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Keira Knightley: Die Nette von Nebenan

Mit ihrem Gesicht könnte sie jedes Produkt bewerben, ganz gleich ob Baumwollsocken oder Designer-Klamotten. Die stünden ihr sicher wie angegossen, denn auch ihre Figur ist makellos. Doch Keira Knightley ist Schauspielerin. Und genau das ist ihr Problem.

Von Alexandra Steffes

Keira Knightley fällt in diesem Londoner Herbst auf wie eine Signalfarbe. Beim Hausarzt, beim Fernsehen oder ziellosen Bummeln - irgendwo sticht sie einem immer ins Auge. Knightleys neuer Film "Atonement" ("Abbitte")läuft seit Wochen in den Kinos und sie ist das Gesicht des neuen Dufts "Coco Mademoiselle" von Chanel. Es kann also passieren, dass man gleich doppelt in den Genuss ihrer Schönheit kommt: im Film und im Werbeblock davor.

Spätestens seit die 22-Jährige in der Kino-Trilogie "Fluch der Karibik" neben Johnny Depp Degen und Reifrock geschwungen und die Zahnpasta-Zähne gezeigt hat, weiß man, dass Hollywood für Knightley kein Abenteuerurlaub ist, sondern ernstzunehmende Karriereabsicht. Das Fräulein scheint Hollywood tauglich. Die Engländer platzen vor Stolz. Verständlich.

Denn wir Europäer tun uns schwer, auf der anderen Seite des Atlantiks zu landen und das Geheimnis zu knacken, wie man sich in die "A-list" der internationalen Stars einschreibt. Marlene Dietrich war der letzte große Star, der es in Übersee zu etwas brachte. Aber seither sind Jahrzehnte vergangenen. Hoffnungen setzte man in Franka Potente. Aber die kehrte nach "Bourne Identity" gleich wieder um. Die Frage im Stile Hollywoods bleibt: What does it take?

Keira Knightley, jedenfalls, hat's. Überraschend nur, wieso. Sicher, das Gesicht allein ist einen Oscar wert. Darüber hinaus? Seit ihrem Debüt als fußballfanatische Göre in "Kick it like Beckham" fragt man sich: Wie kam es zu dem Gerücht, Keira Knightley sei schauspielerisch begabt, sei das typische Produkt englischer Theatertradition: eine Charakterdarstellerin also?

Bei Actionstreifen sei sie entschuldigt. Aber "Abbitte" fleht darum, ein Ticket für Keira Knightleys Oscar-Nominierung zu sein. Jedoch, ihre Darstellung lässt uns kalt. Dabei stimmt alles: literarisches Drehbuch, alter Herrensitz, die Mode der Dreißiger und Knightleys Rolle als unterkühlte Engländerin aus verkorkstem Adelshaus. Die Ära ist ihr aufs hübsche Gesicht geschnitten. Die Kostüme sind - bei aller Liebe zum historischen Detail - in den grellen Farben der Saison, so durchsichtig und knapp gewickelt, dass sich einem die Schamhaare aufstellen.

Ihr Gesicht ist ihre größte Konkurrenz

Immerhin, zwei große Momente hat Knightley: den Akt der Verführung - in klitschnassen Klamotten spaziert sie über englischen Rasen - und den des Verführtwerdens vor einer Ehrfurcht gebietenden Bücherwand. Die filmischen Arrangements sind ideal, das erste Adjektiv, das einem jedoch zum Spiel von Keira Knightley einfällt, ist: hölzern.

In der Sexszene steht nicht Keira Knightley, sondern ihr Kleid im Vordergrund: eine Robe aus froschgrüner Chiffonseide wie sie Chloé diese Saison auf den Laufstegen zeigt. Doch leider lenkt nicht nur die Knallfarbe des Kleides von Knightleys Schauspielkunst ab, auch ihr Partner, der schottische Newcomer James McAvoy, spielt sie buchstäblich an die Wand.

Keira Knightley ist die seltsame Mischung aus erstaunlicher Schönheit und freundlicher Wässrigkeit. Ihr Gesicht ist ihre größte Konkurrenz. Und sie ist ihm nicht gewachsen. Es fehlt ihr - was auch immer - Hintergrund? Der Haken? Unsere Neugier? Einfach etwas, das über das Urteil "bestimmt nettes Mädchen" hinausginge.