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Stefan Effenberg: "Das war's, danke schön"

Nun hat auch er seine Memoiren verfasst: Stefan Effenberg über Frauen und Fehler, sportliche Feinde und literarische Helden.

Die Herren kommen eine halbe Stunde zu spät; es sind stressige Zeiten, gestern Manchester, heute Hamburg, eine Suite im Hotel "Jacob" an der Elbe. Stefan Effenberg trägt eine Trainingsjacke mit der Aufschrift "Hamburg", sein Co-Autor Jan Mendelin einen grauen Anzug. Die Herren haben ein Buch verfasst, "Ich hab's allen gezeigt", Effenbergs Autobiografie, und nun muss Effenberg duschen. Er sieht hinterher so aus wie vorher. Dann ist er bereit. "Buch gelesen?", fragt er und lehnt sich zurück.

Herr Effenberg, besitzen Sie ein Buch?

Mehrere, ja. Die Weissagungen des Nostradamus zum Beispiel. Und ich habe viele Kinderbücher gelesen. Zurzeit lese ich wieder welche - als Gutenachtgeschichten für meine kleine Tochter Ann-Kathrin.

Wer waren Ihre literarischen Helden? Michel aus Lönneberga? Oder Käpt'n Ahab?

"Tim und Struppi" waren meine absoluten Favoriten. Aber Mickymaus auch.

Und heute? Dieter Bohlen?

Seine Biografie habe ich auch gelesen. Und dabei habe ich gelernt, dass man ein solches Buch so rüberbringen muss, wie man redet. Nur: So, wie er von seinen Frauen spricht, mache ich das nicht.

Natürlich nicht, denn Effenberg hat Respekt, sogar vor Frauen. Eine zum Beispiel hatte "Brüste wie Melonen". Eine zweite "hatte allenfalls die Note vier minus verdient", rein sexuell. In Effenbergs Werk werden die Damen "geplättet", die Eltern "staunten Bauklötze", "statt Zuckerbrot war Peitsche angesagt". Bohlen? Goethe? "Sie haben einen Klassiker in der Hand", steht im Vorwort.

Wollten Sie Geld machen oder...

...genau das wollte ich. Nein, im Ernst, als Profi-Spieler kann man sich nicht so äußern, wie man gern möchte. Jetzt muss ich nicht ständig den Hintergedanken haben, oh, das gibt eine Geldstrafe oder so. Ich möchte meine Sicht der Dinge schildern.

Wo sind Ihre Grenzen - bei Interna aus dem FC-Bayern-Schatzkästchen?

Natürlich passieren Dinge im internen Kreis. Die bespricht man in der Kabine, dort sollen sie bleiben, und da halte ich mich heute noch an die Regeln.

Immerhin erzählen Sie, dass Sie 2001 beim FC Bayern eine Haarprobe abgeben mussten, weil die Herren Hoeneß und Co. Gerüchte gehört hatten, Sie würden Drogen nehmen.

Ich habe mich gefragt: Was soll denn das jetzt? Wenn irgendeiner anruft und sagt: "Kontrolliert den mal", sollte es doch reichen, wenn ich sage, nein, stimmt nicht. Aber sie wollten das - es ist natürlich nichts dabei rausgekommen.

Sie schreiben, Carsten Jancker sei das Gleiche passiert; er musste sich extra ein paar Haare wachsen lassen. Ahnt Herr Jancker, was Sie über ihn verbreiten?

Natürlich, ich habe Rücksprache gehalten. Wenn Carsten gesagt hätte: "Nee, ich möchte das nicht", hätte ich es nicht geschrieben. Dann sähe es so aus, als würde ich die Jungs benutzen. Das tue ich nicht.

Haben Sie Lothar Matthäus angerufen?

Nein, ich habe seine Handynummer nicht.

Was hat Sie und ihn so entzweit, dass der arme Kerl nun in Ihrem Buch büßen muss?

Er muss ja nicht büßen.

Sie nennen ihn einen "Verpisser", weil er sich im Champions-League-Finale 1999 gegen Manchester United in der 80. Minute auswechseln ließ.

Ich kann so was nicht nachvollziehen: Es sind noch zehn, zwölf Minuten zu spielen, er steht als Libero hinten drin, sein Kreuzband ist nicht gerissen - da kann er die Truppe bis zum Schluss zusammenhalten, und wir gewinnen 1:0. Wir haben aber kurz vor Schluss zwei Tore kassiert und verloren. Einen Matthäus mit seiner Erfahrung und seinen Erfolgen kann man nämlich nicht ersetzen.

Sind Sie sich vielleicht zu ähnlich, Lothar Matthäus und Sie?

Ähnlich?

Er steht auf, geht nach nebenan ins Schlafzimmer und kommt mit einer Schachtel Marlboro Lights zurück.

Wäre doch denkbar.

Vom Sportlichen her schon: Da sind wir sehr auf den Erfolg aus und tun alles dafür - auch Dinge, die anderen wehtun. Als Menschen sind wir grundverschieden. Wenn man Spendengelder zusagt wie er bei seinem Abschiedsspiel und drei Jahre vergehen lässt, bis man das regelt - das könnte mir nicht passieren.

Matthäus und Sie haben noch etwas gemeinsam: Sie bauen Großes auf und reißen es mit Nichtigkeiten wieder ein.

Über diese Frage kann ich nur lächeln.

Es muss Sie doch irritieren: Sie waren der Kapitän jener Bayern-Mannschaft, die nach 25 Jahren wieder den Europapokal der Landesmeister nach München holte, Sie haben ausgerechnet im Finale das Spiel Ihres Lebens gemacht?

