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Das Phänomen Kim Kardashian: Trash at its best

Eigentlich kann sie nichts, aber sie verkauft sich unfassbar clever. Die Amerikanerin verdient Millionen damit, sie selbst zu sein. Annäherung an ein Phänomen.

Von Jochen Siemens

Kim Kardashian hat zig Millionen Fans weltweit - hier lässt sie sich sogar zu einem Selfie mit einem Fan herab.

Kim Kardashian hat zig Millionen Fans weltweit - hier lässt sie sich sogar zu einem Selfie mit einem Fan herab.

Das Kim-Kardashian-Porträt erschien in der stern-Printausgabe Nr. 50 am 4. Dezember 2014.

Ananassaft kommt auch vor. Aber erst später, weil die Geschichte mit dem Ananassaft nicht ganz jugendfrei ist. Erst mal geht es um diese Frau, die Kim Kardashian heißt und in Deutschland eigentlich nur als Überschrift oder eher als Bildunterschrift bekannt ist.

Kim Kardashian, 34, lebt davon, fotografiert zu werden. Sie ist die zurzeit wohl meistfotografierte Frau der Welt, sie liefert auf Twitter und Instagram selbst mehrmals wöchentlich Nachschub, was auf den beiden Netzwerken die Zahl ihrer Zuschauer auf #link;https://twitter.com/kimkardashian;26 Millionen (bei Twitter)# und #link;http://instagram.com/kimkardashian;23 Millionen (bei Instagram)# erhöht hat. Zum Vergleich: #link;http://instagram.com/heidiklum;Heidi Klum folgen bei Instagram bescheidene 1,4 Millionen#. Warum aber schauen Kim Kardashian so viele beim Kim-Kardashian- Sein zu?

Man kann ihre Geschichte auf zwei Arten erzählen. Die erste geht schnell und so: Verzogene Tochter eines Hollywood-Anwalts inszeniert seit sieben Jahren zusammen mit ihren Schwestern, ihrer Mutter und ihrem Stiefvater ihr Leben in einer Reality-TV-Show, und Millionen gucken zu. Sie hat nie etwas gelernt, kann eigentlich nichts, und würde man sie nach ihrem Berufswunsch fragen, müsste sie mit "irgendetwas mit reich" antworten. Sie hat zum dritten Mal geheiratet, den Rapper Kanye West, der reich ist und exzentrisch. Zusammen haben sie eine Tochter, die North heißt, man beachte das Wortspiel "North West". Kim Kardashian selbst hat, wie viele andere in dieser Branche, bekannt mit berühmt verwechselt und verneint vehement, dass sie eigentlich nichts tue, vielmehr arbeite sie hart. Kleider an- und wieder auszuziehen, sich beim Frühstück, beim Sport, im Kreißsaal vor der Geburt ihrer Tochter filmen zu lassen, das sei ihre Arbeit, stöhnt sie, "sind ja immer Kameras dabei".

Die Geschichte eines Clans

Um Kim Kardashians Bekanntheitsgrad zu begreifen, muss man sich vorstellen, die Show der deutschen Trash-Familie "Die Geissens" liefe europaweit mit hohen Quoten im Fernsehen, und die kleinen Geissen- Töchter wären junge Frauen mit grellem Lipgloss, greller Libido und vielen Nacktfotos, "gefollowt" von Millionen deutschen, französischen oder schwedischen Frauen auf Twitter. Trash at its best.

Aber man kann die Geschichte ebenso anders erzählen und muss das auch. Nur dann versteht man die heute entscheidende Ökonomie der Aufmerksamkeit, in der die Hotelerbin Paris Hilton wie ein schüchternes Start-up daherkam, Kim Kardashian sich aber wie ein Ich-Konzern als Sexbombe und Mutter gleichzeitig verkauft. Gnadenlos clever.

Die Geschichte der Kardashians ist eine Clan-Story, wie es sie nur in Hollywood, nie aber in Berlin oder Düsseldorf geben kann. Als Kind mit armenischen Vorfahren wurde Kims Vater Robert zu einem der besten Promi- Anwälte Hollywoods und hatte mit seiner Frau Kris drei Töchter, Kourtney, Khloé und Kim – man beachte die Vorliebe für das K – und einen Sohn, der nach dem Vater Robert heißt.

Ein medialer Rohstoff namens Kardashian

Die Ehe wurde Anfang der 90er Jahre geschieden, erfuhr aber ein dramatisches Nachspiel, als Robert Kardashian 1994 ausgerechnet dem wegen Mordes an seiner Exfrau angeklagten Sportstar O. J. Simpson als Freund und Anwalt zur Seite stand. Denn die Ermordete, Nicole Brown, war Kris Kardashians beste Freundin. Simpson wurde freigesprochen, ein hässlicher Schatten blieb.

