VG-Wort Pixel

Bayerische Biergärten Klassenloses Revier der Gemütlichkeit


Zurzeit fließt das Bier auf der Theresienwiese. Aber auch in den 50 Wochen ohne Oktoberfest haben die Münchner einen bierseligen Lebensmittelpunkt - den Biergarten. Und der ist per Gesetz definiert.
Von Harald Braun

Der Hinweis kam von allerhöchster Stelle: "Biergärten sind eine seit Jahrhunderten weiter getragene Institution, eine Stätte der Begegnung und Erholung - und nie ein Platz alkoholisierter, krakeelender Krawallmacher gewesen!" Der bayrische Umweltminister Werner Schnappauf sah sich gezwungen, für die Biergarten-Kultur in die Bresche zu springen - an keiner geringeren Stelle als dem Bundesgerichtshof. Nach einem vier Jahre währenden Streit über die Münchner Institution Waldwirtschaft Grosshesselohe wurde die "Neue Biergartenverordnung" erlassen. Und die sieht vor: Geschäftsschluss 23 Uhr, die letzte Mass wird um 22.30 Uhr ausgeschenkt, die Blasmusik hat um 22 Uhr Feierabend. Zudem definiert die Biergartenverordnung endgültig und unmissverständlich, was ein "Biergarten" ist. "Eine traditionelle Einrichtung, eine im Freien gelegene Schank-und Speisewirtschaft, die in erheblichem Umfang mit Bäumen bepflanzt ist und wo der Verzehr mitgebrachter Speisen möglich ist."

Gut zu wissen, dass eine ordinäre Kaschemme, die drei Plastiktische vor die Türe schiebt, keineswegs ein Biergarten ist, sondern maximal ein "Freiausschank". Kein Bayer bei Verstand würde sich in einen "Freiausschank" hocken, wenn ein Biergarten in der Nähe ist. Nur im Biergarten dürfte er seinen Radi, seine Brezel und die merkwürdige Käsevariante "Obazdn" mitbringen.

Klassenloses Revier

So ein richtiger Biergarten ist keineswegs ein lauschiges Plätzchen mit fünf Tischen und einer Kellnerin. Die beliebtesten Freiluft-Trinkhallen in Bayern haben das Ausmaß von ein paar Fußballfeldern nebeneinander. Der größte - und einer der beliebtesten Biergärten in München - ist der Hirschgarten, in dem 8000 Gäste gleichzeitig einen Sitzplatz finden. Kaum weniger Menschen machen es sich im Englischen Garten gemütlich, wo sich im "Chinesischen Turm" eine Blasmusik an der urigen Gemütlichkeit abarbeitet. Doch auch kleinere Biergärten haben ihr Auskommen, so fern sie über eine idyllische Lage verfügen oder aus Gründen, die keiner versteht und deren Ursprung, wie alles in Bayern, der Tradition verpflichtet sind.

Der Biergarten ist ein klassenloses Revier. Anders als in Restaurants und Diskotheken, wo gerade in München feine Unterschiede gemacht werden, ist ein Biergarten schon qua offiziellen Dekrets ein Platz, in dem alle gesellschaftlichen Schichten "beieinander hocken". Noch einmal die Bayrische Biergartenverordnung: "Biergärten erfüllen wichtige soziale und kommunikative Funktionen, weil sie seit jeher beliebter Treffpunkt breiter Schichten der Bevölkerung sind und ein ungezwungenes, soziale Unterschiede überwindendes Miteinander ermöglichen. Die Geselligkeit und das Zusammensein im Freien wirken Vereinsamungserscheinungen im Alltag entgegen."

