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Interview

Roland Kaiser: Vom Findelkind zum Schlagerstar: "Ich bin meiner Pflegemutter zutiefst dankbar"

Er singt ab November auf seiner Arena-Tour vor zehntausenden Menschen: Roland Kaiser ist eine der großen Schlagerlegenden Deutschlands. Doch der 66-Jährige stand nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens. Ein Gespräch über seine Kindheit, Hits und morgendliche Anrufe von Maite Kelly.

Roland Kaiser

Roland Kaiser im September vor einem Konzert auf der Berliner Waldbühne. Nach der "Kaisermania" folgt jetzt seine Arena-Tour.

DPA

"Ich glaub' es geht schon wieder los" war einer seiner unzähligen Hits. Kaum einer beschreibt sein Lebensmotto besser: Roland Kaiser ist seit 44 Jahren einer der ganz Großen im deutschen Musikgeschäft. Seine Songs "Dich zu lieben", "Santa Maria" und "Manchmal möchte ich schon mit dir" sind nationales Schlagergut. 67 Mal besuchte er die ZDF-Hitparade und hält damit den Rekord als häufigster Gast. Doch sein Weg in den deutschen Schlagerhimmel war alles andere als vorgezeichnet. Seine damals erst 17-jährige und unverheiratete Mutter setzte ihn in einem Korb aus, Kaiser wuchs als Findelkind bei einer Pflegemutter auf. Ein Gespräch über seine Kindheit, Hits und morgendliche Anrufe von Maite Kelly.

Herr Kaiser, am 15. November startet Ihre Arena-Tour mit 24 Konzerten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wie bereiten Sie sich vor?

Am Montag haben die Proben begonnen, die dann bis einen Tag vor dem Tourstart in der Sachsenarena in Riesa dauern werden. Alles was auf der Bühne leicht aussieht, ist hart erarbeitet. Jede Pointe, die wir setzen, ist geprobt - auch wenn es hinterher spontan aussieht.

Auf Ihren Konzerten erwarten die Fans, dass Sie mit "Santa Maria" oder "Dich zu lieben" die Hits von damals spielen. Nervt Sie das?

Überhaupt nicht. Das gebietet der Respekt vorm Publikum. Immerhin haben mich diese Erfolge soweit gebracht, dass ich in diesen großen Hallen überhaupt spielen kann. Wenn ich in ein Konzert von Kollegen gehe und die spielen ihre Hits nicht, bin ich auch enttäuscht. Ich freue mich darauf, viele meiner alten Songs im Sound von heute spielen zu dürfen.

Einen Song wollen Sie aber trotzdem nicht mehr singen.

Sie spielen bestimmt auf "Sieben Fässer Wein" an. Das Lied wurde ursprünglich für Rex Gildo geschrieben, ich habe das nur als Demoband aufgenommen. Die Plattenfirma veröffentlichte es dann, ohne mir das zu sagen und es wurde ein Hit. Musikalisch hat das aber noch nie zu mir gepasst, deshalb spiele ich es nicht mehr. Aber es vermisst offenbar auch keiner. Es kam noch nie jemand beim Konzert und sagte: "Spiel doch mal sieben Fässer Wein."

Zu Ihren Konzerten kommen nicht nur die Fans von damals, sondern viele Junge. Woher kommt diese neue Schlagerbegeisterung?

Lange Zeit galten deutsche Texte als langweilig und angestaubt. Ich würde sagen, das Verhältnis zu deutschen Liedzeilen war sogar gestört. Das ist vorbei. Es gibt eine Hinwendung von jungen Menschen zur eigenen Sprache. Sie freuen sich darauf, mitsingen zu können. Es gibt da eine neue Entspanntheit.

Sie nutzen Ihre Popularität auch, um sich politisch zu engagieren und Stellung zu beziehen – zum Beispiel gegen Pegida. Warum machen das so wenige andere Schlagerstars?

Das muss jeder selbst wissen. Ich mache das gerne, weil ich einige Dinge mit Sorge betrachte und mich manches empört. Dann will ich das auch sagen. Wenn eine laute Minderheit die schweigende Mehrheit dominiert, verzerrt dies das Bild einer Gesellschaft. Deswegen ist es mir wichtig, meine Stimme zu erheben.

Sie haben Ihre leibliche Mutter nie kennengelernt, sind bei einer Pflegemutter aufgewachsen. Hängt Ihr Engagement auch damit zusammen, dass Sie etwas zurückgeben wollen?

Generell habe ich das Gefühl, dass ich, der ich von der Gesellschaft auf die Sonnenseite des Lebens gesetzt wurde, etwas zurückgeben sollte. Deswegen ist bei mir soziales Engagement sehr wichtig.  

Ihre Pflegemutter war eine einfache Putzfrau. Was haben Sie von ihr gelernt?

Viele wesentliche Dinge. Recht von Unrecht zu unterscheiden, Ehrlichkeit, nicht nach unten zu treten. Dafür bin ich ihr zutiefst dankbar. Wenn ich in einem Heim aufgewachsen wäre, hätte ich vielleicht viele Chancen in meinem Leben nicht bekommen.

Hat sie Ihren Erfolg noch erlebt?

Leider nicht mehr. Sie ist gestorben, da war ich 15 Jahre alt. Erst danach habe ich erfahren, dass ich ein Findelkind war.

Sie waren dann - praktisch noch als Kind - auf sich selbst gestellt. Wie wurde aus dem Findelkind aus dem Wedding ein Schlagerstar?

Ich habe viel Glück gehabt, die richtigen Leute kennenzulernen. Der Bruder eines Freundes war Manager von Künstlern, die in der Hitparade aufgetreten sind. Mit dem habe ich eine Demoversion im Studio eingesungen. Es hat dem Chef der Plattenfirma gefallen und plötzlich hatte ich einen Plattenvertrag in der Tasche. Als dann der erste Hit kam, habe ich gesagt, ich bleibe in dem Beruf.

Viele ihrer Songs haben Sie selbst getextet. Wie schreibt man einen Hit?

Wenn ich das wüsste, würde ich nur Hits schreiben. Da sind so viele Aspekte, die zusammen kommen müssen: der richtige Zeitpunkt, die richtige Stimmung, der richtige Künstler. Bei vielen Titeln dachte ich, der ist ganz gut und sie wurden nichts. Es gibt leider kein Rezept, die Quote des Irrtums ist hoch.

Bei welchem Lied war Ihnen sofort klar, dass es ein Erfolg werden würde?

Als mir Maite Kelly morgens um 7.30 Uhr am Telefon "Warum hast du nicht nein gesagt" vorgespielt hat. Da habe ich zu ihr gesagt: Das ist ein Treffer.

Sie sind im Mai 66 Jahre alt geworden. Wann geht Roland Kaiser in Rente?

Für mich ist es pure Freude, auf der Bühne zu stehen und ich habe Lust und Spaß daran. So lange das so bleibt, mache ich weiter.