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Schauspieler und Produzent Ron Simons kämpft für mehr Schwarze am Broadway: "Vielfalt ist in jedem Geschäft wichtig"

Regisseur und Schauspieler Ron Simons
Ron Simons möchte mehr Schwarze an den Broadway bringen
© Robin Marchant / Getty Images
Ron Simons ist einer der erfolgreichsten schwarzen Broadway-Produzenten und findet, dass es mehr Diversität in seiner Branche braucht – vor allem in Hollywood. Warum das für ihn so wichtig ist, erklärt er im Interview mit dem stern.

Ron Simons ist US-Schauspieler und war unter anderem in Filmen wie "27 Dresses" in Nebenrollen zu sehen. Hauptsächlich ist er aber als Produzent am Broadway tätig – und das sehr erfolgreich: Mit vier gewonnen "Tony Awards" ist er einer der erfolgreichsten schwarzen Theater-Produzenten. Mit seiner Produktionsfirma "SimonSays Entertainment" berät er zudem Unternehmen, produziert Theaterstücke oder Filme und nimmt werdende Produzenten an die Hand.

Im Interview mit dem stern spricht er darüber, warum es Schwarze in seiner Branche noch so schwer haben, was er sich für Hollywood wünschen würde und warum er der Corona-Pandemie in Bezug auf den Rassismus in den USA sogar etwas Gutes abgewinnen kann.

Herr Simons, Sie sind einer der erfolgreichsten schwarzen Produzenten am Broadway. Davon gibt es sehr wenige. Warum ist es für Schwarze Ihrer Meinung nach immer noch schwer, in diesem Geschäft erfolgreich zu sein?

Es gibt mehrere Gründe, warum es schwierig ist, ein Broadway-Produzent zu werden. Der erste ist, dass schwarze Produzenten oft nicht die Mittel und Kontakte haben, die viele unserer Kollegen haben. Viele Weiße können sich an einen Verwandten oder Familienfreund wenden, der in der Branche tätig ist, und der ein paar tausend Dollar investiert, um die Karriere voranzubringen. Wir als Schwarze müssen solche Beziehungen oftmals erst entwickeln, weil es sie im engen Kreis nicht gibt. Und diese Entwicklung kann Jahre dauern.

Zweitens sollte es nicht verwundern, dass es einen Mangel an schwarzen Produzenten gibt, weil wir bisher einfach bewusst ausgeschlossen wurden. Oft ist es zudem so, dass weiße Investoren in weiße Produzenten und deren Ideen investieren. Schwarze Investoren wurden bisher ebenfalls vom Broadway ferngehalten oder haben sich selbst ferngehalten. Und je weniger schwarze Investoren, desto weniger schwarze Produzenten, die es an den Broadway schaffen. Man müsste sie viel mehr heranführen und integrieren. 

Drittens hängt es davon ab, welche Art von Geschichten man als schwarzer Produzent erzählen will. Unterrepräsentierte Gemeinschaften sind zum Beispiel das, was ich mache. Neben LGBTQIA [Lesbian, gay, bisexual, transgender/transexual, queer/questioning, intersex and allied/asexual/aromantic/agender, Anm. d. Red.], Senioren oder Behinderten erzähle ich viele Geschichten über die schwarze Community. Allerdings musste ich oft hören, dass Geschichten über Afroamerikaner nicht so "kommerziell" sind wie andere Geschichten. Und Kommerzielles verkauft sich natürlich besser. Auch da herrschen noch Vorurteile, dass schwarze Produzenten oftmals weniger Kommerzielles oder potenziell Erfolgreiches machen. 

Sie planen, mehr Schwarze an den Broadway zu bringen. Wie wollen Sie das tun?

Ich betreue gerade fünf schwarze Frauen, die als Produzentinnen tätig sein wollen und helfe ihnen auf diesem Weg. Vorausgesetzt, alle von ihnen werden Produzentinnen, dann wird das die aktuelle Anzahl der schwarzen Produzenten am Broadway verdoppeln.

Produzenten stellen Leute aus Marketing, Werbung, Social Media und Presse ein, um an unseren Shows zu arbeiten. Wir als Produzenten müssen daher jede Organisation in Frage stellen, die keine Vielfalt bietet, und auf eine bessere Inklusion drängen. Das ist unsere Aufgabe.

Zudem werbe ich aktiv für mehr schwarzes Publikum. Zusätzlich zu Anzeigen in der "NY Times" werben wir im schwarzen Radio, in schwarzen Publikationen, Kirchen, schwarzen Salons und laden schwarze Blogger ein. Oft heißt es, dass sich potenzielle schwarze Broadway-Zuschauer keine Tickets leisten können – das sehe ich zwar anders. Dennoch möchte ich denen, die keine 130 Dollar für Tickets haben, Rabatte gewähren. Es ist wichtig, dass auch unser Publikum diverser wird, denn gerade besteht es doch stark aus älteren weißen Frauen. Wir müssen Beziehungen zu jüngeren Theaterbesuchern pflegen, wenn wir am Leben bleiben wollen. Im Wesentlichen arbeite ich also daran, den Broadway in jede Richtung der Branche zu diversifizieren.

Warum ist das Ihrer Meinung nach so wichtig?

Vielfalt ist gut für jedes Geschäft, nicht nur den Broadway! Je mehr Kulturen und Standpunkte man an einen Tisch bringt, desto besser wird die Kommunikation. Und in Bezug auf den Broadway: desto größer sind die Einnahmen durch die stärkere Einbeziehung unterschiedlicher Geschichten. Denn man adressiert damit insgesamt ein größeres Publikum. 

