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Spielerfrauen: Schön getroffen!

Ihr übliches Image? Das blonde Anhängsel an seiner Seite, das brave Heimchen an seinem Herd. Doch die Spielerfrauen von heute sind längst ambitionierte Ich-AGs - mal mehr, mal weniger glamourös.

Von Jochen Siemens

Es ist nicht überliefert, ob es schwere Verletzungen gab, aber bei manchem Granatenschuss wird der Torpfosten gejault haben. Anfang des 20. Jahrhunderts war das, die Plätze waren grobe Äcker, und an Gerät fehlte es immer. Also hatten die Spieler der Cheruskia Bielefeld ihre Frauen als Tore aufs Feld gestellt - eine links, eine rechts, Arme hoch, eine Wäscheleine als Latte haltend. Das war billig und beweglich und wenn man so will die Geburt der Spielerfrau.

Lästermäuler sagen heute, dass sie damals wenigstens einen Sinn hatten, die Spielerfrauen. Und damit sind wir schon mitten in einer etwas gemeinen Soap-Opera: "Spielerfrauen - ein Leben im Nagellack". Kaum eine weibliche Berufsgruppe hat in den Jahren so viel durchgemacht und einstecken müssen, wie es die Frauen berühmter Fußballspieler taten. Als Stöckelgeschöpf irgendwo zwischen Blondine und Opel Manta verspottet, führten sie ein Leben in Käfighaltung. Nur samstags war Freigang im Stadion, auf der "Hühnerstange", wie Claudia Effenberg, Spielerfrau, den Tribünenplatz der Gattinnen nennt.

Übersehen wird dabei die gewaltige Metamorphose und die gar nicht so heimliche Macht, die Spielerfrauen in den Jahren entwickelt haben - vom Torpfosten zu Victoria Beckham, das muss man erst mal schaffen. Was uns Zuschauer dabei beeindruckt, ist die Einfachheit des Beziehungsgeflechtes. In unserer Welt aus Paartherapien, Scheidungen, Patchwork-Familien und Seitensprüngen leuchtet das Liebesleben von Fußballern in simpler Klarheit: Ein Spieler hat eine Spielerfrau. Punkt. Oder zwei. Aber dazu später mehr. In seiner völligen Selbstaufgabe als Profi, seiner ganzen Konzentration auf Dribbling, Flanken und Kopfballstärke verlangt der Athlet im Liebesleben keinen langen Spielaufbau. Ich Mann, du Frau, du schön, du Spielerfrau - so die übliche Paaranbahnung jenseits des Rasens. Oder wie bei der ersten Begegnung von David Beckham mit Victoria, damals noch Posh Spice, nach einem Spiel Manchester gegen Chelsea. Er: "Hallo", sie: "Ach, hast du da eben auch mitgespielt?" Sie hatte ihre Brille vergessen. Liebe auf den ersten Blick? "Nein", sagte David später, "es ging schneller." Nicht viel langsamer ging es bei Oliver Kahn, dem ein paar Nächte an der Bar der Münchner "P1"-Disko reichten, um wenigstens ehemäßig schnell den Verein zu wechseln - von Ehefrau Simone zu Barfrau Verena.

Dass Kicker sich die Mädchen, die sie interessieren, offenbar bloß zu pflücken brauchen, ist einer der beneidenswerten Vorzüge ihres Berufs. Ein Fußballer muss nicht lange erklären, wer er ist, das übliche Abfragen - "Was machst du denn so?", "Ach, ich bin im Exporthandel" - entfällt. Fußballer sind Popstars, mindestens einmal in der Woche im Fernsehen. "Wer so begehrt ist, muss keine Frau heiraten, die in der Geisterbahn arbeitet - auch wenn er selber keinen Schönheitswettbewerb gewinnen kann", sagt Reiner Calmund, Ex-Manager von Bayer Leverkusen.

