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Mysteriöses Verschwinden: Immer mehr Zweifel an Diries Version

Das Verschwinden des Ex-Models Waris Dirie wird immer mysteriöser. In einem auf YouTube veröffentlichten Video bleibt sie bei ihrer Version, entführt und sexuell bedrängt worden zu sein. Viele glauben jedoch inzwischen an eine Medien-Inszenierung.

Von Jens Maier

"My Belgium Nightmare", auf Deutsch "Mein belgischer Alptraum", heißt das Video, das seit Dienstag auf "YouTube" zu sehen ist. Im Krankenbett, mit zerzauster Frisur und im Nachthemd erzählt Ex-Model Waris Dirie darin ihre Version ihres rätselhaften Verschwindens vergangene Woche in Brüssel. Über sechs Minuten lang erhebt sie schwere Vorwürfe gegen die belgische Polizei und einen Brüsseler Taxifahrer.

Sie behauptet in dem Video, sie habe sich in Brüssel verlaufen und Polizisten um Hilfe gebeten, ihr Hotel zu finden. Diese hätten ihr jedoch Hilfe verweigert und stattdessen gedroht, sie ins Gefängnis zu stecken, wenn sie nicht abhaue - nur wegen ihrer Hautfarbe, behauptet Dirie. Aus Verzweiflung hätte sie dann versucht, mit Hilfe eines Taxifahrers ihr Hotel zu finden. Doch der hätte sie statt zum Hotel an den Stadtrand in sein Haus gefahren. Dort hätte sie eineinhalb Tage verbringen müssen, ehe sie eine Gelegenheit zur Flucht haben nutzen können. Von sexuellen Übergriffen erwähnt Dirie im Video nichts. Nach ihrer Flucht sei sie nicht mehr zur Polizei gegangen, weil sie Angst gehabt habe, ins Gefängnis zu kommen.

Im Video der aus Somalia stammenden Dirie werden mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Geht ein Mensch, der sich in einer fremden Stadt verlaufen hat, wirklich zu allererst zur Polizei? Warum hat Dirie nicht versucht, telefonisch Hilfe zu bekommen? Wusste niemand in ihrem Umfeld, welches Hotel in Brüssel sie gebucht hatte? Warum ist sie erst nach eineinhalb Tagen aus dem Haus des Taxifahrers geflohen? Und warum war die Angst, von der Polizei inhaftiert zu werden, größer, als nochmals in die Hände ihres angeblichen Entführers zu geraten?

Keine dieser Fragen ist bisher beantwortet worden. Dirie befindet sich nach Angaben ihres Anwalts Gerald Ganzger noch immer in einer Klinik in ihrer österreichischen Wahlheimat und leide an einem posttraumatischen Belastungssyndrom. Seit ihrer Rückkehr aus Belgien hat sie sich außer in dem Video nicht mehr öffentlich zu den Vorfällen geäußert. Und auch die Vernehmung des Taxifahrers, der sich inzwischen bei der Polizei in Brüssel gemeldet hat, konnte keiner dieser Fragen beantworten - im Gegenteil. Jos Colpin von der Brüsseler Staatsanwaltschaft sagte der Zeitung "Le Soir": "Nichts in seinen Aussagen stützt die Angaben von Frau Dirie."

Aber warum sollte Dirie, die sich als Frauenrechtlerin und mit ihrem Buch "Wüstenblume" weltweit einen Namen gemacht hat, eine solch hanebüchene Geschichte erfinden? Dafür gibt es in Medienberichten zwei Theorien: Erstens könnte dies an ihrer Alkoholsucht liegen. Diries Anwalt Ganzger hat am Mittwoch bestätigt, dass seine Mandantin ein schweres Alkoholproblem habe. Die ganze Story könnte somit halb wahr, halb im Suff erfunden sein. Zweitens könnte das ganze als PR-Coup inszeniert worden sein. Im Sommer soll Diries Buch "Wüstenblume" verfilmt werden, außerdem arbeitet der österreichische Regisseur Hannes Rossacher gerade an einer Dokumentation über die 43-Jährige.

Zu dieser Theorie würde auch passen, dass die PR-Firma "in good Company" Diries Verschwinden am Freitag in einer eigenen Pressemitteilung bekannt gegeben hat. "In good Company" ist eine Tochter der Senator Entertainment, die wiederum durch die Firma Senator TV die Dirie-Dokumentation von Rossacher produzieren. Und das Video, das jetzt von Dirie auf "YouTube" zu sehen ist, stammt ebenfalls von Rossacher.

Um Klarheit in den verwirrenden Tatablauf zu bekommen, wurde Dirie am Donnerstagnachmittag in Wien auch vom österreichischen Bundeskriminalamt zu den Vorfällen befragt. Bisher hat die Polizei zu den Ergebnissen keine Stellung genommen. Sollte sie bei ihrer bisherigen Aussage geblieben sein, dürfte dies allerdings nicht Diries letzte Befragung gewesen sein.

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