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Interview

Katja Riemann im stern: "Angst ist eine große Energie"

Sie war Scheidungskind und Außenseiterin: Katja Riemann über die Wurzeln ihrer Schauspielkunst, ihr gespaltenes Verhältnis zu den Medien und ihren Fernsehfilm "Emma nach Mitternacht".

Katja Riemann

Schwierig oder nur anspruchsvoll? Die Schauspielerin Katja Riemann

Klar hat man diese ganzen Etiketten im Kopf, während man auf sie in einem Café in Berlin wartet: "Die Unverstandene" und "die Schwierige" gehören da noch zu den freundlichen Beschreibungen, welche die Schauspielerin Katja Riemann, 52, seit Jahren begleiten. Im Archiv gibt es eine eigene Text-Gattung, die sich als die "Wie Katja Riemann mir doch kein Interview gab"-Interviews bezeichnen ließe.

Seit den 90er Jahren gehört Riemann jedenfalls zu den besten und meistgebuchten deutschen Schauspielerinnen - trotz oder wegen ihres kratzbürstigen Images, das sie auch in ihre Rollen trägt und das die Leute offenbar mögen. Vielleicht wäre mancher gern öfter wie sie, würde gern öfter mal Nein sagen, nicht über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird, oder einfach so gucken, wie die Riemann guckt, wenn die Welt nervt.

Riemann, Tochter eines Lehrerehepaars, wuchs bei ihrer Mutter in einem Dorf nahe Bremen auf, nachdem die Eltern sich getrennt hatten. 1993 wurde sie mit dem überraschenden Erfolg des Hochschulfilms "Abgeschminkt!" zum Kinoliebling. An der Seite von Til Schweiger stieg sie 1994 in "Der bewegte Mann" zum Gesicht des deutschen Komödienbooms auf - eine Rolle, die ihr nie behagte. Sie wollte immer beides, anspruchsvolle Charakterfilme und Mainstreamkino, und sie hat längst gezeigt, dass sie beides gut beherrscht: Teenager-Popcorn-Kino wie "Fack ju Göhte" und eben feinfühliges Psycho-Drama wie "Emma nach Mitternacht". So heißt ihr neuer Fernsehfilm, in dem sie eine Radiopsychologin spielt, die einen durchgeknallten Geiselnehmer davon abhalten muss, seine Geiseln zu töten.

Als Riemann mit minimaler Verspätung im Café erscheint, entschuldigt sie sich sofort, grinst und sagt: "Ach, die Riemann, die hat mich warten lassen!" Dann knuddelt sie einen Hund am Nebentisch, bestellt einen schwarzen Tee mit Honig und wartet gut gelaunt auf die erste Frage.

Frau Riemann, Sendungen wie in Ihrem neuen Film gibt es tatsächlich. Menschen rufen einen Radiosender an und erzählen ihre intimsten Sorgen und Nöte. Können Sie das verstehen?

Ja, kann ich verstehen. Die Leute brauchen jemanden, der ihnen zuhört. In der Not ist es vielleicht das, was sie kennen. Oder das, was sie kriegen. Nicht alle haben Freunde. Nicht alle wissen, was es noch für Möglichkeiten gibt. Es gibt auch ein großes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Danach, auch einmal im Mittelpunkt zu stehen. Dass die eigene Geschichte gehört wird, wichtig genug ist, um es ins Radio zu schaffen.

Haben Sie selbst solche Sendungen verfolgt?

Als ich heranwuchs, hörte meine Mutter immer den Dr. Marcus. Das war ein Richter, der jeden Donnerstag im Radio war. Im NDR, sehr spät. Ich war fasziniert davon als Kind. Das war wie eine Tür zur Welt. Zu anderen Menschen, zu anderen Lebensentwürfen, zu anderen Problemen, zu anderer Verzweiflung. Durch die Fragestellung, durch einen bestimmten Gesprächsbogen, durch ein einfaches "Ja" wurden Leute dazu gebracht, von sich zu erzählen. Wenn sie dann mit so einer Hoffnung aus dem Gespräch gingen, war das für mich faszinierend. Ich komme vom Dorf, da gab es nicht so viele andere Menschen. Durch das Zuhören am Radio hatte ich das Gefühl, da draußen gibt es ganz viele ganz andere Leben.

In dem Film geht es um Leben und Tod. Emma schlägt ein Spiel vor, um den Geiselnehmer zum Reden zu bringen. Wie macht man das, Menschen zum Reden bringen?

