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Kinder-Gourmets: Hummer statt Schnitzel mit Pommes

Kinder mögen Pommes oder Spaghetti. Auf keinen Fall jedoch Hummer oder Trüffel. Denkste! In den USA werden bereits Dreijährige in Kochkursen zu Gourmets erzogen. Nicht ganz freiwillig.

Von Frank Siering, L.A.

Hanna Mandel ist fünf Jahre alt. Sie liebt Sushi und lehnt aufgewärmte Pizza als "unsäglichen Fraß" ab. Thomas Jordan ist vier Jahre alt. Jeden Sonntagmorgen bindet ihm die Mama die Armani-Krawatte um, und ab geht's ins "Le Bernardin", das derzeit angesagteste Restaurant in New York. Hier macht sich der Junior-Gourmet über Langusten im Dialog mit Trüffeln und Crème-Sauce her. "Ein absolutes Food-Erlebnis", sagt der kleine Knirps und tüpfelt sich den Mund mit der Stoffserviette ab. Immer mehr Kids in den USA sagen Nein zu Pizza und Hamburgern und belegen Gourmet-Kochstunden für Kinder. Auf dem Speiseplan für die Minimaster steht nur das Beste: Dim Sum zum Beispiel, getünchte Makrelen-Sauce und eine Gemüsesuppe aus Indien. Die Gewürze werden eingeflogen, versteht sich. Zwischen 40 und 120 Dollar pro Kochsstunde müssen die Eltern für ihre Liebsten hinlegen. Und sie tun es gerne. "Ich finde es prima, dass meine Tochter schon früh auf die kulturellen Genüsse unserer Gesellschaft vorbereitet wird", sagt Josephine McLaren und strahlt an einem grauen Sonntagnachmittag im "Blue Ribbon Sushi Restaurant" in Brooklyn mit anderen "kulinarischen Eltern" um die Wette.

Eine ganze Industrie bedient kleine Gourmets

Der Trend aus New York breitet sich mittlerweile aus. Im "Culinary Center" in Seattle lernen drei- bis sechsjährige Kids die verschiedenen Messermethoden am Tisch. Und im "Batter Up Kids Culinary Center" in Austin (Texas) können sogar schon Zweijährige lernen, wie man "Raspberry Tea-Sandwhiches" richtig schmiert. Selbst der amerikanische Buch- und Spielemarkt hat sich in das Geschäft mit den "Mini-Köchen" längst eingemischt. Immer mehr "Food Toys" überschwämmen dieser Tage die USA. "ABD Carpet and Home" in Manhattan verkaufen mittlerweile sehr anspruchsvolle Mini-Küchen für zukünftige Wolfgang Pucks. Und die kleinen Spielzeugtoaster und Mix-Schüsseln, die bei "Pottery Barn Kids" angeboten werden, hinken preislich kaum hinter den "erwachsenen Versionen" hinterher und würden selbst einen Starkoch wie Paul Bocuse vor Neid erblassen lassen. Im Buchmarkt, das merkt Pam Abrams, Autor von "Gadgetology: Kitchen Fun with your Kids" an, explodiert gerade das Geschäft mit Kochbüchern für Kinder. Werke wie "Baby and Toddler Cookbook" oder "Food Adventures" erklären den Kindern nicht nur, wie die asiatische Küche en detail vorbereitet wird, sie "führen unsere Kinder auch früh an fremde Kulturen heran", glaubt Abrams.

Generation von kleinen Snobs?

"Das Geschäft mit den Junior-Gourmets ist das nächste große Ding in Amerika", verrät Pilar Guzman der New York Times. Guzman ist Chefredakteurin von "Cookie", einem Magazin für Eltern. Der Grund für diese Faszination am Kochen für Kinder? "Ganz einfach", sagt Guzman. "Es wird später geheiratet, die Kinder werden später geboren. Sie treten zu einem Zeitpunkt in das Leben der Erwachsenen, da die schon gewisse Vorlieben für gute Küche, gute Mode oder gutes Wohnen entwickelt haben", so die Journalistin weiter. Und diese sollen an die lieben Kleinen weitergeben werden. Die Gefahr dabei? Zum einen zählt Sushi noch immer zur Gattung roher Fisch. Nicht jeder Kinderarzt würde empfehlen, dass Dreijährige "Spicy Tuna" oder "Octopus-Rollen" in sich hineinwürgen sollten. Und nur, weil Kinder Mahlzeiten vorbereiten, deren Namen oftmals Erwachsene kaum aussprechen können, heißt das auch nicht, dass diese Kids automatisch "einen hochentwickelten und verwöhnten Gaumen" bekommen. Und es kann auch passieren, dass hier eine neue Generation von kleinen Snobs heranwächst.

Jordan Pallister zum Beispiel. Sie ist drei Jahre alt, reagierte auf eine Kochstunde im "Le Bernardin" auf das Trüffel-Tasting wie es sich für ein kleines Kind gehört. Sie spuckte den teuren Pilz auf den Teller und verzog das Gesicht. Der Mama war das so peinlich, dass sie gleich für 500 Dollar frische Trüffel aus der Hausküche bestellte, um den Gaumen der Kleinen zuhause auf die nächste Kochstunde vorbereiten zu können.

  • Frank Siering