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Jan Fedder: Der Brackwasser-Bogart

Als Original mit Kodderschnauze hat es Jan Fedder zu einem der populärsten Schauspieler des Landes gebracht. Sein Erfolgsrezept: Er spielt sich selbst, und das mit Inbrunst.

Von Wolfgang Röhl

Wer Jan Fedder auf die Palme bringen will (ein Habitat, in dem er sich nicht ganz unwohl fühlt), hat die Auswahl. Er kann ihn zum Beispiel fragen: "Was war das noch mal für 'ne Rolle, die du in ,Das Boot‘ gespielt hast?" Dann trötet Fedder los wie ein Schiffshorn. "Alter, hast du Alzheimer? Mit mir fängt der Film doch an! Wie ich besoffen aus der Düne torkele. Bin Pilgrim, die Mannschaftssau!" Und er zitiert beglückt seine längste Passage aus dem Unterseedrama: "Hast du Haare in die Nase? Weil, ich hab welche im Arsch, die können wir zusammenknoten." Oder man schreibt seinen Namen so: "Jan Fedder (Großstadtrevier)". Manche Blätter machen das. "Fall ich vom Glauben ab", stöhnt er. "Mann, ich habe in fast 400 Filmen mitgespielt, bin seit 17 Jahren in der Serie. Welche Spackos denken bloß, ausgerechnet ich müsse den Lesern noch vorgestellt werden?" Spacko - Vollidiot - ist sein Lieblingsschimpf, den er gern auch als Adjektiv benutzt ("spackig").

Fotografen sind für ihn "Randexistenzen", er hasst ihr Geschrei und Gerödel an roten Teppichen. "Überhaupt, was da bei den Medien manchmal so rumläuft ... die reinsten Pflegefälle, sach ich dir." Aber auch Regisseure kriegen ihr Fett ab. Einer wie Dieter Wedel ist für ihn der Größenwahn auf zwei Beinen. Kurz, Jan Fedder, geboren 1955 in Hamburgs Hafengegend, gibt auch im wahren Leben jene tief gestimmte Kodderschnauze, welche er in der ARD-Vorabendserie "Großstadtrevier" seit Jahr und Tag aufreißt. Steht da im dunkelblauen Troyer auf dem Deck des in Würde rostenden Museumsschiffs "Bleichen" im Hamburger Hafen und qualmt wie ein chinesischer Parteifunktionär. 50 Dunhill vertilgt er am Tag. Er in einem Raum mit Helmut Schmidt, und die Rauchmelder zerspringen. Plötzlich peitschen MP-Garben aus dem Schiffsbauch. Die Filmcrew bereitet eine Mordszene vor. In der Kajüte werden Szenen eines "großen Films" gedreht, wie Fedder Neunzigminüter zu nennen pflegt, die etwas Tiefgang entfalten, im Gegensatz zur Serienkurzware, auf die er abonniert ist. In der TV-Adaption von Siegfried Lenz' moralischem Krimi "Das Feuerschiff " spielt er den aufrechten Kapitän Freytag, der seiner Pflicht sturgetreu bleibt.

Die Klappe so groß wie die Ladeluke einer Autofähre

"Ist so was wie ,12 Uhr Mittags‘", sagt er. "Ich bin der, der seinen Colt längst eingemottet hat, aber dann muss ich noch mal ran." Der Plot kommt ihm entgegen. Fedder ist selber eine Art Museumsstück. Einer, der kein Handy besitzt, an Gott glaubt und findet, es müsse feste Werte geben. Schon vor zwei Jahren hatte er sich in großer Form gezeigt, als alternder Taucher in der Neuverfilmung von Lenz' "Mann im Strom". Er bekam dafür den Deutschen Fernsehpreis, was ihn heute noch wundert, "so doll war der Film nun auch wieder nicht." Seinen Dank hat er bei der Verleihung reimrüttelnd kundgetan: "Und die Moral von der Geschicht, mach einfach vier Wochen ein anderes Gesicht. Und dann mein Alter, das ist kein Scheiß, gewinnt man den Deutschen Fernsehpreis." Sein stark frauenlastiges Publikum sah das anders und heulte ganze Kleenex-Spender voll. Frauen mögen ihn. Weil er ein "Grundguter" ist, wie man in Hamburg sagt, mitnichten aber ein Weichei, das sie herumschubsen könnten. Kriegen feuchte Augen, wenn er knapp "Jo!" oder "du Dödel!" ruft. In manchen Single-Haushalten, das weiß er aus der Fanpost, steht sein Bild tagsüber auf dem Fernseher und wird abends zum Nachttisch verbracht.