Emma agiert sehr riskant, durch ihre Provokation. Mit ihrem Wissen über psychologische Zusammenhänge findet sie heraus, wo sein Schmerz liegt. Sie versucht immer, im Gespräch zu bleiben, solange hast du vermeintlich die Situation unter Kontrolle, es eskaliert nicht.

Wie bringt man Katja Riemann dazu, von sich zu erzählen? Ohne dass es eskaliert?

Fragen Sie einfach. Dann sehen wir, wo wir landen.

Ihre Schauspiellehrerin hat Ihnen einmal gesagt: "Gehen Sie dahin, wo Ihre Angst liegt". Wo liegt Ihre Angst?

Das ist ganz leicht. Das fängt schon an beim Aufstehen und dem Rausgehen aus der Wohnung. Es wird aber besser. Es ist eine Frage des Übens. Seit ein paar Jahren merke ich, meine Ängste werden weniger. Das ist ganz toll. Man kann besser atmen.

Wovor haben Sie Angst?

Ich bin generell ein ängstlicher Mensch. Ich habe ein paar krasse Sachen erlebt. Als Heranwachsende. In einer Begegnung mit Menschen. Das würde ich jetzt ungern erzählen. Ich bin aber weder neurotisch noch kokett.

Wie kann eine so ängstliche Person ausgerechnet Schauspielerin sein?

Ich glaube nicht, dass gute Schauspieler Rampensäue sein müssen. Es ist vielleicht genau andersherum. Ich glaube, dass Angst eine große Energie ist. Wenn man einen ängstlichen Menschen an eine Glühbirne anschließen würde, dann würde die leuchten. Aus der Angst kannst du einen anderen energetischen Zustand herstellen. Das ist unser Handwerk. Ich arbeite damit. Du kannst daraus Trauer, Zorn, sogar Euphorie machen.

Sie haben mal über Ihre Kindheit gesagt: Ich hatte nicht sehr viele nette Menschen um mich herum.

Ach doch. Ich hatte eine ganz tolle Mutter, die leider viel zu früh gestorben ist. Die war fantastisch. Aber ich war viel allein. Wenn du kein Gegenüber hast, dann transformierst du das. Auch als Kind. Dann schreibst du, singst du, tanzt du. Damit habe ich mich beschäftigt.

Warum waren Sie so viel allein? Hatten Sie keine Freunde?

Nein, eigentlich nicht. Die kamen erst später. Das war eine klassische Ausgrenzungssituation. Mit der ich als junger Mensch total überfordert war. Ich war ein Scheidungskind. Das Wort gab es damals wirklich, so wie "Schmuddelkind". Das war eine Stigmatisierung meiner Person. Ich war in einer Klasse mit 40 anderen Kindern, und ich war das einzige Scheidungskind. Scheidungskinder waren Schmuddelkinder. Dann kam ich aus einem gebildeten Haushalt, aber finanziell nicht so gut bestückt. Das heißt, ich hatte nicht die entsprechende Kleidung an, weil die natürlich selbst genäht war. Das musste meine Mutter irgendwie schaffen als Grundschullehrerin, alleinerziehend. Mit drei Kindern. Was sollte ich machen? Ich musste ja irgendetwas anziehen. Das war das nächste Stigma. Dann war ich nicht aus dem richtigen Dorf. Ich war kein Busfahr-Kind, ich war Radfahr-Kind. Lauter kleine, große Sachen.

Katja Riemann und ihre Tochter Paula

Katja Riemann und ihre Tochter Paula

Waren Sie zu Geburtstagen eingeladen?

Nein. Und gerade als Kind will man doch so sein wie alle. Haben Sie Kinder?

Ja, die sind aber schon älter.

Naja, dann wissen Sie ja, wovon ich rede. Die kommen dann nach Hause und wollen auch die lappigen Supermarktbrote mit Zuckerstreuseln drauf, weil alle sie haben. Meiner armen Tochter habe ich in solchen Fällen immer gesagt: Ja, und es haben auch alle "Heil Hitler" geschrien. Das fand sie saudoof, aber es hat genützt.

Macht eine Kindheit wie Ihre mit vielen Zurückweisungen den Menschen später zu einem weicheren Elternteil?

Ach, ich weiß nicht. Meine Mutter hätte mir auch Wrangler-Jeans gekauft, wenn sie es gekonnt hätte. Sie hätte nur nicht gewusst, was das ist. Ihr reichte eine Hose mit Gummizug. Es ist mir wichtig zu sagen: Ich hatte ein gutes Leben. Ich kam nur spät nach, meine Geschwister waren sehr viel älter, die waren dann bald weg, studieren. Zu denen bin ich auch in all meinen Ferien gefahren, weil wir eben nicht das Geld hatten, woanders hin zu verreisen. Zu denen fahre ich heute noch gern. Ich bin mit meiner Tochter glücklicherweise nicht in der gleichen Situation, wie meine Mutter es gewesen ist. Wir leben in der Stadt, wir haben genug Geld.

