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Morgan Freeman: "Ich sollte mal einen Idioten spielen"

Über vieles wollte Morgan Freeman mit uns reden, allerdings nicht über seinen schweren Autounfall. Nur so viel: Es geht ihm wieder recht gut. Was der US-Schauspieler von Barack Obama hält und von Nelson Mandela, warum ihn Rollenklischees nerven und warum er locker Präsident werden könnte, erzählt er im stern-Interview.

Mr Freeman, Sie haben schon Gott gespielt, den US-Präsidenten und in Ihrem neuen Film "Wanted" nun den Führer einer Geheimgesellschaft. Was fehlt eigentlich noch? Der Papst?

Wahrscheinlich sollte ich mal einen Idioten spielen oder einen Verrückten, irgendeine Rolle, die völlig aus dem Rahmen fällt.

Am Broadway haben Sie gerade einen Alkoholiker gespielt.

Himmel ja, das ist so eine Rolle. Auf der Bühne kann ich mich austoben, da kann ich all das spielen, was das Filmpublikum nicht von mir erwartet.

Es scheint, als traue Hollywood Ihnen keine fiesen Rollen zu. Selbst in "Wanted" verleihen Sie dem Bösewicht noch etwas Staatsmännisches.

Filmproduzenten wollen vor allem Kassenschlager produzieren. Sie wollen kein Risiko eingehen. Sie fragen nicht: Wer kann diese Rolle am besten spielen? Sondern: Wer hat das schon mal gemacht Dann gehen sie ihre Liste durch.

Für Gott steht da: Morgan Freeman.

Genau.

Für den US-Präsidenten: Morgan Freeman.

Und wenige andere, vielleicht noch Harrison Ford.

Wie kommt es, dass Sie, der von sich sagt, ein ziemlich wildes Leben gelebt zu haben, auf diese Rolle gebucht sind: die moralisch integre, allwissende Vaterfigur?

Ich habe wohl einige Rollen gespielt, die in den Augen der Zuschauer eine Nische trafen: den Chauffeur in "Miss Daisy und ihr Chauffeur". Den Häftling in "Die Verurteilten". Diese Rollen geben dir eine Aura, die alles andere, was du machst, überragt. Nehmen Sie Clint Eastwood. Dem nimmt es keiner ab, wenn er einen Feigling spielt.

Glücklich scheinen Sie damit nicht zu sein.

Das würde ich so nicht sagen, denn es hat meine Karriere gepuscht. Ich war ja lange völlig unbekannt, selbst mit 50 noch.

Es soll Menschen geben, die Sie mit Ihren Rollen verwechseln und um Lebenshilfe bitten.

Ich weigere mich, das zuzulassen. Ich weigere mich, mit meinen Rollen verwechselt zu werden. Gerade weil ich Gott und Präsidenten spiele, muss ich auf der Hut sein vor denen, die dich testen wollen. "Hey, du warst doch Gott", sagen sie.

Und was antworten Sie?

Dass ich Gott nur gespielt habe, mehr nicht. Wissen Sie, zu meinen Jugendzeiten waren zwei Schauspieler ganz groß, Spencer Tracy und Henry Fonda. Beide bekamen auch diese Paraderollen, sie waren wie Sprecher auf dem Gebiet der Moral. Im Leben waren sie das nicht gerade.

Henry Fonda war fünfmal verheiratet und nicht unbedingt ein guter Vater.

Er war eben Schauspieler. Ich bin Schauspieler. Ich bin keine moralische Instanz, für keinen und niemanden.

Aber für viele der größte derzeit lebende Schauspieler.

Vielen Dank fürs Kompliment, aber den gibt es nicht.

Nicht?

Wenn du das glaubst, solltest du dir ernsthaft Gedanken über dich machen.

Aber die Umfragen geben das her.

Ja, man verpackt das in Umfragen: Morgan Freeman - Amerikas beliebtester Schauspieler. Das ist Hype. Sie hypen nicht dich, sondern irgendein Projekt, in dem du gerade steckst.

Sie fühlen sich nicht geschmeichelt?

Es ist nicht die Wahrheit. Das ist wie die Oscar-Verleihung. Sie küren dich zum besten Schauspieler. Wenn du auch nur anfängst das zu glauben, steckst du in tiefen Schwierigkeiten. Es gibt nicht den Besten in einer Ensemblearbeit.

Sie sind hart mit sich. Haben Sie Selbstzweifel?

Klar.

Straucheln Sie auch mal?

Absolut. Am Broadway passiert mir das ständig. Du fängst an zu proben und stolperst schon über die veraltete Sprache. Der Autor ist tot, den kannst du nicht fragen. Du kommst nie an den Punkt, wo du alles beherrschst.

Akzeptieren Sie Kritik?

Absolut. Ich bin dankbar dafür. Ich sage zum Regisseur: Wenn ich in eine Richtung laufe, die dir nicht gefällt, sag es mir, nur zu, sonst renne ich blindlings los.