Dennoch lässt das deutschkickende Liebesleben jene schillernde Kreuzung aus Sport und Glamour vermissen, die im Ausland längst Standard ist. Als sich die Nationalspieler im Mai mit ihren Frauen auf Sardinien trafen, saßen meist bodenständige und vernünftige Damen am Tisch. Hier und da war vielleicht der Nagellack-Pegel ein wenig höher als im Bundesdurchschnitt. Ein Mädchen wie die Mike-Hanke-Freundin Jenny war zwar schon als "Model" wenig angezogen durch die Boulevardblätter gewandert, und die Kahn-Freundin Verena Kerth hatte es schon mit Moderieren bei RTL II versucht, aber die Mehrzahl der Frauen erinnert eher an ambitionierte Ich-AGs als an Bufferbräute mit Ruderblättern an den Fingernägeln.

So kann Petra Frings von ihrem Unternehmen als Raumgestalterin berichten, Lena Mühlbacher, Freundin von Tim Borowski, warnt vor der Langweile eines Lehramtsstudiums, und Conny Lehmann erzählt von den Supermärkten in London, in denen sie manchmal Gwyneth Paltrow sieht. Spielerfrauen? "Ich mag das Wort eigentlich nicht, weil dabei jeder an blond und blöd denkt. Aber das sind wir ja nicht. Wir sind zufällig die Frauen von Männern, die Fußball spielen, mehr nicht", sagt Petra Frings, die ihren Mann Torsten im Stadion in Aachen zum ersten Mal sah. "Ich spielte selbst Fußball und fand ihn interessant." Nimmt man noch das Küken Daniela Aumeier dazu, Freundin von Bastian Schweinsteiger, erinnert die Damenbank eher an die Waltons als an Centerfolds. Reiner Calmund: "Es ist schon auffällig, wie ruhig das Liebesleben der Spieler ist. Gemessen daran, was für Frauen ihnen zu Füßen liegen würden, sind sie erstaunlich geerdet." Die alte Fußballschule mag es so; jemand, der viel fummelt, dribbelt auch zu viel. Oder wie es Otto Rehhagel einmal sagte: "Einer, der verheiratet ist und abends bei seiner Familie, der ist ausgeglichen und ruhig." Seitensprünge, Affären? "Gibt's im deutschen Fußball wie in jedem anderen Beruf. Fußballer sind nur viel vorsichtiger, weil ja alles gleich in der Zeitung steht", sagt Reiner Calmund.

Geschieht im Ausland auch, aber ganz anders. Nämlich nackt. Als letzten Gruß vor der WM ließen in Italien acht Spielerfrauen in einer Zeitschrift alle Hüllen fallen. Fußball, Sex und Show sind in Ländern wie Italien oder Brasilien eben naturverbundene Elemente.

So stand in Rom der Verkehr still, als Stürmerstar Francesco Totti die TV-Moderatorin Ilary Blasi ehelichte, eine Frau, die den Italienern als Buchstabenumdreherin einer Show und Nackedei in Zeitschriften bestens bekannt war und die es mit tapferem Humor erträgt, dass sich das Land über die geistige Schlichtheit ihres Mannes schieflacht. Im bereits zweiten Buch mit Totti-Witzen kommt sie selbst vor (Ilary: "Liebst du mich, liebst du mich denn wirklich?" Totti: "Langsam, eine Frage nach der anderen.").

In Brasilien nennen sie sie nur "The Sensation" - Raica Oliveira, Model, 1,78 Meter, Oberweite 86, die sagte: "Ich will nicht eine weitere Frau auf seiner Liste sein." Gemeint war Stürmer Ronaldo, und nun steht sie doch auf dessen Liste. Im Augenblick oben, gleich vor Model Daniella Cicarelli, von der Ronaldo sich nach zwei Monaten Ehe wieder trennte.

