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Hollywood-Wahnsinn: Die Imagepflege beginnt in der Kloschüssel

Halle Berry greift Jamie Foxx in den Schritt, Demi Moore zeigt ihre Zahnlücke, und Kelly Osbourne lässt alle Welt wissen, dass sie von Rüben Blähungen bekommt. Irre Auftritte und intimste Privatberichte sind in Hollywood derzeit an der Tagesordnung. Sind die Stars einfach nur gaga oder hat der Wahnsinn Methode?

Von Nina Anika Klotz

Die Verleihung der MTV Movie Awards ist kein Kindergeburtstag und richtet sich auch nicht an die Generation Ü60. Doch selbst die Mitglieder der Zielgruppe - jugendlich und tolerant - empfanden es als grenzwertig, als bei der diesjährigen Show Sacha Baron Cohen alias "Brüno" mit seinem blanken Hintern im Gesicht des Rappers Eminem landete. Schon klar, dass der Witz eben darin liegt, dass Eminem als besonders homophob bekannt ist. Und dass der Rapper, wie im Nachhinein bekannt wurde, eingeweiht war, beweist eine anerkennenswerte Portion Selbstironie seinerseits. Aber ein nackter Hintern? Im Gesicht? Vor aller Welt? Muss das sein?

Offensichtlich ja. Schneller, höher, weiter - so läuft's mit den Show-Verrücktheiten. Im amerikanischen Fernsehen darf man semiberühmte Suchtkranke beim Entzug beobachten, gerade rockt die erste Staffel des US-Dschungelcamps die Quoten, mit erstaunlich prominenter Besetzung und extra-überdrehten Auftritten: Heidi und Spencer Pratt verließen das Camp gleich zweimal, heulend, am ersten Tag.

Die Hemmschwelle sinkt stetig

Star-Auftritte werden immer schriller, weil es gilt, das Vorausgegangene zu überbieten. Während Christina Aguilera bei den MTV Movie Awards vor zwei Jahren live auf der Bühne ihr Outfit neunmal bei einem Song wechselte, schaffte Katy Perry vergangenes Jahr elf Kostüme bei ihrer Performance von "I Kissed A Girl" - und ritt am Ende noch auf einer gigantischen Plastikbanane hoch über den Köpfen der Zuschauer. Nachdem Madonna sich bei ihren Konzerten ans Kreuz hängen ließ, tritt Britney Spears bei ihrer aktuellen "Circus"-Tour mit einer Hundertschaft von Clowns, Jongleuren und Akrobaten auf. Eigentlich wollte sie auch Elefanten für die Show.

Ein weiterer Grund für den wachsenden Hollywood-Wahnsinn ist, dass die Hemmschwelle stetig sinkt. Zum einen beim Konsumenten, der sich zunehmend an Tabubrüche in Sachen Sex und Ekel gewöhnt. Und zum anderen bei den Stars, die neuerdings ungezügelt über ihr Privatleben und ihre ganz intimen Spleens reden. Neulich saß Cameron Diaz bei Jay Leno in der Sendung und erzählte freimütig: "Auf der Toilette gilt bei mir: Gelb stehen lassen, Braun spülen." Das schone die Umwelt. Lily Allen präsentiert im TV gern ihren dritten Nippel. Heidi Klum feiert halböffentlich ihre x-te Karnevalshochzeit im White-Trash- Outfit. Und Robbie Williams kultiviert seinen ganz eigenen Wahn. Er ist Anhänger wilder Verschwörungstheorien, wonach die CIA sein Haus überwacht (Ihres übrigens auch). Kurz nachdem er das erzählt hatte, kündigte er sein Comeback an.

So ist das meistens. Natürlich wird der Wahnsinn nicht ohne Anlass zur Schau gestellt, sondern weil es etwas zu verkaufen gibt: einen Film, eine Platte, ein Lifestyleprodukt. "Prominente haben angefangen, ihr Privatleben als Teil der Öffentlichkeitsstrategie zu vermarkten", analysiert der Hamburger Trendforscher Prof. Peter Wippermann. Dabei wird folgende Rechnung aufgemacht: mehr Verrücktheit gleich mehr Aufsehen gleich mehr Käufer. Wahnsinn macht Kasse.

Kelly Osbourne muss von Rüben furzen

Absolut barrierefrei lässt sich privater Irrwitz mittels Twitter an ein Millionenpublikum verbreiten. Vorgemacht haben das Ashton Kutcher und Demi Moore. Kann sich irgendwer an das jüngste Filmprojekt von Demi erinnern? Eben. Trotzdem ist sie superpräsent in allen relevanten People-Magazinen. Alles nur, weil sie scheinbar ohne Unterlass 140-Zeichen-Lebens-Updates schreibt: "Lese gerade ein tolles Buch", "auf dem Weg nach Nizza" und "beim Zahnarzt" - mit Beweisfoto, zahnlückig. Auch Peaches Geldof twittert gern Bilder von sich, im Bärchenkostüm oder mit Burger-King-Krone. Durch moderne Kommunikationsformen wie Twitter geht alles immer schneller nach draußen, ungefiltert und unreflektiert. Benji Madden etwa ließ seine Fans wissen: "War gerade pinkeln". Heather Mills musste unbedingt verraten: "Im Supermarkt auf einer Milchpfütze ausgerutscht und Bein verloren." Und Kelly Osbourne teilte folgende Erkenntnis mit der Welt: "Memo an mich selbst: Keine Rüben mehr essen, davon muss ich furzen." Antwort an Kelly & Co.: too much information.