Wahrscheinlich könnten Sie aufgrund Ihrer Popularität US-Präsident werden.

Wissen Sie was? Wahrscheinlich könnte ich das tatsächlich. Bei uns in Amerika wird der Name gewählt. Es hat mir mal jemand gesagt, ich solle als Gouverneur von Mississippi antreten.

Und?

Ich habe ihm geantwortet: Kommt gar nicht infrage. Ich würde nämlich gewinnen.

Das wäre doch mal was anderes.

Ich kann Politik nicht ausstehen. Politiker gehören zu einer bestimmten Sorte von Menschen - und ich zu einer anderen. Sie lügen gern - ich versuche, das Gegenteil zu tun. Außerdem bekommt man zu wenig Geld. Wenn du als Politiker viel Geld machen willst, kommst du ins Gefängnis.

Sie kümmern sich also nicht um Politik? Als ich in Ihr Hotelzimmer kam, saßen sie am Fenster und lasen die "New York Times".

Natürlich interessiert mich Politik. Aber so wie Baseball, ich gucke das Endspiel, nicht die ganze Saison. Wenn es drauf ankommt, bin ich dabei. Diese Wahlen jetzt, die interessieren mich. Auch die Wahlen 2000, die haben mich interessiert.

Als George W. Bush gewann?

Sie haben uns die Wahlen gestohlen. Meine Güte, dies ist Amerika, und sie klauen Wahlen. Wie kann das sein? Wie kann ein Gericht Bush zum Sieger erklären, wenn er nicht die Mehrheit gewann?

Sie regen sich ja immer noch auf.

Ja, ich sagte mir: Hier stinkt etwas. Und schau, was wir mit Bush bekamen: ein außenpolitisches Debakel nach dem anderen. Wir befinden uns jetzt in diesem Krieg ohne jedes moralische Recht. Und das Volk steht nicht dahinter. Hätten wir die Wehrpflicht, gäbe es jetzt Massenproteste in den Straßen. Ich teile diese Sehnsucht nach "Change", nach Wandel.

Sehen Sie das als Ihre Verantwortung als Superstar?

Es ist die Verantwortung von allen, die in Freiheit leben, ihre Meinung zu äußern. Immer!

Gut, Ihre Meinung also. Zum Endspiel.

Ja, das Endspiel. McCain gegen Obama. Das ist doch keine Frage. Das ist doch kein echter Wettbewerb. John McCain ist zu sehr verbunden mit unserem schlechten Image in der Welt. Es muss sich alles verändern, und zwar dramatisch. Und endlich packen wir es an, das Land verändert sich, und ich bin mitten an der Front: Yeah, Obama!

Sie klingen richtig aufgeregt.

Ich bin aufgeregt. Mich bewegt das sehr. In der Minute, in der Obama als Präsident ins Amt eingeführt wird, verändert sich die Welt.

Das glauben Sie wirklich?

Ich weiß es. Sie wissen das doch auch. Die ganze Welt muss das wissen.

Das klingt zu einfach. Du gehst nicht einfach ins Weiße Haus, und die Welt verändert sich.

Es gibt vielleicht kein Erdbeben, aber unser Image wird sich ändern. Und Amerikas Außenpolitik wird sich dramatisch ändern. Wir gehen wieder nach Europa und reden mit unseren Freunden. Wir wollen eure Meinung hören, die ihr viele Teile der Welt so viel besser kennt. Wir werden natürlich keine Atomwaffen Richtung Iran und Nordkorea zielen. Wir werden nicht einfach ein Raketenabwehrsystem installieren und damit ein neues Wettrüsten auslösen. Obama sagt: Wir müssen wieder mit Menschen reden, selbst mit solchen, die wir nicht mögen.

Und Sie vertrauen diesem jungen Kandidaten, der noch nicht viel Erfahrung hat?

Nennen Sie mir einen Politiker mit Erfahrung, der Präsident werden soll. Bush hatte auch keine.

Bill Clinton war elf Jahre Gouverneur von Arkansas, bevor er Präsident wurde.

Ja, Arkansas. Come on. Außenpolitische Erfahrung hatte er nicht. Obama wird ja nicht zum König gewählt. Das Parlament ist ja noch da, der ganze Regierungsapparat. Er holt sich die besten Leute ins Team und hört ihnen zu.

Woher wissen Sie, dass dies nicht die fantastische Show eines grandiosen Schauspielers ist, der eloquent redet und sein Volk verführt?

Ich lese, mein Freund. Ich lese. Obama ist der Sohn einer Freidenkerin, die einen Mann aus Kenia heiratete und später einen Indonesier und nach Jakarta zog. Sie prägte ihren Jungen, sie hat ihm die Qualitäten mitgegeben: Ehrgeiz, Neugier, Fleiß, Aufrichtigkeit. Er war der Beste. Er schaffte es auf die Harvard Law School. Ich glaube nicht, dass er smart genug ist, den alten Freeman zu täuschen.

