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Rebecca Miller: GESPERRT! Die Unbeirrbare

Aus dem Schatten berühmter Männer befreit man sich am besten, indem man ihn ignoriert: Rebecca Miller, Tochter von Arthur Miller und Ehefrau von Daniel Day-Lewis, schreibt Romane und macht Filme - in eigener Regie.

Von Ulrike von Bülow

Es heißt, sie rede nicht besonders gern über die berühmten Männer in ihrem Leben. Sie hat schon Interviews mit den Worten begonnen: "Ich warne Sie, ich möchte wirklich nicht über meinen Vater sprechen." Oder: "Es wäre verdammt cool, wenn Sie das ganze Familien-Thema nicht erwähnen würden."

Nun ist es nicht so, dass sie von Siegfried und Roy abstammt oder mit Dieter Bohlen verheiratet ist; es geht ja um Männer, auf die sie stolz sein könnte. Vermutlich ist es auf Dauer nur nervig, wenn man immer wieder zu hören bekommt: "Sie sind die Tochter von …" und "Sie sind die Frau von …" An diesem Nachmittag in New York allerdings fängt Rebecca Miller von sich aus damit an. "Ich bin die Tochter eines Schriftstellers", sagt sie nach einer Viertelstunde, "es drehte sich immer alles ums Schreiben."

Die Frage war, wer ihr das beigebracht hat: Schreiben. Sie erwähnt eine Lehrerin und dann ihren Vater. Den großen Arthur Miller (1915-2005), der mit 33 Jahren einen Pulitzer-Preis bekam für seinen "Tod eines Handlungsreisenden". Ein Werk, das sie als Kind in der Schule interpretieren musste, was damals ein bisschen seltsam gewesen sei, sagt Mrs. Miller nun. "Aber es gab so viele seltsame Dinge in meinem Leben, dass ich irgendwann beschlossen habe, sie als normal anzusehen." Sie lacht.

Sie vereint das Berufsfeld ihres Vaters mit dem ihres Mannes

Rebecca Miller ist eine schöne Frau mit dunklen Locken, blaugrünen Augen und kantigen Wangenknochen. Sie ist 45, Buchautorin und Filmregisseurin, in ihr vereint sich das Berufsfeld ihres Vaters mit dem ihres Ehemannes. Miller ist seit zwölf Jahren mit Daniel Day-Lewis verheiratet. Dem großen Schauspieler, der im Februar seinen zweiten Oscar gewann für "There Will Be Blood". Sie sagt, sie spaziere gern mit ihm über den roten Teppich: "Es macht Spaß, sich dann in Schale zu werfen. Wir gehen sonst kaum aus. Bei uns zu Hause geht es eher unglamourös zu."

Miller und Day-Lewis leben mit ihren Söhnen Ronan, 10, und Cashel, 6, in Irland. Ganz idyllisch mit Gemüsegärtchen und ein paar Hühnern. Hin und wieder kommt die Familie nach New York, zum Arbeiten. Miller sitzt an diesem Nachmittag im Schneideraum, denn sie hat einen Roman geschrieben, den sie gerade verfilmt: "Pippa Lee". Das Buch erscheint am 14. Juli in Deutschland im Fischer Verlag. In Großbritannien ist es bereits auf dem Markt, und sie erzählt, als sie zuletzt bei amazon.uk nachgeschaut habe, habe es auf Platz drei der Bestsellerliste gestanden - "fantastisch!"

Rebecca Miller sagt, sie sei heute sehr glücklich mit dem, was sie mache. Aber dafür musste sie erst Frieden mit ihren Genen schließen. Sie habe ihren Vater heiß und innig geliebt, "aber immer, wenn ich etwas Neues anfing, warf er einen Schatten auf mich. Ich hatte sehr daran zu knabbern, dass ich nicht wie andere junge Frauen bei null beginnen konnte. Ich wollte nicht verglichen werden".

"Pippa Lee" ist ein leises Buch

Ihr Roman spielt dort, wo sie aufgewachsen ist: in New York und Connecticut. Es geht um Pippa Lee, 50, die mit ihrem Mann, 80, raus aus der Stadt zieht. Er ist ein bekannter Buchverleger, sie seine dritte Ehefrau und treue Stütze.

