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Matt Damon: Der Mann für alle Fälle

Action-Star, Charakterdarsteller, Oscar-Preisträger, kritischer Kopf - Matt Damon ist zurzeit einer der erfolgreichsten Schauspieler der Welt. Jetzt kämpft er wieder als beinharter Killer Jason Bourne in Kino.

Von Christine Kruttschnitt

Der Schönste ist er nicht. Jedenfalls nicht von den dreien. Sein Kumpel George wurde bekanntlich schon zweimal von einer Zeitschrift zum "Sexiest Man Alive" gekürt, und für die Attraktivität von Freund Brad gibt es nahezu keine weltlichen Begriffe mehr außer "Aaaaa!" und "Iiiii!", vorgetragen in äußerster, gleichwohl aussichtsloser Verzückung, etwa von 13-jährigen Mädchen hinter der Polizeiabsperrung eines von Mr Pitt bewohnten Hotels. Matt Damon - als Einziger in Hollywoods berühmtestem Buddy-Trio Clooney, Pitt, Damon - hat keinen sexy Titel. Und Matt Damon löst keine Massenhysterie aus. Als bei der Premiere seines ersten Bourne-Films vor fünf Jahren einige weibliche Fans vor dem Kino Plakate mit dem Spruch "Heirate mich, Matt!" hochhielten, "waren die alle in derselben Schrift geschrieben", erzählt der Schauspieler mit gespielter Bitterkeit. "Das Studio wollte mir einen Gefallen tun."

Auch Ben Affleck - sein bester Freund seit Kindertagen in Boston - wirkt neben ihm wie eine schnittige Sexbombe. Nicht, dass Damon hässlich wäre - er hat nur einfach den Appeal des kleinen Bruders. Kräftig, fast ein wenig stämmig, mit breiter, zuverlässiger Stirn, wachen honigbraunen Augen und jenem amerikanischen Knackkiefer, den die Evolution zum Big-Mac-Beißen geformt hat. Ein gutes Gesicht. Ein ehrliches Gesicht. Ein Pitt ist es nicht. Paparazzi raffen sich nur an schlechten Tagen auf, ihn und seine Frau Luciana samt Stieftochter und Baby beim Kinderwagenschieben in seiner Wahlheimat Miami zu verfolgen. Zu langweilig. Damon säuft sich nicht die Hucke voll in Lindsay-Lohan-Nachtclubs und haut keine Fotografen, und selbst wenn man ihn beim Joggen anquatscht, gibt er noch höfliche Antworten ("Matt, wie finden Sie Tony Blair?", rief ein britischer Reporter, und aus dem Trab kam zurück: "Persönlich schätze ich ihn, aber politisch setze ich größere Hoffnungen in Gordon Brown!").

"Ich wünschte, die Leute wüssten gar nichts über mich"

Er ist jetzt 37 Jahre alt, aber wenn er in Kapuzenfräckchen und Jeans zu einem Spiel seiner geliebten Red Sox geht, Bostons Baseballmannschaft, könnte man ihn für einen Studenten halten, freundlich und harmlos und so wenig Filmstar wie Pitt Tankwart. Und dies alles zu hören würde Matt Damon sehr, sehr glücklich machen. "Ich wünschte, die Leute wüssten gar nichts über mich", überlegt er über einer Tasse Milchkaffee. Es ist zehn Uhr morgens in Los Angeles, und Damon ist verschnupft. Seine einjährige Tochter Isabella hat ihm die ganze Nacht das Ohr vollgehustet, jetzt läuft Daddys Nase bei 30 Grad im Schatten. Der Mann, der gerade vom Wirtschaftsmagazin "Forbes" zu "Hollywoods bestem Investment" deklariert wurde - jeder Dollar, den Damon als Gage für seine jüngsten drei Filme erhielt, spielte 29 Dollar wieder ein -, ist die beste Geldmaschine der Kinoindustrie, vor Pitt und weit vor Clooney und Affleck. Damon bliebe gern ein Geheimnis. Ein Niemand, der alle halbe Jahre oder so in einem Film einen CIA-Killer spielt oder einen naiven Casino-Dieb oder einen Spion im Kalten Krieg.

