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Jodie Foster: Die Unantastbare

Einzelkämpferin statt gefälliges Weibchen: Schauspielerin Jodie Foster schert sich wenig um die Gesetze Hollywoods. Sie stellt eigene Regeln auf.

Von Andrea Ritter, Matthias Schmidt

So klug. So faszinierend. So anders. Wenn es um Jodie Foster geht, werden Journalisten zu Mythendichtern. Kaum einer, der nicht bewundernd vor ihr niederkniete, um wortreich ihre Rätselhaftigkeit zu beschreiben. Kaum etwas, dass ihr selbst über das "Mysterium Jodie" zu entlocken wäre. Außer einem belustigten Lachen. Das Mysterium sitzt barfuß im Schneidersitz auf einem Pariser Hotelsofa und ist ausgesprochen gut gelaunt. Lustig sei es gewesen, gestern, mit den beiden Söhnen im Euro-Disneyland, wo Mickey und Donald so drollige Akzente haben. Und überhaupt: Paris, ach, was für eine tolle Stadt. Kühl? Rätselhaft? Bisher keine Spur davon. Aber das kann sich schnell ändern.

Es gibt ein paar Dinge, die man Jodie Foster nicht fragen darf. Wer der Vater ihrer Kinder ist, zum Beispiel, oder mit wem sie zusammenlebt. Ihr Privatleben ist tabu, ihre Gefühlswelt auch. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass sie von allen großen Hollywood-Schauspielerinnen diejenige ist, die zwar nicht unbedingt hemmungslos geliebt, aber am meisten respektiert wird. "Sie wollen wissen, was ich anders mache?", fragt sie und guckt bei dem Wort "anders", als würde es schlecht riechen. Ist ihr schon viel zu esoterisch, diese Frage. Sie bevorzugt klare Worte und liefert einen zackigen Exkurs über den üblichen Werdegang von Schauspielern in Hollywood: Junges Gemüse kommt vom Land in die Stadt, wird zurechtgemacht und auf den Markt geworfen. Und weil Hollywood schneller produziert als das Provinz-Gemüse denken kann, gibt's später oft ein böses Erwachen. Bei ihr war das nicht so, das ist der Unterschied. Es ist kein Zufall, dass Jodie Foster über das Filmgeschäft spricht wie ein Fabrikarbeiter über die Herstellung von Dosenmais: Sie wurde in Los Angeles geboren, Filmstudios waren für sie lediglich die Produktionsstätten der ortsansässigen Industrie. Kein Glamour, keine Traumwelt. Mit drei Jahren hat sie angefangen zu arbeiten, in einem Werbespot für Sonnenmilch.

"Es geht um eine Frau, die ihr Leben zurück will"

Die Rolle sollte eigentlich ihr älterer Bruder spielen, aber der war ein wenig schusselig, und ihre alleinerziehende Mutter brauchte Geld. Irgendetwas muss der Dreijährigen schon damals gesagt haben: Wenn es wirklich wichtig ist, nimm die Dinge besser selbst in die Hand. Daran hat sich bis heute nichts geändert. "Ich wusste sehr früh, dass ich beim Film arbeiten will. Aber ich wusste auch, dass ich mein Leben beschützen muss, damit es mir nicht entrissen wird." Aber kann man sich ein zurückgezogenes Privatleben überhaupt noch leisten, wo doch die Konkurrenz das Fernsehen gern als Therapiestunde nutzt? Frau Foster schnaubt ein wenig durch ihre zierlichen Nasenlöcher. "Ist doch alles total lächerlich. Egal, wann man den Fernseher anstellt - man sieht Paris Hilton. Ich denke, eines Tages werden die Leute sagen: Ich will diesen Scheiß nicht mehr sehen. Hoffentlich." In ihrem aktuellen Film "Die Fremde in dir" spielt Foster, wie so oft, die Einzelkämpferin. Ihr Film- Geliebter wird gleich zu Anfang ermordet. Aber wie schon im "Schweigen der Lämmer" oder in "Angeklagt" währt ihre Angststarre nach der Gewalttat nur kurz. Jodie Foster war nie das kaninchenäugige Opfer. Angst ist in ihren Filmen ein Feind, der bekämpft werden muss - und zwar von ihr allein. Im neuen Film sieht das so aus: Sie greift zur Waffe und tötet, immer wieder, immer bewusster, immer kalkulierter. Aber nie kaltblütig.