Das neue Projekt sollte ursprünglich ein reiner Männerfilm werden. Doch weil Fedder-Werke nun mal besonders von Frauen geguckt werden, baute man zwei weibliche Rollen ein. "Überall Quoten", knurrt er. "Kein Krimi ohne Türken oder Vietnamesen. Bald werden sie auch Russlanddeutsche casten." Ach, Jan. Die Klappe so groß wie die Ladeluke einer Autofähre, und kein Manager, kein Pressebetreuer, der sie ihm notfalls mal zuhielte. So quasselt er immer frei von der hart arbeitenden Leber weg, was unvermeidlich zu Kollateralschäden führt. Mit manchem aus der Branche hat er sich verkracht. "Hab' mit 18 aufgehört zu lügen", gibt er an. Totale Ehrlichkeit ist eine furchtbare Gabe, weiß er das nicht? Fedder: "Habe einfach gemerkt, ich bescheiß mich beim Lügen nur selbst." Ja, der muss wohl eine ehrliche Haut sein. Wer sonst würde zugeben, dass er in 52 Jahren nichts außer Jerry Cotton gelesen hat: "Aus den Heften habe ich alles fürs Leben gelernt." Wolfgang Petersen hat er mal die Faust unter die Nase gehalten und ihn "eine ganz armselige Wurst" geschimpft, unter anderem deshalb, weil der "Das Boot"-Regisseur nicht zur 25-Jahre-Feier seines Klassikers aufschien. Aber da schwelt noch etwas anderes zwischen den beiden.

"Großstadtrevier" nährt und nervt ihn

Fedder glaubt, Petersen habe seinerzeit beim Dreh im Atlantik leichtfertig sein Leben und das von Schauspielerkollegen aufs Spiel gesetzt. "Wir sind fast ersoffen, bald gestorben vor Angst. Die Kötel waren schon zwölf Zentimeter raus." Petersen bestreitet das vehement. Beinahe wäre der Casus vor Gericht gelandet. Nichtsdestotrotz hält Fedder "Das Boot" für seinen beruflichen Höhepunkt. "So eine Chance kriegt man nur einmal im Leben." Petersen hatte ihn, der bis dahin nur kleinere Rollen wie die eines langhaarigen Ganoven spielen durfte, aus mehr als 200 Bewerbern ausgewählt. Er sollte den Hamburger sui generis mimen. Die Rolle blieb an ihm hängen. Fedder liebt es, schräge Anekdoten zu erzählen. Wie ihn mal eine Frau ansprach: "Mit Ihnen hab ich meinen ersten Orgasmus gehabt ..." Heraus kam, dass sie als junges Mädchen Fedder auf der Bühne des linksgewirkten Hamburger Jugendtheaters "Klecks" erlebt hatte, wo er in einem zeittypischen Aufklärungsstück als "Ortschie, der Orgasmus" auftrat. 19 Jahre war er beim "Klecks", zuletzt sogar Mitinhaber. "Wenn ich mir vorstelle, das 30.000 oder 50.000 Mädels mit mir ihren ersten Orgasmus erlebten ..." Wie er sich ausschütten kann.

Erzählt dann brühwarm, wie Hark Bohm und er im Lokal unter der Tischplatte miteinander kommunizierten. Weil Bohm befürchtet habe, der Verfassungsschutz könnte sie beobachten und das Gespräch von einem Lippenleser dechiffrieren lassen. Er beömmelt sich noch bei der x-ten Wiederholung dieser Story, bis sein Wiehern in einen beängstigenden Raucherhustenanfall umkippt. "Im Nebenberuf", untertreibt er, "bin ich Entertainer." Schlagfertigkeit ist diesem Hamburger Jung angeboren. Bei der Einweihung eines Klamottenladens, zu der ihn seine schöne Frau Marion, eine Werbemanagerin, verschleppt hatte, hielten zwei unbedarfte Reporterinnen eines Privatsenders ihm das Mikro unter die Nase: "Wie heißt noch gleich die Sendung, wo Sie mitspielen?" Fedder, todernst: "Großstadtfriseur. Es geht da um einen Friseur in Hamburg, der ..." "Großstadtrevier" nährt und nervt ihn. Ursprünglich auch so ein Quotending: Weil in der Republik immer mehr Polizistinnen Streife liefen, baute der NDR sie 1986 in seine neue Serie ein. Als Talentspürnase Jürgen Roland 1992 Fedder in die Serie einfädelte, wurde er rasch zum Zuschauerliebling.

