HOME

Roberto Saviano: "Mein Killer wird eher sterben als ich"

Seit zwei Jahren versteckt sich der italienische Autor Roberto Saviano vor der Camorra. Nachdem Attentatspläne gegen ihn bekannt geworden waren, lud ihn die Literaturnobelpreis-Jury nach Stockholm zum Gespräch mit dem von Islamisten mit dem Tod bedrohten Schriftsteller Salman Rushdie. Dort sprach Saviano mit dem stern.

Von Stephan Maus

Unter zehn Zentimeter Neuschnee ist die Stockholmer Altstadt in feierlicher Vorweihnachtsstimmung; auf dem Marktplatz vor der Schwedischen Akademie, in der alljährlich der Literaturnobelpreisträger gekürt wird, ist der Weihnachtsmarkt eröffnet worden. Jede der kleinen roten Schwedenhütten sieht aus wie die Bastelstube von Santa Claus persönlich. Eine Drehorgel kurbelt sich wieder und wieder durch "Jingle Bells". Zeit des Friedens und der Freude. Spätestens Weihnachten ist der italienische Schriftsteller Roberto Saviano tot.

Zumindest, wenn es nach der Camorra geht. Laut den Aussagen eines Überläufers soll Saviano bis zum Krippenfest ermordet werden. Zu sehr hat sein Reportage-Roman "Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra" (Hanser Verlag, 21,50 Euro) die Aufmerksamkeit auf die Machenschaften der neapolitanischen Spielart der Mafia gelenkt. Nach heftigen Auseinandersetzungen hat sich das höchste Literaturgremium der Welt schließlich zur Solidarität durchgerungen und ihn nach Stockholm eingeladen. In der traditionsreichen Schwedischen Akademie gibt er zusammen mit Salman Rushdie eine Konferenz zum Thema "Das freie Wort und die gesetzlose Gewalt".

Überall Bodyguards

So spiegeln sich an diesem Novemberabend die Lichter von 200 Jahre alten Kronleuchtern in den blanken Schädeln zweier vogelfreier Autoren. Acht Bodyguards sind strategisch im Raum verteilt, alle in schwarzen Anzügen mit weißen Hemden und Krawatten. Sie sehen eher nach einem Killerkommando aus "Pulp Fiction" aus als nach Akademiebesuchern. Aufmerksam behalten sie die 450 Zuhörer im Auge, die dicht gedrängt auf samtbezogenen Büßerbänkchen hocken.

Rushdie erweist sich als guter Pate für Saviano. Seit der Veröffentlichung seines Romans "Die satanischen Verse" vor 20 Jahren lebt der indisch-britische Autor mit den Todesdrohungen islamischer Fundamentalisten. Mit viel Humor erzählt er Anekdoten aus seinem Leben mit der "Fatwa", dem Todesurteil, das einst der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini gegen ihn aussprach. "Gewöhnlichen Mietern ist nicht so einfach zu erklären, warum vier physisch starke Männer unter einem Dach leben. Es war schwerer, die Leibwächter zu verstecken als mich." Der 61-Jährige wird dem 29-Jährigen Mut zusprechen: "Man darf diese Leute nicht stärker machen, als sie sind. Ihre Macht kennt auch Grenzen. Sie sind nicht überall."

Vor allem macht Rushdie deutlich, dass es nicht etwa die bewaffneten Gegner sind, die einem die größten Wunden zufügen. Am schmerzvollsten waren für ihn immer die Anschuldigungen seiner Mitbürger, er habe die Gläubigen nur aus Geltungsdrang provoziert. Man warf ihm sogar vor, dass für seine Sicherheit Steuergelder verschwendet worden seien. So ist diese Konferenz nicht ein netter Vorweihnachtsspaziergang über Allgemeinplätze, sondern ein Aufruf an die Zivilgesellschaft, sich das existenzielle Grundrecht auf freie Meinungsäußerung weder nehmen zu lassen noch es selbst auszuhöhlen.

Noch vor dieser Abendveranstaltung am "heiligsten Ort in der Welt der Literatur", wie Rushdie die politisch etwas naive Akademie mit feiner Ironie nennt, sprach Roberto Saviano mit dem. In seinem aufreibenden Kampf gegen die Camorra hat er sich ihre Gestik zu eigen gemacht. Der spielerische Umgang mit Mafia-Gebärden scheint für ihn ein notwendiges Überdruckventil zu sein. Schmächtig, aber geschmeidig tritt er aus dem Pulk seiner Personenschützer auf den Flur des Stockholmer Luxushotels, das alljährlich die Nobelpreisträger beherbergt, fixiert sein Gegenüber mit stechendem Blick, um dann plötzlich seinen ausgestreckten Zeigefinger hervorschnellen zu lassen wie eine Waffe: "Jetzt hat deine Stunde geschlagen!" Mit diesen Worten bittet er zum Interview, in dessen Verlauf er seinem mutmaßlichen Mörder den Fehdehandschuh hinwirft.

Als wir uns zuletzt diesen Sommer in Neapel trafen (stern Nr. 39/2008), waren Sie voller Energie und fest entschlossen, Ihren Kampf gegen die Camorra weiterzuführen. Was hat sich seitdem verändert?

Ich habe eine höhere Sicherheitsstufe. Ich habe jetzt fünf Bodyguards in zwei gepanzerten Wagen. Außerdem macht es mich traurig zu sehen, wie sehr sich die Menschen von mir distanzieren.

Was haben Sie empfunden, als Sie von einem konkreten Attentatsplan gegen Sie erfahren haben?

Es hat nicht wirklich mein Leben geändert, denn ich bin schon lange in einer schwierigen Situation. Ich war enttäuscht darüber, dass die Nachricht zu schnell die Medien erreicht hat. Das war ein Problem für die Ermittlungen. Natürlich war es speziell zu erfahren, dass es jetzt ein festgesetztes Datum für meinen Tod gibt. Es ist unglaublich für einen Schriftsteller, mit einer solchen Situation konfrontiert zu sein.

Wie leben Sie mit dieser Deadline?

Sie gehört jetzt einfach zu meiner allgemeinen Lebenssituation. Ich empfinde keine Angst. Nicht weil ich besonders mutig wäre. Ich weiß einfach, dass es ein besonderer Abschnitt in meinem Leben, in meiner ganzen Geschichte ist.

Werden Sie wegen dieser neuen Bedrohung Ihren Kampf gegen die Camorra aufgeben?

Ich werde nicht aufgeben. Aber ich bin Schriftsteller. Ich bin kein Historiker der Camorra. Oder der Mafia. Eines Tages werde ich vielleicht zu einem anderen Thema übergehen.

Träumen Sie manchmal davon, eine Liebesgeschichte mit Happy End zu schreiben?

Manchmal träume ich tatsächlich davon, eine Liebeserzählung zu schreiben. Oder eine rein fiktive Geschichte. Aber das bleibt ein Traum. Ich bin unfähig, es zu tun, denn die Wirklichkeit überwältigt immer wieder die Fiktion. Deshalb werde ich immer weitermachen in diesem Bastard-Genre - halb Fiktion, halb Wirklichkeit.

Ist in Ihrem Leben überhaupt Platz für die Liebe? Oder ist alles nur Hass und Furcht?

Nein, es gibt nicht nur Hass und Ärger in meinem Leben. Es gibt auch Raum für Liebe. Ich möchte Liebe in meinem Leben haben! Aber das ist nicht immer einfach.

Werden Sie Italien verlassen?

Ja, ich denke schon. Vor allem, weil ich mir davon erhoffe, wieder besser arbeiten zu können. Nicht so sehr aus akuter Todesangst.

Sie könnten Ihre Identität ändern.

Das wäre eine Niederlage für mich.

Was werden Sie am meisten vermissen, wenn Sie Neapel verlassen?

Ich habe zwei Jahre lang versucht, ganz normal in Neapel zu leben. Aber es war unmöglich. Niemand wollte mir eine Wohnung vermieten, deshalb musste ich in Polizeikasernen unterkommen. Dennoch werde ich die klassischen Reize meiner Heimat vermissen: das Klima zum Beispiel. Sowohl das meteorologische als auch das soziale.

Und was werden Sie nicht vermissen?

Ich werde ganz sicher nicht die herrschende neapolitanische Klasse vermissen. Zu oft haben sie mir vorgeworfen, nur ein Clown zu sein, ein Verräter. Die werde ich ganz bestimmt nicht vermissen!

Gibt es Menschen, die Ihnen die Last Ihrer schwierigen Situation abnehmen können? Oder sind Sie ganz auf sich gestellt?

Es gibt einige Menschen, die mir helfen, diese Last zu tragen. Nahestehende Menschen. Und jene, die mich beschützen. Wenn ich mit meinen Carabinieri zusammen bin, fühle ich mich zu Hause.

Wenn Sie emigrieren, werden Sie auch Ihre Carabinieri verlassen müssen.

Genau das ist einer der Gründe, die mir diese Entscheidung so schwer machen. Ich werde noch einmal ganz von vorn anfangen müssen.

Wären Sie wirklich sicher in Ländern wie Schweden oder Amerika, die sich beide bereit erklärt haben, Sie aufzunehmen? Oder ist die Camorra überall?

Ich glaube, die Situation ist ein wenig ruhiger in diesen Ländern. Ein bisschen sicherer wäre ich schon, und beschützt würde ich weiterhin.

Man kann sich die Camorra in Schweden nur schwer vorstellen. Wissen Sie von irgendwelchen Camorra-Aktivitäten hier?

Die Camorra ist hier mit Investments und im Drogenhandel tätig. Aber sie hat nicht die militärische Kontrolle über das Land.

Können Sie einen typischen Tag in Ihrem Leben beschreiben?