Was denken Sie über Hollywood? Gibt es auch dort noch zu viele Weiße? Ich erinnere mich, dass Janelle Monae 2019 sagte, dass die Oscars immer noch "zu weiß" sind.

Ja natürlich. Es ist Statistik. Bis die Zahlen in Hollywood im Verhältnis zur Demografie dieses Landes stehen, bleibt noch viel zu tun. Dennoch gibt es eine Reihe von Produktionsfirmen, vielfältige und unterschiedliche Geschichten entwickelt haben. Disney hat eine Reihe von Animationsgeschichten über die Abenteuer von POC [People of Colour, Anm. d. Red.] veröffentlicht. Aber auch Brad Pitt und Dede Gardner und ihre "Plan B"-Produktionsfirma, die einen Filmkatalog voller Projekte haben, erzählen die Geschichten von POC: "Moonlight", "If Beale Street Could Talk", "Selma", "The Last Black Man in San Francisco" und "12 Years a Slave".

Stellen Sie sich vor, jedes Studio und jeder Produzent würde 20 Prozent seiner Kapazitäten für POC aufwenden. Da Afroamerikaner zwölf Prozent der Bevölkerung repräsentieren, wäre das etwas, worauf Hollywood stolz sein könnte. Was die Auszeichnungen und den Mangel an Schwarzen betrifft, so glaube ich, dass die Akademie die Vielfalt in den Reihen des Nominierungs- und Preiskomitees weiter ausbauen muss.

Glauben Sie, dass allmählich Veränderungen diesbezüglich passieren?

Das tue ich. Die Produzenten, mit denen ich interagiere, versuchen sich an ein kürzlich veröffentlichtes BIPOC-Manifest [BIPOC = Black, Indigenous and People of Color, Anm. d. Red.] zu halten und darin enthaltene Punkte offen zu kommunizieren, also etwa die Festsetzungen und Ziele aus diesem Manifest an Unternehmen, die mit dem Broadway zusammenarbeiten, zu vermitteln, damit mehr Schwarze am Broadway arbeiten. Über Nacht wird wenig passieren. Aber jetzt ist es an der Zeit, eine konkrete Anzahl von potenziellen POC-Mitarbeitern zu erstellen und zu befüllen, damit wir in ein paar Jahren echte Veränderungen sehen können.

Die aktuellen Ereignisse in den USA, etwa die Tode von George Floyd oder Breonna Taylor, werden oft als Anlass für den neuen starken Willen des Wandels genannt.

Ich denke, dass wir die Ergebnisse eines Sturms erleben. Schwarze Männer, Frauen und Kinder wurden seit der Gründung der Staatspolizei im Jahr 1833 von der Polizei ermordet. Es ist der Pandemie zuzuschreiben, dass wir zu Hause bleiben mussten und wir alle die Möglichkeit hatten, den Mord an George Floyd wirklich zu hören und wahrzunehmen. Aufgrund unserer Langeweile, Frustration und Missbilligung des Mangels an politischer Führung, die das Problem ignoriert hat, waren wir bereit, uns als Land zu sammeln, um gegen die Gewalt gegen schwarze Gemeinschaften zu protestieren.

Obwohl die Politik versuchte, das verfassungsmäßig garantierte Recht auf Protest einzuschränken, waren die Menschen es leid das hinzunehmen. Und sie protestieren sowohl im Inland als auch international. Wenn man der Tragödie um Covid-19 etwas Gutes abgewinnen kann, dann ist es, dass viele von uns, die geschlafen haben, aufwachten, um festzustellen, dass die Polizeiarbeit in diesem Land eine grundlegende Überarbeitung braucht, damit ALLE Bürger nicht nur frei von Polizeibrutalität sind, sondern auch den Schutz gewährt bekommen, den wir anstreben. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir eine Zukunft, in der alle Männer, Frauen und Kinder in diesem Land gleich behandelt werden, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit, Geschlecht, Sexualität, Alter. Ich möchte dies im Justizsystem, im Bildungssystem, im Strafsystem, am Broadway, in Hollywood und in ganz Amerika sehen. Das ist meine Vision und ich hoffe, dass ich ein klein wenig dazu beitragen kann, dass sich etwas ändert.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Es gibt eine Reihe von Film- und Fernseh-/Streaming-Projekten sowie Broadway-Planungen, an denen ich arbeite. Für den Broadway bin ich an der Produktion von drei, vier Shows beteiligt - einem Revival und drei neue Stücke.

Das Revival heißt "Ntozake Shange’s For Colored Girls Who Considered Suicide When the Rainbow is Enough" und ist ein echter Erfolg für alle Beteiligten. Auch wenn es vor 40 Jahren am Broadway uraufgeführt wurde, sind die Themen des Stücks auch heute noch aktuell. Es geht um schwarze Frauen und da ich selbst von schwarzen Frauen aufgezogen wurde, sehe ich meine Familie darin.

Ich produziere zudem das Stück "Thoughts of a Colored Man", das letztes Jahr uraufgeführt wurde. Mit dem Mord an George Floyd könnte das Stück, in dem es um sieben afroamerikanische Männer in Brooklyn geht, aktuell nicht relevanter sein. Es gibt darin sozusagen sieben George Floyds, die ihre Liebe, ihren Verlust, ihren Stolz, ihren Humor, ihre Prüfungen und ihre Triumphe mit den Zuschauern teilen.

Eine weitere Produktion heißt "Blue" und sie wurde unter der Regie von Phylicia Rashad mit Lynn Whitfield und Leslie Uggams geführt, mit Musik von Nona Hendrix und koproduziert mit John Legend. Musikalisch eine Mischung aus Soul und Jazz. Ein spannendes Stück mit viel Klasse.


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