Einer wie Robert De Niro; von dem wisse man schließlich auch nicht so genau, ob er Probleme mit seinem Vater gehabt oder mehr als 20 Frauen beschlafen habe. Man wisse eben nur, dass er ein großartiger Schauspieler ist. "Wenn man mich jede Woche in einer Klatschzeitschrift sehen kann, wie ich mir den Hintern kratze, wer legt denn dann noch zehn Dollar hin für meine Filme?" Damon nippt an seiner Tasse. "Landest du erst einmal in den Fängen der Klatschpresse, bist du als Schauspieler gearscht. Man denke nur an den armen Ben." Afflecks Beziehung mit Jennifer Lopez - vielmehr das im Blitzlicht zelebrierte Blingbling einer so herrlich unpassend scheinenden Liebe - habe die Karriere des Freundes beinahe ruiniert. Als Ben und Matt 1998 einen Oscar für ihr Drehbuch zu "Good Will Hunting" gewannen und mit einem Schlag berühmt wurden, galt Affleck als derjenige mit den besseren Chancen. Ein ganz Großer würde er werden. Zehn Jahre später ist es Damon, der rund 20 Millionen Dollar pro Film verdient. Der sich seine Rollen nach Erhalt der Lebensqualität aussucht ("Ich arbeite nie mit Regisseuren, die ich nicht leiden kann"). Dem man alles abnimmt von komisch ("Ocean's Thirteen") bis tragisch ("The Good Shepherd"). Und der neuerdings - dieser nette Junge mit abgebrochenem Harvard-Studium und Knackkieferlachen - als Hollywoods Antwort auf James Bond gefeiert wird.

Bourne - der zugleich tödlichste wie seelenvollste Killer

Dank der nunmehr drei Action-Filme über den CIA-Killer Jason Bourne, der unter Gedächtnisschwund leidet und sich quer über den Globus auf die Suche macht nach sich selbst, wurde Matt Damon plötzlich ein Megastar, der von Zeitschriftentiteln grinst (nur den guten!) und in Interviews unaufhörlich der Frage über die zerstörerische Wirkung von Öffentlichkeit nachgeht. "Wenn ich über meine Familie rede, fühle ich mich hinterher schlecht. Wie ein Zuhälter - jetzt verkaufe ich schon meine kleine Tochter, damit "The Bourne Ultimatum" ein Erfolg wird." Nun, Isabella muss nicht verkauft werden, der Erfolg ist sicher. Mehr als 500 Millionen Dollar haben die ersten beiden Teile eingespielt, die jüngste und vermutlich abschließende Episode verspricht die kassenträchtigste zu werden. Bourne - der zugleich tödlichste wie seelenvollste Killer, den der amerikanische Geheimdienst je ausgebildet hat - findet heraus, dass er seiner Regierung nicht trauen kann, ja, dass seine Leader ihn unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in einen Krieg gegen den Terror geschickt haben, obwohl sie genau wussten ... Moment, Mr Damon: Reden wir noch über den Film?

"Bush hat uns belogen", sagt Damon, "und Jason Bourne wie das amerikanische Volk befinden sich in derselben Situation: Was geschieht mit uns, wenn wir die Motive unserer Befehlshaber in Zweifel ziehen? Müssen wir, dürfen wir ihre Befehle dann noch befolgen? Ich glaube, dass wir Amerikaner endlich aufgewacht sind. Und dass das Land nächstes Jahr ganz anders aussieht, nach den Wahlen." Bourne, der missbrauchte Held, als Symbol für die von Bush und Co. in den Irak-Krieg getriebenen USA: Ohne diese Untertöne, sagt Barack-Obama-Anhänger Damon, hätte er gar nicht angefangen zu drehen. Washington-Kritik hin oder her: Der Film ist sensationell geworden (siehe Kasten). Obwohl er Autounfälle und Zweikämpfe überlebt, die einen Elefanten zu Mus klatschen würden, bleibt Damons Bourne der glaubwürdigste Action-Held des amerikanischen Kinos. Das ist einerseits schiere Schauspielkunst. Damon ist schließlich seit über zehn Jahren im Geschäft. Das ist andererseits schieres Pech. Oder Glück, wie man's nimmt. Das Baby ließ ihn nämlich nie durchschlafen, und so blickt Bourne zuweilen existenzialistisch-verloren ins Weite ... hundemüde. Im Herbst dreht Damon den nächsten Film, ein Drama über den Irak-Krieg. Bis dahin würde er gern wieder verschwinden. Ins Niemandsland. Aber das Nicht-Star-Sein ist schwerer geworden. Das ist Pech. Oder Glück, wie man's nimmt.

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