Auch in Frankreich bedienen sich Nationalkicker am Laufsteg der Supermodels. Torwart Fabien Barthez küsste einst Linda Evangelista, und Christian Karembeu spielt nachts mit dem Model Adriana Sklenarikova. Das muss man sich mal auf Deutsch vorstellen: Jens Lehmann und Heidi Klum, Miro Klose und Eva Padberg oder Oliver Neuville und Verona Pooth. Na ja, die ist ja schon Spielerfrau. Nur ohne Spieler.

Wie zahm der deutsche Boulevard mit der weiblichen Hälfte der Kicker umgeht, zeigte auch der Umzug des Ajax-Stürmers Rafael van der Vaart zum HSV. Kaum mit der TV-Moderatorin Sylvie Meis liiert, dröhnten von den Stadionrängen in Amsterdam obszönste Sprechchöre, und die heimische Boulevardpresse ging auf Wäschefahndung. Beinahe hastig reiste das Paar nach Hamburg ab, wo Sylvie ein respektiertes Leben als schönste Frau der Stadt führt und Rafael die Tore schießt.

Aber so wenig deutsche Spielerfrauen als Pin-ups Karriere machten, umso mehr reüssierten sie als Dominas an der Außenlinie. Früher jedenfalls, als Frauen wie Gaby Schuster, Bianca Illgner oder Martina Effenberg nicht nur die Hormone, sondern zugleich die Geschäfte ihrer Männer steuerten. Reiner Calmund sagt heute noch "uff", wenn er an Bernd Schusters Ehefrau Gaby denkt, "die Mutter aller Spielerfrauen", wie er sagt. "Für uns war das natürlich neu, mit einer Frau die Verträge zu verhandeln. Der Bernd saß dabei in einem Sessel und döste. Und die Gaby kam nie allein, sie hatte Anwälte und Fachleute erster Klasse dabei, die Champions League des Geschäfts."

Was Calmund noch mit Respekt erinnert, fällt Berti Vogts in seiner ihm eigenen Weinerlichkeit ein. Das Scheitern bei der USA-WM 1994 schiebt Vogts noch heute auf die "drei Frauen, die das Team durcheinander brachten und damit den Erfolg zunichte machten". Gemeint waren Martina Effenberg, Bianca Illgner und Angela Häßler, über die Calmund lächelnd sagt: "Das waren ja schon die Kopien der großen Gaby Schuster." Wie brüchig es um manche Kicker-Liebe in Wahrheit bestellt war, zeigte sich nach dem Schlusspfiff der Karriere - Martina Effenberg lebt heute in Florida, nachdem ihr Mann Stefan sie gegen die damalige Frau seines Kollegen Strunz ausgewechselt hatte. Von den Spielerfrauen heute traut sich kaum noch eine an Verhandlungstische mit Uli Hoeneß oder Klaus Allofs. Petra Frings sagt: "Ich red schon mit, aber entscheiden muss mein Mann. Er spielt ja auf dem Platz."

Bleibt wieder mal nur einer, der auch im Paarungsspiel alle Rekorde hält: Franz Beckenbauer. Vier Frauen, zwei als Spieler, eine als Trainer und eine als WM-Organisator. Der, scherzt man in Kickerkreisen, hat eben Spielfrau und nicht Spielerfrau verstanden. Aber wenigstens hatte der Kaiser immer auf faire Auswechslung bestanden. Ganz anders der HSV-Spieler Mehdi Mahdavikia. Über Monate führte der Verteidiger aus dem Iran in Hamburg ein Doppelleben mit zwei Ehefrauen, die zwei Kilometer voneinander entfernt wohnten. Aufgeflogen ist der Schwindel dann in diesem Frühjahr auf der, na, wo wohl, Hühnerstange im Stadion. Gattin zwei wurde von einer HSV-Spielerfrau gefragt, wer sie denn sei. Na, Frau Mahdavikia! Nö, sagte die andere, die kennen wir, das sind nicht Sie.