"Pippa Lee" ist ein leises Buch, manchmal Gedanken anregend, natürlich auch in Richtung: Hmm, ist das jetzt autobiografisch? Hat diese Pippa hier und da etwas von Millers Mutter? Von Inge Morath, der dritten Ehefrau von Arthur? Rebecca Miller sagt, Pippa basiere auf einer Person, "die ich lange nicht gesehen hatte und dann wieder traf. Die früher rastlos unterwegs war und nun ein seelenruhiger Mensch zu sein schien". Aber sie gibt zu, dass ihr das Thema "Ehefrau kreist um Kunst schaffenden Meister" durchaus bekannt ist. Ihre Mutter habe für ihren Vater "das Haus in Schuss gehalten, gekocht und das gesellschaftliche Leben arrangiert. Aber sie hatte auch eine Karriere".

Inge Morath, Österreicherin, war Fotografin bei der Agentur Magnum. Sie lernte Arthur Miller kennen, als sie Bilder von Marilyn Monroe machte, Millers damaliger Gattin. Die Ehe wurde bald darauf geschieden: Miller verließ Monroe für Morath. Die beiden bekamen zwei Kinder: Rebecca und Daniel, der das Downsyndrom hat und in ein Heim kam, weil Arthur Miller nicht wollte, dass seine Tochter mit "einem Mongoloiden" aufwachse. Er hat seinen Sohn jahrzehntelang nicht besucht; erst Ende der Neunziger soll es zu einer Annäherung gekommen sein, herbeigeführt von Daniel Day-Lewis.

Miller war ein einsames Mädchen

Als kleines Mädchen lebte die Autorin mit ihren Eltern in einer Suite im legendären "Chelsea Hotel" in Manhattan, einst die Heimat für Künstler wie Norman Mailer, Lou Reed oder Bob Dylan. Sie war sechs, als die Familie nach Roxbury, Connecticut, zog. Miller sagt, sie sei ein einsames Mädchen gewesen. Die Nachbarskinder wohnten ein paar Meilen entfernt, und so tobte sie allein durch den großen Garten, sprach mit Blumen und Bäumen und erfand Geschichten. In der Schule schrieb sie diese Geschichten auf, aber immer, wenn die Lehrer sie dafür lobten, wurde sie von ihren Mitschülern gehänselt: Alles nur, weil Daddy berühmt ist …

Nach einem Kunststudium in Yale und einigen zaghaften Versuchen als Schauspielerin begann sie, Drehbücher zu schreiben. 1995 drehte sie ihren ersten Spielfilm: "Angela", nicht unbedingt ein Blockbuster, aber ein Hit bei den Kritikern. "Nach und nach habe ich mir meine Nische geschaffen", sagt Rebecca Miller. "Und immerhin hat mir die Tatsache, die Tochter eines berühmten Mannes zu sein, später die Angst davor genommen, einen berühmten Schauspieler zu heiraten."

Sie hatte Daniel Day-Lewis gerade ein Drehbuch geschickt, als sie ihm zufällig begegnete - bei ihrem Vater im Wohnzimmer. Er sollte in der Verfilmung von Arthur Millers "Hexenjagd" mitspielen und war gekommen, um sich auf seine Rolle vorzubereiten. Day-Lewis hatte eine Reihe von Affären hinter sich, mit Juliette Binoche, Winona Ryder oder Sinéad O'Connor. Und eine Beziehung mit Isabelle Adjani, die er kurz vor der Geburt eines gemeinsamen Kindes verließ. Er galt nicht unbedingt als bindungswillig, aber nach dem ersten Treffen im Miller'schen Wohnzimmer dauerte es kein Jahr, da war er mit der Tochter des Hauses verheiratet.

Zwei Kinder später verfilmten Miller und Day-Lewis jenes Drehbuch, das sie ihm damals geschickt hatte: "The Ballad of Jack and Rose". Sie führte Regie, er spielte die Hauptrolle. Ihre Söhne tobten am Set herum.

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