Kris heiratete den ehemaligen Zehnkampf-Olympiasieger Bruce Jenner und bekam zwei weitere Töchter – ihre Namen beginnen natürlich mit K, Kendall und Kylie. Und Kris Jenner begriff, welchen medialen Rohstoff sie da im Haus hatte: eine ständig plappernde Versammlung von Töchtern und einem Mann, die sie alle, ganz nach dem Vorbild der TV-Show "The Osbournes", in einem TV-Zoo ausstellte.

Was da zu sehen und zu hören war, schwankte zwischen banal und derb, war aber vor allem eines: echt. Und herrlich obszön. Sie habe nach jeder Geburt und während ihrer Schwangerschaften immer riesigen Hunger auf Sex gehabt, erzählt Mutter Kris da, und die Mädchen kreischen: "Iiiehh, Mama!" Ob es eigentlich den Geruch der Vagina verbessere, wenn man viel Ananassaft trinke, debattierten an anderer Stelle drei der Schwestern. Und Kim Kardashian wusste nach der Geburt ihres Kindes beeindruckt zu berichten, dass sich die Form ihrer Vagina verschönert habe. Stiefvater Bruce stand manchmal nur resigniert dazwischen, sorgte aber für eigene Schlagzeilen, als er mit fraulicher Föhnwelle und Diamant im Ohr durch Los Angeles spazierte. Gerüchte, er wolle das Geschlecht wechseln, dementierte er. Unterhaltung ist trotzdem garantiert.

Von hier aus gesehen wirkt all das einigermaßen schmuddelig. Doch es ist ein Volltreffer in die Fantasien Prosecco-beschwipster Frauenrunden zwischen Nagelstudio und Waxing- Behandlung. Das Kunststück dieser Zurschaustellung ist Managerin Kris vor allem aber durch die Kombination ihrer Töchter Kim und Kendall gelungen: Es ist die menschgewordene Verbindung von U- und E-Kultur. Kim Kardashian ist das Role Model der hüftbreiten, vollbusigen Frauen, die auch, wenn sie schwanger sind, noch hauteng tragen und damit auf nichts anderes hinweisen als auf die Natur, die sie geformt hat. Millionen von Latino- und afroamerikanischen Frauen fühlen sich bestätigt, wenn Kim und Ehemann Kayne West auf dem Cover der ehrwürdigen US-"Vogue" glänzen – der bestverkauften Ausgabe der vergangenen Jahre.

Kims Halbschwester Kendall hingegen ist das Modell des Fashion- Mainstreams, schlank und von klassischer Schönheit, auf Pariser Laufstegen präsent und bald das Gesicht von Estée Lauder. Dass beide aus einer Familie stammen, das ist, als würde Porsche den VW Polo und den 911er am selben Fließband bauen lassen.

Im Auge des Soziologen sind die Kardashians die konsequente Verneinung jeder Abgrenzung, eigentlich die wichtigste Beschäftigung der Mittelklasse. Soziale Schranken sind ihnen egal. Mag sein, dass es bei Kim Kardashian nicht nur Liebe war, als sie zwei ihrer Ehemänner unter Schwarzen aussuchte, aber es sind nun mal Schwarze, was in der amerikanischen weißen Mittelschicht nicht selbstverständlich ist. Dass Ehemann Nummer eins, der Musikproduzent Damon Thomas, nach der Ehe giftete, Kim sei eine "Fame Whore", eine Berühmtheitshure, kann man auch als Jobbeschreibung verstehen. Hollywood ist voll davon.

Und wenn schon. "Ich rede nie über Dollars", sagt Kim, wenn man nach ihrem Vermögen fragt. Aber man kann ihr beim Geldverdienen zusehen, 28 Millionen Dollar waren es allein im Vorjahr. Ihre Twitter- Arbeit erledige sie mit einem Blackberry, wie sie betont, die Instagram- Bilder mache sie mit einem iPhone, beide Smartphones habe sie zu Hause aufgereiht. Tolle Bilder mache aber auch das Galaxy von Samsung. Ob sie sich eigentlich bezahlen lassen würde, wenn sie auf Twitter ein Produkt nett erwähne. "Ja." Wie viel? Für einen Tweet 10.000 Dollar? Lesen ja immerhin 26 Millionen. Lächeln. "Möglicherweise." Ah ja. Über Dollars spricht sie nicht. Sonst über alles. Auch über Ananassaft.