Seine Kolleginnen, hübsch, pferdeschwänzig und farblos, wechseln alle paar Jahre. Barfußbulle Dirk Matthies alias Fedder bleibt Macker vom Dienst. Klopft unablässig Sprüche, die er - "Drehbücher sind für mich nur Vorlagen" - aus dem Ärmel schüttelt. Zollt Reichen und Mächtigen nicht den geringsten Respekt, als Freund und Rächer des kleinen Mannes. Fedder/Matthies ist eine Art Brackwasser-Bogart, sozialdemokratisch grundiert bis in die Falten seiner Lederjacke. Die Serie liefert seine Miete, und er liebt die Arbeit im Team, wo er sich sicher aufgehoben fühlt; so, wie auf seinem wunderbar verwoddelten Bauernhof in Schleswig-Holstein. Doch die Figur des Dirk Matthies ist längst auserzählt, sie fordert ihm nichts ab. Dass er, bekennender Kinderverweigerer ("bin Egomane"), dauernd über Kinderköpfe streichen muss, ödet ihn an. Außerdem erlebt "Großstadtrevier", einst für bis zu fünf Millionen Zuschauer gut, massive Quoteneinbrüche, seit Matthies im vergangenen Frühjahr in den Innendienst befördert wurde. "Die Leute wollen mich auf der Straße sehen, wie ich Sprüche mache", sagt er. Beim Sender steht wohl eine Krisensitzung an.

Die Zeit der Ikonen ist vorbei

Mit der Wirklichkeit der Kriminalität in der Elbmetropole hat die Serie nichts an der Mütze. Sie ist ein Märchen für die Frau am Bügelbrett, von oft galaktischer Einfalt wie ihr Titelsong, in dem ein "Schutzmann" vorkommt und ein "Ede", der angesichts des Schutzmanns "Reißaus nimmt". Fedder weiß das natürlich. Er ist (anders, betont er, als der gebürtige Österreicher Freddy Quinn) waschechter Hamburger. War auch mal "Rocker", wie er sagt, will heißen ein bisschen kriminell, "aber nicht sehr schlimm". Der Sohn eines Gastwirts und einer Balletttänzerin, gelernter Speditionskaufmann, ist im Kiez der Straße und der kleinen Leute groß geworden. Was sich verändert hat? "Wenn man früher bei 'ner Prügelei zu Boden ging, wurde man in Ruhe gelassen. Heute springen acht Mann auf dir rum." Oh, der weiß genau, was in bestimmten Vierteln seiner Stadt abgeht. Wo herumlungernde Machos Schülerinnen Spießruten laufen lassen. Fedder äfft die jungen Dreckskerle nach: "Willst du ficken, Fotze?" Man ahnt, der würde gern mal einen etwas anderen Bullen spielen. So was wie Dirty Jan. Aber dann stünde nicht sein Bild auf dem Nachttisch mancher Fans.

Alle paar Sätze betont er, wie toll er es fände, Volksschauspieler zu sein. Wie schade es sei, dass diese Spezies ausstürbe. Etwas oft kommt das. Nistet in einem Winkel seines robusten Selbstbewusstseins womöglich der Verdacht, das Volkstümliche sei letztlich nur Trall und Kokolores? Tatsächlich ist er das letzte genuine Nordlicht auf Sendung. Sein Schönstes sind die Auftritte als Bauer Brakelmann in der Serie "Neues aus Büttenwarder". Er und Revierkollege Peter Heinrich Brix sind da zwei hinreißend tumbe Landeier, die das große Rad drehen wollen, aber immer auf dem Mist landen. Wohlmeinende sehen in ihm den Erben von Hans Albers. Mit dem verbindet ihn tatsächlich was. Auch der UFA-Star schluckte ja ganz hübsch, und singen konnte er genauso wenig wie Fedder. Letzterer schwingt gern mal die Abrissbirne gegen das Denkmal. Soo groß seien dessen Schuhe ja nun auch nicht. Albers sei ein mäßiger Schauspieler gewesen, und so fort. Ach, er hat ja recht. Und weiß dennoch, eine Waterkant-Ikone wie der Blonde Hans wird nie aus ihm. Die Zeit der Ikonen ist vorbei.