"Es geht dabei nicht um Rache", sagt Foster. "Es geht um eine Frau, die ihr Leben zurück will. Dabei muss sie dem Drang folgen, immer wieder abzudrücken. Sie entdeckt eine grausame Seite in sich und lebt sie aus, um zu überleben. Sie hat erfahren, wie sich Machtlosigkeit anfühlt. Mit der Waffe in der Hand ergreift sie die Macht. Sogar über Leben und Tod. " Nicht gerade die Rolle, die Hollywood üblicherweise für Frauen vorsieht. Vielleicht sogar eine Neudefinition der Geschlechterrollen? "Wir sind daran gewöhnt, dass der einzelne Kämpfer im Film normalerweise männlich ist und die Frau an seiner Seite steht. Aber ich habe nie die Frau oder die Tochter von irgendjemandem gespielt. Das hat mich nie interessiert." Dieses Mal spielt sie nicht nur eine Einzelkämpferin, sondern eine Serienkillerin. Eine Frau, die gezielt Menschen umbringt, mit denen sie eigentlich gar nichts zu tun hat. "Stimmt, Frauen machen so was normalerweise nicht. Sie töten keine Menschen, die sie nicht kennen, sondern eher ihre Ehemänner oder Kinder. Meistens aber töten sie sich selbst, indem sie Alkohol trinken oder Drogen nehmen. Sie richten ihre Brutalität nach innen." Glaubt sie, dass jeder zum Mörder werden kann? "Ja. Jeder kann diese Linie überschreiten. Deshalb sollten wir keine Waffen besitzen.

Die perfekte Schauspielmaschine

Wenn man Leben und Tod in die Hände von menschlichen Wesen legt, können sie die Beherrschung verlieren. Bei Robotern sieht das vielleicht anders aus. Obwohl ich mir da auch nicht so sicher bin." Ihr neuer Film, der Kreuzzug gegen Kriminelle in den Straßen von New York, erinnert immer wieder an "Taxi Driver", ihren großen Durchbruch von 1976. An der Seite von Robert De Niro spielte sie eine minderjährige Prostituierte, so abgeklärt und cool, als hätte sie bereits 30 Jahre Berufserfahrung. Schon damals hatte sie diesen ruhenden Blick, der immer direkt zum Wesentlichen durchzudringen scheint. Dieses Lächeln mit den ironisch gekräuselten Mundwinkeln. Das unerschrocken gereckte Kinn. Diese unglaubliche Präzision. Ein Regisseur bezeichnete sie mal als "perfekte Schauspielmaschine". Ein Kompliment? "Eher ein Seitenhieb. Ich habe sehr eigene Arbeitsmethoden. Andere Schauspieler stehen in der Ecke und fühlen sich stundenlang in die Rolle hinein. Ich kann mich immer nur kurz konzentrieren. Dann muss ich einen Kaffee trinken oder Witze erzählen. Ich muss meine Figuren über den Intellekt begreifen. Muss verstehen, was sie wollen. Was sie fühlen, ist meine Privatsache, darüber rede ich mit niemandem.

Im Moment versucht Foster, das Leben von Leni Riefenstahl zu verstehen und - vielleicht - zu verfilmen. "Sie ist eine der größten Regisseurinnen aller Zeiten. Trotzdem wird sie am stärksten verunglimpft, moralisch gesehen. Es ist interessant zu sehen, warum das so ist. Albert Speer war im Dritten Reich Minister. Trotzdem wird er nicht so sehr gehasst wie Leni Riefenstahl. Weil er charmant war und ständig gesagt hat, wie leid ihm alles tut. Sie hingegen hat geschwiegen und nichts bedauert. Wenn sie anders gehandelt hätte, wenn sie ihre Filme nicht verteidigt hätte - wäre das dann anders?" Der Kopfmensch Jodie Foster nimmt die Arbeit auf, hier, schuhlos auf einem Sofa in Paris. Sie könnte noch lang über ihre Rollen reden, über die Motive ihrer Figuren, wie sie wurden, was sie sind. Und wird schweigsamer, sobald es um sie selbst geht. "Ich bin sicher, das liegt an einer schrecklichen Neurose aus meiner Kindheit", sagt sie, als sie laut darüber nachdenkt, warum Erinnerungen und Literatur sie stärker berühren als Bilder. Aber dann unterbricht eine Pressefrau das Gespräch. Vielleicht besser so. Für den Mythos.

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