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Interview mit Seal: "Dank Heidi bin ich angekommen"

Er ist zurück mit seiner Musik. Nach vier Jahren präsentiert Seal das Album "System". Im stern.de-Interview spricht er über seine zerrüttete Kindheit, die Liebe zu Heidi Klum, sein Faible für Carrera-Bahnen und Ferraris, sein Dschungelkind Henry und welche Schönheitspflege seine Tochter ihm verpasst.

Waren Sie ein glückliches Kind?

Ich stamme aus einer dysfunktionalen Familie - vornehm ausgedrückt. Gestört könnte man auch sagen: Ich wuchs erst bei Pflegeeltern auf, kam dann in die neue Familie meiner Mutter, wurde danach weitergereicht zu meinem Vater und seiner neuen Familie. Wir waren so arm, wir konnten uns nicht einmal genug Achtung und Aufmerksamkeit schenken.

Das klingt bitter.

Vielleicht eher britisch? Ich meine das als Mischung als Ironie und "stiff upper-lip". Sich nicht anmerken zu lassen, was einen verletzt, sogar darüber scherzen.

Haben Sie Frieden mit Ihrer Vergangenheit geschlossen?

Ich sehe ohne Zorn auf sie zurück, denn ich habe Lehren aus ihr gezogen. Harmonie ist für mich sehr wichtig. Mein Vater war liebenswert, leichtgläubig - und überfordert. Nicht der beste Vater, er hatte aber auch selbst nicht den besten. Ich glaube fest daran, dass man die Wahl hat, selbst anders zu werden, dass man nicht ewig ein Opfer seiner Herkunft bleibt. Und hoffe daher, ich kann mich vom schlechten Vorbild lösen, ein besserer Ehemann für Heidi sein und ein besserer Papa für meine drei Kinder. Kinder haben ein Geburtsrecht auf .

Kurze Kinder-Olympiade, bitte: Was machen und können Ihre drei?

Leni, mein Augenstern, tanzt wunderbar - und lackiert mir gerne die Fußnägel, aktuell sind sie übrigens zartlila. Henry ist gerade zwei geworden und so eine Art Mogli-Dschungelkind: klettert auf alles - und zerbricht alles! Johan wird nun ein Jahr alt, ist eine Kombi aus Heidi und mir und immer happy, er erinnert mich total an meinen Schwiegervater. Äh - sie bekommen übrigens zum Geburtstag eine Carrera-Bahn. Vier mal acht Meter...

Perfekt für ein "Dschungelkind" und einen Einjährigen...

Ich hoffe, sie lassen ihren Vater viel damit spielen. Kaputtes kriege ich schon wieder heil - schließlich habe ich früher mal Nähmaschinen repariert.

Sie haben mit 16 Jahren die Schule verlassen. Was hatten Sie noch für Jobs?

Ich war Gelegenheitsarbeiter für alles Mögliche. Und Unmögliche! Mein härtester Job war, bei McDonald´s die Klos zu putzen. Da gefällt mir mein Job jetzt doch besser.

Nach vier Jahren kommt nun Ihr neues Album "System". Warum dieser Titel?

Meine Songs sind auch eine Art musikalisches Tagebuch. Mein Leben wird von meiner Familie bestimmt - und die ist nun mal total unkonventionell! Heidi weiß, ich schwarz, sie deutsch, ich Brite, beide aus ganz unterschiedlichen Schichten. Und sie erwartete ein Kind von einem anderen Mann, als wir uns trafen. Aber unsere Liebe hat alles überwunden: ein ganz neues System geschaffen, das alte abgelegt. Weil wir es wollten und weil wir uns so lieben. Heidi ist mein Engel, mein Himmel, mein Hafen. Sie hat mir gezeigt: Es geht alles, wunderbare Familie plus tolle Jobs - mit Disziplin und Planung jedenfalls. Sehr deutsch. Bloß zum Schlafen kommt man kaum, oh boy! Beziehungsweise: Oh boys, diese Jungs!

Ihr Favorit unter den neuen Songs? Das Duett mit Ihrer Frau bei "Wedding Day"?

Ach, mit Songs ist wie in einer Familie, man liebt alle gleich. Allerdings sind Lieder nicht so wie Kinder, nicht so kompliziert, sondern ganz simpel: entweder sie bewegen dich - oder sie lassen dein Herz kalt.

Sie verehren den Musiker Bono, der sich für eine Entschuldung Afrikas engagiert und politischen Druck macht. Sie auch?

Dazu verstehe ich zuwenig von der Sache, ich halte mich heraus aus Politik, auch weil ich ein eher auf Emotionen gegründeter Charakter bin. Oberste Priorität für mich persönlich haben meine Kinder und meine Frau.

Ihre Frau nennt Sie den "sexiesten Mann des Planeten".

Meine Frau hat natürlich immer recht.

War das jetzt wieder britische Ironie?

Aber selbstverständlich nicht.

Ist sie eifersüchtig?

Nein. Sie hat mal eine Party für mich organisiert, zu der sie sogar ein paar meiner Ex-Freundinnen eingeladen hatte.

Ihre Wangen tragen dicke Narben, Folge der Krankheit Lupus.

Ich wurde als Junge teilweise verspottet. Kinder können sehr grausam sein, wenn jemand anders aussieht als eine vermeintliche Norm. Das hat weitere Narben hinterlassen - auf meiner Seele.

Sind Sie eitel, schon sicherheitshalber, um sexy zu bleiben?

Nein. Naja - nicht sehr. Ich passe auf, wie ich esse - vor allem, wieviel Kartoffelsalat von meiner Schwiegermutter! Und nur alle paar Tage brauche ich länger als 20 Minuten im Bad: Da rasiere ich meinen Kopf.

Was passiert, wenn Sie das nicht tun?

Ich hatte schon mal ellenlange Dreadlocks. Das wird nie wieder passieren.

Nicht einmal auf der Leinwand? Sie sollten doch im letzten James-Bond-Film einen Geldwäscher spielen?

Die Bond-Produzentin Barbara Broccoli ist ein großer Fan von mir, ihr kam diese Idee. Ich habe auch vorgesprochen. Aber diese Rolle - also nee, die war ein ziemliches Klischee. Dafür wollte ich keinen Ausflug ins Schauspielfach machen.

Wahrscheinlich war Ihnen bloß Ihr Film-Schurken-Auto zu uncool und langsam.

Hey, ich habe selbst schon genug coole schnelle Autos! Heidi hat mir einen Ferrari geschenkt ...

... mit dem Sie viel zu schnell fahren?

Ich gebe nur auf dieser tollen Teststrecke in Wolfsburg so richtig Gas, bis ans Limit. Sonst fahre ich sicher! Ich habe ja oft Kinder an Bord. Außerdem ist Autofahren nicht so gefährlich wie Snowboarden: Dabei habe ich mir eine Schulter gebrochen, beide ausgerenkt, dazu fünf Knie-Operationen. Auf dem Brett, das geht so richtig ab!

Vor was fliehen Sie damit?

Vor nichts - mehr. Dank Heidi und den Kindern bin ich in meinem Leben angekommen.

Interview: Bettina Schneuer
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