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Prinz Charles wird 65: Ruhestand? Von wegen!

Er wird als Thronfolger im Wartestand geschmäht und gilt stets als der Ungenügende: Dabei arbeitet niemand so fleißig für die Krone wie der britische Prinz Charles.

Von Catrin Bartenbach

Ein frischgebackener Großvater wird 65 und feiert damit den Eintritt in den wohlverdienten Ruhestand, so könnte man meinen. Doch weit gefehlt: Prinz Charles arbeitet mehr denn je im Dienst der Krone. Zurzeit schwitzt er sich tapfer zusammen mit Gattin Camilla durch einen ausgedehnten Staatsbesuch auf dem indischen Subkontinent. Sie selbst berichtet in einem aktuellen Interview, dass er sogar an seinem großen Tag nichts als Arbeit im Kopf habe. "Chillen geht bei ihm gar nicht", sagte Camila. Größere Feierlichkeiten oder zumindest einen Tag Ruhepause auf der anstrengenden Reise sind nicht eingeplant.

Rastlose Tätigkeit ist für ihn Lebensbedingung, könnte man meinen. Zusätzlich zu seinen Repräsentationspflichten für Mutter und Vaterland, die er seit seiner Einsetzung zum Prince of Wales im Alter von 21 Jahren nimmermüde erfüllt, ist er erfolgreicher Unternehmer, Produzent von "Duchy Originals" Delikatessen, Bio-Farmer auf seinem Landsitz Highgrove und Philanthrop durch seine zahlreichen Stiftungen und Wohltätigkeitsorganisationen, die er mit Rat und Tat und den Einkünften aus seinen wirtschaftlichen Aktivitäten unterstützt.

Der Ruf des ewigen Thronfolgers im Wartestand, der ihm seit Jahrzehnten anhängt, wird ihm nicht annähernd gerecht. Er versucht durchaus nicht, bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Mutter zu überzeugen, doch dem Beispiel der Kollegin aus den Niederlanden zu folgen und zugunsten ihre Sohnes abzudanken. Im Gegenteil. Wie das "Time"-Magazine kürzlich in einem Interview mit ihm enthüllte, fürchtet er sich sogar ein bisschen vor dem Tag, an dem er König wird und damit die letzten privaten Freiräume verliert.

Die Frage einer Abdankung hat sich zwischen Königin und Nachfolger nie gestellt, und sie wird auch nie gestellt werden. Das böse "A-Wort" ist im Hause Windsor verpönt, seit Onkel David, der skandalumwitterte Edward VIII., anno 1936 die geschiedene Wallis Simpson freite und damit Schande über sich und sein Königreich brachte. Bis heute munkelt man, seine Nichte hätte ihm bis zu seinem Tod nicht verzeihen können, dass sie Königen werden musste, anstatt irgendwo auf dem Lande in Ruhe Pferde zu züchten und Kreuzworträtsel zu lösen, was ihr Lebenstraum gewesen wäre.

Charles jedenfalls hat nie daran gezweifelt, dass er eines Tages König werden wird. Auch wenn man ihn möglicherweise mit über 80 im Rollstuhl in die Westminster Abbey zur Krönung schieben muss. Auch neidet er seinem Erstgeboren William und der glamourösen Schwiegertochter Kate das immense Interesse nicht, das sie allerorten wecken. Noch lässt er sich durch die taktlosen Schlagzeilen in den bunten Blättern nicht aus der Ruhe bringen, die immer wieder fordern, Charles zugunsten von William zu übergehen, wenn die Queen eines Tages stirbt.

Der Prinz arbeitet pflichtbewusst und mit echtem Interesse für die Menschen in seinem Land, Jahr für Jahr seine Termine ab und nimmt Sohn William immer häufiger in die Lehre, wenn es um königliche Alltagspflichten geht.

Überhaupt hat er sich nach dem frühen Tod seiner ersten Frau, Prinzessin Diana, zu einem wirklich guten Vater gemausert. Davon zeugt der liebevolle Umgang mit den beiden Prinzen und auch, dass er es geschafft hat, die beiden mit Camilla als seiner neuen Frau zu versöhnen. Mit dem Ergebnis, dass auf den Taufbildern des kleinen Prinzen George eine derart entspannt und fröhliche wirkende Großfamilie Windsor-Middleton zu sehen war, dass man den sonst als emotional unterentwickelt und steif geschmähten Familienclan kaum wiedererkennt.

Charles galt lange als der ewig Ungenügende: Seinem Vater Prinz Philip nie hart und männlich genug, seiner Mutter Königin Elisabeth II. als Repräsentant der Krone zu offen und undiplomatisch, weil er zu häufig unbequeme politische Ansichten äußerte, und seiner Ex-Frau Diana als Ehemann und Vater zu lieblos war.

Doch falls er je wirklich so schlecht war wie sein Ruf, hat er sich inzwischen gewandelt. Sicher auch nicht zuletzt Dank seiner "wunderbaren Ehefrau" (wie er sie sogar öffentlich nennt), der fröhlich-burschikosen Jugendliebe Camilla, die viele seiner Interessen teilt und ihn menschlich so unterstützt, dass es die besten Seiten in ihm hervorbringt. Freunden zufolge hat er sich noch nie so wohl in seiner Haut und seiner Lebenssituation gefühlt. Da kann man ihm schon glauben, dass er es nicht eilig hat mit der Krönung.

Mit der Rente wird es also nichts - dieser Lebensabschnitt ist für britische Monarchen und ihre Thronfolger nicht vorgesehen. Doch was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen. Also kann man dem Prince of Wales zum 65. Geburtstag nur wünschen, dass sein wohl recht glücklicher Wartestand noch eine Weile andauern möge. Keep calm and carry on, Your Royal Highness!