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Wiesn brutal: So gefährlich ist das Oktoberfest

Plötzlich zog die Frau ein Messer: Ein Streit auf dem Münchner Oktoberfest endete am Wochenende blutig. Mit rund 400 Körperverletzungen in 16 Tagen ist die Wiesn ein gefährliches Pflaster. Doch vor allem die Wirte greifen durch.

Oktoberfest

Besucher des Oktoberfestes am Mittwochabend: Vor allem vor den Zelten kommt es immer häufiger zur Straftaten.

"Haben Sie ein Messer dabei?", fragt der Sicherheitsmann am Eingang zum Löwenbräu-Festzelt. Er tastet jeden Besucher ab und schaut in jeden Rucksack. Auch die Damen werden kontrolliert und müssen ihre Handtaschen vorzeigen. Das Sicherheitspersonal ist an allen Eingängen postiert, muss an einem Tag über 5700 Menschen überprüfen. Was das soll? "Reine Vorsichtsmaßnahme", sagt der Mann mit dem Security-Hemd. Wer tatsächlich ein Messer mit sich führt - übrigens nichts Ungewöhnliches, Lederhosen haben sogar extra eine eingenähte Tasche für ein Messer, einen sogenannten Hirschfänger - hat die Wahl: abgeben oder draußen bleiben.

Die Wiesnwirte rüsten auf. Das Löwenbräu ist nicht das einzige Zelt, das strenge Kontrollen durchführt. Auch im Augustiner wird am Eingang abgetastet. Ziel ist es, das Oktoberfest sicherer zu machen. Denn Körperverletzungen sind mittlerweile alltäglich. "38-Jähriger nach Maßkrugschlägerei im Gesicht verletzt" und "18-Jährige wird von einem Unbekannten ins Gesicht geschlagen" heißt es allein im Polizeibericht vom gestrigen Mittwoch. Kein Wiesn-Tag vergeht, ohne dass Rettungskräfte und Polizei nicht zu brutalen Auseinandersetzungen gerufen werden.

Streit endet mit blutiger Messerstecherei

Ein besonders schwerer Vorfall ereignete sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Eine Gruppe von Personen geriet im Käferzelt aneinander. Wie die Staatsanwaltschaft München bestätigte, war der Auslöser dafür die Anwesenheit von Ex-Fußballnationalspieler Patrick Owomoyela. Nachdem er gegangen war, lästerte die Frau eines Hamburger Millionärs: "War das ein Asylant?" Der Streit konnte zunächst geschlichtet werden, doch beim Verlassen des Zeltes eskalierte die Situation. Die 33-Jährige zog auf der Straße ein Messer und rammte es einem Mann in den Bauch. Der wurde lebensgefährlich verletzt. Die Frau warf das Messer weg und flüchtete. Nach Angaben der "Abendzeitung" soll sie anschließend in der Münchner Nobeldisco P1 weitergefeiert haben.

Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen versuchten Mordes ein. Am Dienstag stellte sich die Frau in Begleitung ihres Anwaltes auf einer Münchner Polizeiwache und  gab die Messerattacke zu. Sie will aus Panik gehandelt haben, fühlte sich nach eigenen Angaben bedroht. Der Haftrichter glaubte ihr und stufte die Tat als schwere Körperverletzungen statt als Mordversuch ein. Dagegen hat die Staatsanwaltschaft zwar Beschwerde eingelegt, doch die mutmaßliche Täterin kam vorerst auf freien Fuß.

Wird die Wiesn immer brutaler? 

Die Messerstecherei ist der bislang traurige Höhepunkt der Wiesn 2015. "Ein solch brutaler Vorfall ist außergewöhnlich", sagte ein Sprecher der Münchner Polizei, die auf dem Oktoberfestgelände eine Wiesn-Außenstelle unterhält, dem stern. "Ich kann mich an eine Messerattacke zuletzt vor zwei Jahren erinnern." Nach seinen Angaben sei der Vorfall nicht exemplarisch für die Kriminalität auf dem Festgelände. Insgesamt seien schwere Körperverletzungen zum Glück rückläufig. Das belegt auch die Polizeibilanz aus dem vergangenen Jahr. In den Festzelten waren 17 Prozent weniger Einsätze gemeldet worden.

Das Sicherheitskonzept der Wiesnwirte scheint aufzugehen. In den vergangenen Jahren haben sie massiv in den Ausbau ihres Sicherheitspersonals investiert. "Früher reichten uns um die 20 Ordnungskräfte, heute brauchen wir 80", sagte Bräurosl-Wirt Georg Heide im Interview mit dem stern. Die Kosten dafür bezifferte er auf fast eine halbe Million Euro. Doch das Investment lohnt sich. "Ich habe heuer noch keine Schlägerei im Festzelt erlebt", sagte Matthias Biermeier, der fast täglich im Löwenbräuzelt als Sänger auf der Bühne steht. Alles sei sehr entspannt bis jetzt.

Wie genau die Wirte am Eingang zu ihren Zelten kontrollieren, ist allerdings unterschiedlich. Im Schützenfestzelt, das besonders bei Münchner Jugendlichen beliebt ist, gibt es keine Leibesvisitationen. Auch im Hofbräu nicht. Dafür patrouilliert dort auch im Zelt eine ganze Armada von Ordnungskräften, um betrunkene Amerikaner, Australier und sonstige Wiesn-Besucher im Zaun zu halten. 

Wenn es brenzlig wird, spielt der Kapellmeister ruhigere Musik

Neben dem verstärkten Einsatz von Sicherheitspersonal wenden die Wiesnwirte weitere Maßnahmen an, um das Oktoberfest sicherer zu machen. "Wir stehen auf der Bühne in Kontakt mit dem Zeltchef. Wenn es zu brenzligen Situationen an den Tischen kommt oder gar zu Schlägereien, spielen wir sofort ruhigere Musik", verriet der Dirigent einer Blaskapelle in einem der größten Zelte. "So kommen alle schnell wieder runter."

Sicher ist die Wiesn trotzdem nicht. "Das Straftatenniveau im Bereich Körperverletzung ist trotz allem immer noch als sehr hoch zu bezeichnen", heißt es im Abschlussbericht der Münchner Polizei aus dem vergangenen Jahr. 398 Körperverletzungen wurden in den 16 Tagen Oktoberfest gezählt. Zum Vergleich: Auf der Hamburger Reeperbahn, einem Kriminalitätsschwerpunkt der Hansestadt, kam es 2014 im Schnitt in einem ganzen Monat auf 255 Körperverletzungen.

Wer relativ gefahrlos feiern will, sollte auf die Oide Wiesn gehen. Dort gab es im ganzen letzten Jahr nur acht Körperverletzungen.