Zauselbart neben Stars aus Film und Fernsehen

Dieser löbliche, basisdemokratische Ansatz funktioniert. Zwar sind beispielsweise in der "Waldwirtschaft" allein durch die räumliche Nähe zum Nobelvorort Grünwald stets eine Menge Besserverdiener und Stars aus Sport, Film und Fernsehen zu Gast, doch niemand würde auf die Idee kommen, den grantelnden Zausel mit dem Backenbart, der sich schon seit Stunden an seiner Mass Bier fest hält, schief anzuschauen. Und es ist selbst im "Seehaus" im englischen Garten - einem Ort, an dem der FC Bayern schon einmal seine deutschen Meisterschaften zu feiern pflegt - durchaus üblich, dass eine Familie aus dem Schwabenland mit einem Studentenpärchen und einem Trachtenbayer am Holztisch hockt und die Weltlage debattiert. Plätze frei halten oder den eigenen Tisch verweigern, wenn noch ein freier Sitz zu ergattern ist, fällt unter die Rubrik "Sakrileg" und wird auf der Stelle mit gesellschaftlicher Ächtung bestraft.

Trachtenbayer mit Tisch-Set

Trotzdem hat natürlich jeder Münchener seine Lieblings-Location, und weil es zu seinem Temperament gehört, werden alle anderen Biergärten dementsprechend abgewatscht. Wer sich traditionell solide beim "Paulaner am Nockherberg" vergnügt, der schaut auf die "Touristenfalle" am "Chinesischen Turm" herab. Studenten fühlen sich in der "Max-Emanuel-Brauerei" gut aufgehoben, die wiederum dem gemeinen "Hirschgarten" oder "Menterschwaige"-Besucher nicht geheuer ist. Dort werden nämlich auch Pasta angeboten und zuweilen ein Salsa- oder Tango-Abend. Auf so eine Idee käme der Trachtenbayer gar nicht erst, der einen "Zugereisten" allein schon am mitgebrachten Tischset erkennt. Selbst das nämlich wird vom Münchener Fremdenverkehrsamt in einer "Checkliste für den richtigen Biergartenbesuch" penibel aufgelistet: Die Tischdecke hat rot-weiß, möglichst aus Stoff zu sein und darf keineswegs über das bayrisch blau-weiße Rautenmuster verfügen. Weiterhin werden für die zünftige Biergarten-Brotzeit Holzbrettchen als Unterlage, ein Radi (Rettich), der unverzichtbare Leberkäse, frische Landbutter, Salz, Pfeffer und Senf sowie Obazda und "andere Brotbeläge wie Tomaten, Radieserl oder Griebenschmalz" empfohlen.

Kastanien zur Kühlung

Dass man in einem Biergarten überhaupt Essen kaufen kann, entspricht ganz und gar nicht der Tradition. Die Geschichte der Biergärten nämlich führt zurück bis ins Jahr 1539, als es von Amts wegen verboten wurde, auch im Sommer Bier zu brauen - aus Brandschutzgründen. Die Brauereien brauten im Voraus für die Sommermonate ein etwas stärkeres Bier und lagerten dieses in Kellerverliesen. Damit diese Keller schattig und kühl blieben, pflanzte man schattenspendende Kastanien drumherum und stellte ein paar Stühle und Bänke auf, damit das Bier an Ort und Stelle seine Abnehmer fand. Schon war das idyllische Prinzip "Biergarten" erfunden. Das erzürnte wiederum die umliegenden Gastronomen, und so verbot König Ludwig der Erste den Brauereien, Essen in den Biergärten zu verkaufen. Wer hier sein Bier trinken wollte, der musste den Proviant selbst mitbringen. Was die Bayern nicht davon abhielt, Biergärten in Massen zu bevölkern.

Man muss Werner Schnappauf also wirklich recht geben: So lange man den Biergarten-Besucher nicht reizt, beispielsweise durch amtlich verordneten Frühaufbruch und damit einher gehenden Bier-Entzug, ist er weiter entfernt vom "krakeelenden Krawallmacher" als eine Kuh vom Eiskunstlauf. Aber unterschätzt ihn nicht, den Biergartler - wenn man ihn reizt, ist er zur Revolution bereit!


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker