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Feuersbrunst: Mafia-Jäger Roberto Saviano: Hinter dem Flammeninferno in Italien steckt Kalkül

Flammen in der Toskana. Flammen nahe Rom. Flammen nahe Neapel. In Italien brennt es seit Tagen. Mafia-Jäger Roberto Saviano will wissen, warum das so ist. Er sagt: Hinter der Feuerbrunst steckten kriminelle Banden und eiskaltes Kalkül.

Hinter der Feuerbrunst von Italien steckt eiskaltes Kalkül, sagt Roberto Saviano.

Hinter der Feuerbrunst von Italien steckt eiskaltes Kalkül, sagt Roberto Saviano. 

Blickt man dieser Tage nach Italien, kann man schnell denken, da steht ein gesamter Staat in Flammen. Es brennt in der Maremma in der Toskana. Es brennt am Vesuv nahe Neapel. Es brennt im Naturpark Pineta di Castel Fusanon nahe Rom. Und natürlich brennt es auf Sizilien. Seit Tagen wird Italien von einer Feuerbrunst überrollt, rund 27.000 Hektar Wald, Weide, Weinberg, Olivenhain sind verkohlt, so die Umweltschutzorganisation Legambiente - knapp 38.000 Fußballfelder. Die Schätzung ist bereits einige Tage her, seitdem hat sich das Feuer weiter ins Land gefressen.

Dass der gesamte Staat lodert, ganz Italien in einem Flammeninferno versinkt, stimmt natürlich nicht, zumal das Land eigentlich reichlich Erfahrung mit brennenden Pinien und kokelnder macchia mediterranea hat: Kleinere und größere Brände sind im italienischen Sommer mehr Regel- als Sonderfall. Und dennoch: Das, was sich jetzt im Mittelmeerstaat ereignet, ist fern von jeder Normalität. Flammen im Norden, Flammen im Zentrum, Flammen im Süden. In sieben Tagen ist bereits so viel Fläche verbrannt wie im gesamten Jahr 2016, berichtet die italienische Nachrichtenagentur Ansa und verweist auf Informationen des European Forest Fire Information System der Europäischen Kommission. Laut Zivilschutz sind die Anfragen nach Löschflugzeugen derzeit so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Damals im Jahr 2007 erlebte Italien in puncto Waldbrände sein "annus horribilis". Und um die verbrannten Wälder wiederherzustellen, werde es wohl 15 Jahre dauern, rechnet Coldiretti, Italiens größter Bauernverband, dieser Tage vor.

Roberto Saviano: Feuer als Instrument

Wenn es in Italien brennt, dann gebe es dafür viele Gründe, sagt Roberto Saviano, viele, ja, hunderte sogar. Mit Zu- und Unfällen habe das allerdings wenig zu tun. Seit der Veröffentlichung seines Anti-Camorra-Bestsellers "Gomorrha" 2006 lebt Saviano mit den Todesdrohungen der Mafia und unter Polizeischutz. Trotzdem schweigt er nicht. "Wo Stille herrscht, wachsen die Clans", betont Saviano. Deshalb ist er nicht still. Zuletzt schrieb er einen Beitrag für die Nachrichtenseite "La Repubblica", der Artikel erschien am Mittwoch. Das Feuer, schreibt Saviano, sei ein Instrument der Kriminellen.

"Wenn das Land von den Flammen zerstört wird, tendiert die Politik dazu, auf eine von zwei Arten zu reagieren: Entweder sie behandelt die Brände wie Naturkatastrophen oder wie eine Verschwörung", betont Saviano in dem Text. Stattdessen aber stecke hinter den Bränden kein subversiver Plan, keine Attacke auf die Politik, sondern schlichtweg Interessen. "Jedes Gebiet hat seine kriminellen Gruppen, die etwas in Brand stecken. Banden, die öffentliche Aufträge erhalten wollen - entweder ich bekomme den Auftrag oder ich zünde alles an. Clans, die Gebiete unbebaubar machen wollen, damit sie selbst an den Baugenehmigungen beteiligt werden oder die Arbeiten übernehmen können. Oder Organisationen, die Naturparks zerstören, um die Fläche dann in eine Mülldeponie verwandeln zu können."

"Italien brennt wegen der kriminellen Energie des Menschen"

Wälder anzünden, um dort Bauland zu erschleichen? Eine Methode der 90er-Jahre, meint Saviano. 2000 erließ Italien nämlich ein Gesetz, demgemäß, stark vereinfacht ausgedrückt, auf einem Grundstück, das durch Brandstiftung gerodet wurde, 15 Jahre lang nichts gebaut werden darf. Nichtsdestotrotz finden kriminelle Vereinigungen offenbar Mittel und Wege, das Feuer für sich arbeiten zu lassen. "Sobald eine Zone bebaut werden darf, wird Feuer gelegt, um das Projekt zu stoppen. Die Botschaft ist dabei folgende: Bevor man ein Grundstück als Bauland ausweist, muss mit uns gesprochen und der Preis verhandelt werden. Ansonsten legen wir mit einem Feuer alles lahm", schreibt Saviano auf "Repubblica".

Die Sache mit dem Müll ist ähnlich einfach: Laut Saviano legen Kriminelle Feuer, um einerseits Abfall zu verbrennen und um andererseits neue Flächen für die Lagerung von neuem Abfall zu schaffen, mit der sich wiederum Geld verdienen lässt.

"Doch Italien zündelt auch wegen vieler anderer Gründe", meint der Autor. Ermittlungen der Carabinieri hätten gezeigt, dass Feuer auch aufgrund einer nicht erlassenen Baugenehmigung gelegt würden. Oder wegen eines plötzlichen Jagdverbots in einem Gebiet, in dem die Jagd bisher vorgesehen war. "Jeder, der jemanden erpressen will, weiß, dass er es mit Feuer machen kann", schreibt Saviano. Es sei deshalb falsch, von Pyromanie zu sprechen, dem krankhaften Verlangen, Feuer zu legen. "Hier geht es um Kalkül, um eiskaltes Kalkül." In Italien werde das Feuer für kriminelle Organisationen und für einzelne Bürger zur Lösung. "Italien brennt jeden Sommer", betont auch die Umweltschutzorganisation Legambiente. "Es brennt wegen der kriminellen Energie des Menschen, mafiös oder nicht mafiös, um die eigenen schmutzigen Interessen zu verfolgen." 

pg