Sie hatten keinen Fernseher als Kind.

Später hatten wir einen. Zuerst haben wir immer beim Bauern gegenüber geguckt. Bis es den genervt hat, dass Sonntagsnachmittag immer die Riemann-Kinder bei ihm auf dem Sofa saßen. Da haben wir die Tierfilme geschaut. Wie heißt noch mal dieser Delfin?

Flipper?

Ja, genau, und dieses Känguru. Skippy. Das war meiner Mutter natürlich unangenehm, dass wir da immer herumsaßen. Sie hat uns dann einen Fernseher gekauft. Da habe ich Doris Day und James Stewart geschaut. Gab ja nur drei Programme.

Medien sind sehr umstritten gerade. Das Wort Lügenpresse ist populär. Und Sie persönlich hatten auch nicht immer ein einfaches Verhältnis zu Journalisten.

Es gibt natürlich unterschiedliche Medien. Die Bandbreite ist enorm. Und es freut mich sehr, dass ich das mal sagen kann: Ich habe großen Respekt vor Journalisten, die in Zeiten wie diesen an Orte fahren, von denen ich gern berichtet wissen möchte. An Kriegs- und Krisenorte, die sich ein Bild machen für uns. Die manchmal ihr Leben einsetzen, wissentlich, um uns Geschichten aus der Wirklichkeit zu erzählen.

Katja Riemann

Katja Riemann als Radiopsychologin Emma Mayer im ARD-Film "Emma nach Mitternacht: Der Wolf und die sieben Geiseln"

Die Geiselnahme in Ihrem neuen Film erinnert an den realen Fall der Geiselnahme von Gladbeck, bei der drei Menschen starben.

Dass die Geiselnahme in einer Tankstelle daran erinnert, das ist uns allen klar gewesen, aber es ist ein anderer Fall, andere Umstände. Hat mich nicht irritiert. Sollte es vielleicht?

Vielleicht. Die in Gladbeck beteiligten Journalisten interviewten die Täter und fuhren für die Story im Fluchtfahrzeug mit. Im Film reservieren Sie als Radiopsychologin dem Geiselgangster die Sendezeit.

Ich weiß, was Sie meinen. Aber diese Figur ist keine Journalistin. Sie agiert ein bisschen so, aber dieser Emma sind Einschaltquoten so etwas von egal. Sie macht ein paar Sachen richtig, aber das alles könnte natürlich auch total nach hinten losgehen. Vielleicht wird sie irgendwann ihre Unschuld verlieren.

Wie bereiten Sie sich auf so eine Rolle vor? Recherchieren Sie? Besuchen Sie solche Sendungen?

Ich habe Sachen gelesen. Ich habe auch eine Psychotherapeutin, der ich alle möglichen Fragen stellen kann. Das ist noch alles im Diskurs. Die Figur ist lange noch nicht fertig, wir wollen eine Reihe daraus machen. Aber je älter ich werde, desto mehr arbeite ich mit Imagination statt mit Identifikation. Wir machen ja keine Dokumentation über eine Radioshow, sondern einen unterhaltsamen Spielfilm. Der Schauspieler muss eine Figur kreieren, muss Leben herstellen. Manche Figuren, da musst du hinlaufen, andere kommen zu dir. Manchmal trifft man sich in der Mitte. Die Komplexität entsteht, das ist mir wichtig, durch Widersprüchlichkeit, durch eine Fülle von Emotionen, bei denen man immer wieder auf sein eigenes Leben zurückgreift. Das vergleiche ich mit der Palette eines Malers. Der kann sich daran bedienen. Wir Schauspieler haben unser Gesicht, unseren Körper und die Summe unserer Erfahrungen. Bei Emma weiß ich auch noch nicht alles. Deshalb will ich gern eine Fortsetzung machen.

Haben Sie eigentlich irgendwann mal darüber nachgedacht, Journalistin zu werden?

Das ist eine gute Frage. Vielleicht. Aber dafür ist es jetzt zu spät. Ich habe mich zu lange damit beschäftigt, etwas zu erfinden, als dass ich wirklich in der Lage wäre, journalistisch zu schreiben.


Das Interview erschien im stern, Ausgabe Nr. 16 vom 14. April 2016

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