Er liebt das Alleinsein

Stolz wie Bolle ist er, "dass die Zuschauer in mir einen von ihnen sehen". Fast nie würde er mit seinem Filmnamen angesprochen, wie es anderen Serienhelden oft passiert. "Ich bin für die Menschen Jan Fedder, Punkt." Derart hat er sich in seinem selbst gedrehten Label namens Authentizität verstrickt, dass er manchmal schon wieder wie eine Kunstfigur wirkt. Brix nennt ihn eine "Gesamtinstitution". Doch wie weit darf eine demonstrativ volkstümliche Figur neben ihrer Rolle liegen? Darf hinter ihrem Bild mehr sein als nur die Leinwand? Das Volk will leider gar zu tümlich sein. Es glaubt, sich nach Belieben an "den Jan" rankumpeln zu dürfen, die Kehrseite von seinem Image. Im öffentlichen Raum hat er kaum eine ruhige Minute, schon gar nicht im Norden. Den Hof sperrt er jetzt zu, wenn er dreht. Früher setzten sich findige Fans auf seine Gartenbänke und hinterließen Zettel: "Haben den Sonnenuntergang bei dir genossen, herrlich." Einer wie er sei Allgemeingut, klagt Fedder, der eben noch davon schwärmte, wie sehr ihn die Leute als einen der ihren annehmen.

Er ist nicht halb so Leute-selig, wie er erscheint. So witzig, charmant und unterhaltsam er sein kann, wenn er gut drauf ist und einen kräftigen Schuss Tonic im Gin hat, so muffelig und schlecht aufgelegt ist er zu anderen Zeiten. Er liebt das Alleinsein. Marion und er haben eigene Wohnungen. Bei Dreharbeiten gibt er sich neuerdings schon mal ungnädig, brüskiert Zugucker und knipsende "Randexistenzen". Dafür hat ihn kürzlich ein Lokalblatt abgewatscht. "Zum ersten Mal hat einer was richtig Negatives geschrieben", staunt er. Nicht, dass ihm das den Schlaf rauben würde. Er kann auch ganz gut einstecken. Auf seinem Hof sitzt er im Herbst manchmal nur so da und guckt in die platte Elbmarsch. Sitzt und guckt und hängt seinen Gedanken nach, leicht melancholisch, wie es die Landschaft aufs Ansteckendste vorgibt, mit sich und dem Universum im Reinen. Hier ist sein Reich, hier hat er Schätze in Scheunen und Kammern gehortet. Oldtimer, alte Motorräder, Musikboxen, einen Ritex-Präserautomaten aus dem legendären Hamburger "Starclub", scheußliche Lüster, Möbel von Auktionen - ungeheure Massen an Sammelgut. "Das Rundsofa ist aus dem Travemünder Spielcasino", sagt er.

Das Faible fürs Sammeln besaß er schon als Kind

"Ich male mir manchmal aus, wer darauf wohl schon gesessen hat, pleite, total am Ende." Das Faible fürs Sammeln besaß er schon als Kind. Manches von früher hat er aufbewahrt. Er führt stolz durch seinen "Lebensraum", wie er ihn nennt. Da ist auf Regalen ein Panoptikum von Sachen ausgestellt, die mal eine Beziehung zu ihm hatten. Die spitzen Halbstarken-Schuhe seines Halbbruders Ollie, Zeugs aus der väterlichen Kneipe, ein Afghanenmantel aus der Hippiezeit, Tonscherben, zerbrochene Beziehungen symbolisierend, ein alter Tauchretter von den Dreharbeiten zu "Das Boot", eine Porzellandose mit einem Würstchen auf dem Deckel. Weil er, ansonsten Vegetarier, furchtbar gern Würstchen isst. Er erklärt die Ausstellung wie ein Kurator, der die Relikte eines längst Verstorbenen würdigt. Und was hat es mit der schwarzen Plastikschale in Form eines Hinterns auf sich? Jan Fedder grinst. "Die steht dafür, dass man sich auch immer wieder mal wie ein Arsch aufführt." Jo! Hastu schön gesacht, alter Dödel.

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