen sehr gut leben könne: "Wir können die Zeit nicht anhalten. Natürlich bemühen wir uns alle, gut auszusehen, aber es ist ein großer Unterschied, ob ich mir dabei treu bleibe. Oder mich in eine Figur verwandele, die an einen 'Batman'-Film erinnert."