Ja, danke.

...und warum war dann Ihr Abgang beim FC Bayern so armselig?

Sagen wir mal, er war ein bisschen komisch. Das kam durch Verletzungen...

...und durch das Interview, in dem Sie sagten, Arbeitslose bekämen zu viel Geld.

Ja, das war der Ausschlag dafür, dass man gesagt hat, es wäre besser, wenn ich die nächsten ein, zwei Spiele nicht mache. Ich hätte mir schon gewünscht, ein anderes Ende zu haben in München.

Ihr Buch liest sich bisweilen wie die Rechtfertigung eines Menschen, der dazu neigt, wegzulaufen, wenn es eng wird.

Ich laufe weg?

Hatten Ihre Trennungen von Gladbach, Bayern und Florenz nicht was von Flucht?

Kann ich schwer nachvollziehen. Ich habe in Gladbach angefangen und gesagt: Ich muss weiterkommen. Dann ging ich zum FC Bayern und wurde Nationalspieler. Es folgte Italien, damals das Land der Träume für einen Fußballer. Und mit Gladbach habe ich beim zweiten Mal den Pokal geholt. Ich wollte aber auch Meister werden, das ging mit Gladbach nicht. Mit Bayern habe ich danach die großen Erfolge gehabt. Dann kam Wolfsburg...

...wo Sie hinwarfen, weil der neue Trainer Sie nicht mochte. Sollten so genannte Führungsspieler nicht sagen: Es ist meine letzte Saison, die ziehe ich durch?

Aber so bin ich nicht. Ich muss mich wohlfühlen und Spaß an der Sache haben. Und ich bin finanziell unabhängig, ich kann sagen: Das war's, danke schön. Der Trainer dort hat mir indirekt vorgeworfen, dass ich nur noch Geld mitnehmen wollte; ich habe ihm durch meine Kündigung gezeigt, dass das nicht so ist.

Gab es nie einen Hauch von Zweifel, dass Sie alles richtig machen?

Natürlich habe ich Fehler gemacht. Etwa bei der WM in den USA, wo ich den Mittelfinger gezeigt habe und wo die Konsequenz war: "Du fährst nach Hause!" Tage und Wochen später habe ich noch gedacht, mein Gott, hättest du doch stattdessen in den Rasen gebissen!

Bereuen Sie es, Ihre Familie verlassen zu haben?

Es ist immer eine Niederlage, wenn man seine Familie verliert. Wenn die Kinder Geburtstag haben und ich nicht da sein kann... das tut weh. Ich habe viel geweint.

Warum haben Sie sich getrennt? Waren es am Ende vielleicht zu viele Affären - man hörte aus München, Sie seien ständig unterwegs gewesen?

Das sind Gerüchte, darauf gebe ich nichts. Es wird einfach zu viel erzählt.

Sie erzählen in Ihrem Buch, Martina habe schon "einen Freund in Miami" gehabt, als Sie Ihrer neuen Partnerin Claudia näher kamen. Warum verheimlichen Sie, wie Sie das herausgefunden haben?

Weil es unangenehm ist, wenn man so was erfährt. Man muss es verarbeiten und dann die Konsequenz daraus ziehen. Ich wollte weiter Fußball spielen, und sie wollte nach Amerika - also habe ich gesagt, leb du dein Leben da drüben. Da hätte ich sicher mehr drüber schreiben können, aber das liegt mir fern. Die Martina hat ja auch nichts Derartiges über mich erzählt, weil wir eine Abmachung haben, dass wir uns ordentlich verhalten.

Dafür schreiben Sie dann, wie sich Thomas Strunz empörte, als er vom Ehebruch seiner Frau mit Ihnen erfuhr: "Dann fuhr er zur Tankstelle und besorgte sich ein paar Dosen Wodka-Lemon, die er sich vor Claudia reinpfiff - mittags um zwölf."

Ich schreibe das nur, weil die Claudia das auch ausspricht. Die Situation war halt so - was soll ich da beschönigen? Außerdem: Durch mein Buch weiß ja nun auch jeder, dass ich mir um halb zwölf schon einen "Kleinen Feigling" reingepfiffen hatte.

Ist das Ihre Art der Problembewältigung?

Er lacht!

Nee, eigentlich nicht. Aber das war zu dem Zeitpunkt angemessen.

Ihre Frau Martina erfuhr dann durch eine Fernseh-Talkshow von Claudia Strunz.

Bevor sie nach Florida ging, habe ich ihr zweimal gesagt, dass ich eine Freundin habe. Sie hat es nicht ernst genommen. Sie hat eher gedacht, ich will ihr eins auswischen oder so. Aber gut. So war es halt.

Effenberg geht nach nebenan und wird fotografiert. Sein Co-Autor Mendelin flüstert: "Willst du nicht noch etwas zu Claudia fragen?" Nein. Aber gut. So kann es kommen.

Sie wollen schnellstmöglich nach Florida umsiedeln. Geht Frau Strunz mit?

Vielleicht spiele ich ja auch noch acht Monate in Katar. Wir fühlen uns sehr wohl miteinander, ich kann mir gut vorstellen, mit ihr in Florida zu leben. Wie man weiß, lasse ich nicht viele Leute an mich heran. Aber ich glaube, dass ich durch die Claudia ein bisschen offener geworden bin. Sie ist eine absolut tolle Frau.

Interview: Ulrike von Bülow