Ich habe fünf Bodyguards in zwei gepanzerten Wagen, mit denen ich mich fortbewegen muss. Alles, was ich machen möchte, muss drei Tage im Voraus angekündigt werden. All die Sachen, über die ein freier Mensch nicht einmal nachdenkt, wie zum Beispiel einkaufen gehen, den Müll runterbringen oder umkehren, wenn man etwas vergessen hat, sind unmöglich für mich.

Haben Sie einen festen Tagesablauf?

Ich boxe regelmäßig in den Polizeikasernen. Aber meist mache ich Sachen, die mit meinem Job zu tun haben.

Können Sie überhaupt noch recherchieren?

Dank meiner Bekanntheit habe ich heute Zugang zu mehr Quellen als früher. Dafür kann ich nicht mehr vor Ort recherchieren, wie ich es bisher gemacht habe.

Hat sich die Camorra verändert, seitdem Sie Ihr Buch veröffentlicht haben?

Nein. Allerdings bringt man ihr heute mehr Aufmerksamkeit entgegen.

Man hat den Eindruck, die Camorra sei gewalttätiger geworden.

Das täuscht. Früher konnte man nur in den Lokalzeitungen lesen, dass sie jemanden ermordet hatten. Heute kommt es sogar in die internationalen Schlagzeilen.

Offensichtlich plant der notorische Killer Giuseppe Setola ein Attentat auf Sie. Es heißt, er habe schon 50 Kilo Sprengstoff und einen Fernzünder besorgt, um Ihre gepanzerte Wagenkolonne in die Luft zu jagen - genau wie man 1992 den Mafia-Jäger Giovanni Falcone umgebracht hat. Wie schätzen Sie diese Informationen ein?

Giuseppe Setola ist ein Mensch, der sterben möchte. Und zwar als Held. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass er mich töten möchte - auch wenn er selbst dabei umkommt. Das würde ihn zum Helden machen. Er würde als Märtyrer sterben.

Wie kommen Sie darauf, dass Setola sterben möchte?

In einigen seiner Briefe an seine Clan-Mitglieder schimmert eine gewisse Todessehnsucht hindurch. Er beruft sich sogar auf Che Guevara. Er schreibt, er sei bereit, den letzten Schritt zu machen.

Haben Sie eine Botschaft für Giuseppe Setola?

Ich glaube, er wird vor mir sterben.

Der inhaftierte Francesco "Sandokan" Schiavone bedroht Sie unverhohlen. Aus seiner Gefängniszelle ließ er verlauten: "Der große Romanschreiber muss mit den irreführenden Verleumdungen gegen mich aufhören." Warum ist gerade er so aggressiv?

Weil er sich für den Boss des Casalesi-Clans hält. Er sitzt seit vielen Jahren im Gefängnis. Also muss er besonders hart gegen jemanden vorgehen, der es wagt, ihn anzugreifen.

Wird der Kampf gegen die Camorra jemals erfolgreich sein?

Vielleicht. Aber sicher erst in vielen, vielen Jahren.

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat 500 Fallschirmjäger nach Neapel entsandt. Was halten Sie von solchen martialischen Maßnahmen?

Das löst sicher nicht auf lange Sicht das Problem. Aber es könnte dem momentanen Blutvergießen ein Ende bereiten.

Sogar Berlusconi hat versucht, Ihnen Mut zuzusprechen. Was sollte er tun, um Sie in Neapel zu halten?

Ein Politiker kann nicht viel tun, um meine Entscheidung zu beeinflussen. Es gibt so viele Puzzleteile, die ineinandergreifen. Vielleicht sollten die Politiker erst einmal in ihren eigenen Reihen aufräumen. Ich spreche nicht von irgendeiner bestimmten Fraktion, rechts oder links. Ich meine Politiker im Allgemeinen.

Gibt es Politiker, deren Anti-Camorra-Slogans Ihnen glaubwürdig erscheinen?

Im letzten Wahlkampf wandte sich Walter Veltroni an alle Mafiosi und sagte: "Wählt uns nicht!" Das war vorbildlich.

Was bedeutet es für Sie, von den Gralshütern des Literaturnobelpreises eingeladen zu werden?

Das ist sehr wichtig. Für einen Schriftsteller ist das eines der größten Ziele, das er erreichen kann. Natürlich kommt in meinem Fall noch der symbolische Wert hinzu. Eine solche Einladung schützt mein Leben.

Rushdie griff den Islam an und wurde bedroht; Sie greifen die Camorra an und werden bedroht. Was antworten Sie den Kritikern, die sagen, dass Ihr Buch reine Provokation war?

Gewöhnlich fürchten kriminelle Organisationen keine Provokationen. Vielleicht war es ja sogar reine Provokation meinerseits, wer weiß. Tatsache ist, dass diese Provokation Millionen Leser gefunden hat. Und genau diese Aufmerksamkeit ärgert kriminelle Organisationen.

print