Ist Obamas Leben nicht ein großartiger Filmstoff?

Fantastisch.

Wollen Sie das nicht produzieren?

Nein, es ist zu früh, über einen Film nachzudenken, denn er fängt ja erst an. Er wird noch viel erreichen. Diese Power erinnert mich sehr an die frühen Kennedy-Jahre.

Waren Sie Teil der Bewegung?

Oh ja, ich war dabei. JFK hat uns gelehrt: Du kannst alles erreichen. Alles. Solange es eine moralische Berechtigung und nationale Anstrengung gibt. Und dann, zehn Jahre nachdem er es angekündigt hat, landen wir tatsächlich auf dem Mond.

Wären Sie heute gern wieder ein Teil dieser jugendlichen Bewegung, dieser Obamamania?

Ich bin ein Teil davon. Es ist ein moralischer Aufstand gegen das, was dieses Land in den Morast zog. Gegen diese Blödheit, um es klar zu sagen. Es ist nicht unser Wesen, ein anderes Land ohne irgendeinen Grund anzugreifen. Das ist nicht Amerika.

Obama wäre der erste schwarze Präsident. Macht Sie das stolz?

Jawohl, es macht mich stolz. Ich bin stolz, dass mein Land das ist, was ich mir vorstelle. Ich bin stolz, Teil dieses Wandels zu sein. Mein Leben und meine Karriere haben diesen Wandel mitgestaltet.

Wie das?

Ich war Präsident vor Barack. Im Film. Ich war der erste gewählte schwarze Präsident. Und die Fernsehnation hat es akzeptiert. Es gab keinen Aufschrei. Ich war ein Wegbereiter, ein gutes Omen für die Zukunft. Ist Amerika bereit, das zu schlucken? Offensichtlich ja.

Sie selbst mögen den Begriff "schwarzer Schauspieler" nicht. Fänden Sie es richtig, Obama den ersten schwarzen Präsidenten zu nennen?

Er ist Präsident und zufällig schwarz. Das gefällt mir besser. Wenn Leute zu mir sagen: Du bist der beste schwarze Schauspieler, antworte ich: Bitte? Das ist mir zu eng.

Glauben Sie tatsächlich, dass - in den Worten Obamas - eine neue Zeit anbricht, in der die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt?

Ich bin optimistisch. Ich sehe diese Wahl Obamas als Frucht eines sehr beschwerlichen Weges. Er begann in den ersten Tagen dieses Landes, als wir furchtbare Dinge taten und versuchten, Amerikas Ureinwohner auszulöschen. Es ist ein sehr langer Marsch. Und andererseits - in historischen Dimensionen - doch gar nicht so lang.

Sie haben die Rassentrennung in den Südstaaten selbst noch erlebt.

Oh ja, ich erlebte die Segregation am eigenen Leib. Schon beim Theaterbesuch bei uns in Mississippi. Die weißen Kinder durften im Parkett sitzen, wir Schwarzen kamen auf die Balkons. Später zogen wir auf die South Side Chicagos. Aber auch dort, wie im Rest des Landes, gab es die Rassentrennung, nur verdeckter.

Wäre das nicht auch ein Filmstoff? Ein Junge, der im stark von der Rassentrennung geprägten Süden aufwächst, mit vier Geschwistern von verschiedenen Vätern, der mit Alkoholismus und Erfolglosigkeit kämpft und es schließlich mit 50 bis nach Hollywood schafft und den Oscar gewinnt.

Ich weiß nicht. Ich habe mein Leben nie als Film gesehen. Manchmal denke ich: Wow, schau, was du geschafft hast. Und dann denke ich wieder: Ach, es ist so banal. Mein Leben ist nicht interessant. Aber ich bin sehr glücklich.

Was macht Sie glücklich?

Die Arbeit auf meiner Farm in Mississippi. Und ich züchte Rennpferde. Jeden Tag gehe ich reiten. Und ich fliege. Ich habe gerade meinen Flugschein gemacht.

Sie sind 71.

Na und? Ich habe auch eine Blueskneipe. Und ich fahre mit dem Segelschiff durch die Karibik. Das ist eine echte Herausforderung. Du segelst auf diesem großen Meer, und irgendwann triffst du dich dabei selbst.

Haben Sie noch irgendeinen Lebenstraum?

Ich würde gern einen Oscar gewinnen, nicht für den besten Schauspieler, sondern für den besten Film.

Könnte das nicht klappen? Sie spielen demnächst Nelson Mandela.

Ich hoffe das. Es wird eine große Freude. Es ist ein wichtiges Projekt.

Sind Sie noch befreundet?

Oh ja, wir sind gute Freunde. Er hat mir die Filmrechte für seine Biografie anvertraut. Jetzt ist er schon 90, mein Gott. Und der Größte. Er ist einfach der Größte.

Interview: Jan Christoph Wiechmann / print