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Was macht eigentlich ...: ... Edgar Mrugalla?

Der Berliner löste vor 20 Jahren den größten Bilderskandal der Nachkriegsgeschichte aus. Der "König der Kunstfälscher" hatte rund 3000 Picassos, Liebermanns oder Noldes kopiert.

Herr Mrugalla, da steht ja ein Gemälde von Emil Nolde in der Ecke. Ist das noch eine Fälschung von Ihnen?

Achtung, das Bild ist nicht von Emil Nolde, sondern "frei nach" Emil Nolde. Von den 3000 Fälschungen, die ich damals angefertigt habe, besitze ich keine einzige mehr. Die Hälfte ist von der Kripo Düsseldorf beschlagnahmt worden.

Und die andere Hälfte?

Schwirrt in der Weltgeschichte herum.

Dann hängen noch immer gefälschte Bilder von Ihnen in anerkannten Museen?

Klar. In jedem Museum dieser Welt ist mindestens jedes zweite Bild eine Fälschung. Vor zehn Jahren habe ich ein Werk von mir in der Hamburger Kunsthalle entdeckt. Die Besitzerin hatte 600.000 Mark für den „echten“ Liebermann bezahlt. Ich konnte natürlich gleich sagen, dass das Bild von mir war. Wie eine Mutter ihr Kind erkennt, erkenne ich sofort meine Bilder. Die Aufregung war dann groß. Ich muss gestehen: Das hat mir ein wenig gefallen.

Trauern Sie Ihrer Zeit als Fälscher hinterher?

Nein. Aber ich finde, dass ich mit meinen Bildern etwas erreicht habe. Die Nationalsozialisten haben den Juden alle Kunst genommen. Nach dem Krieg verdienten dann arische Kunsthändler ein Vermögen damit. Mit meinen Fälschungen wollte ich sie ein wenig bestrafen, sie sollten mir richtig auf den Leim gehen.

Aber gerade die Kunsthändler haben doch von Ihnen profitiert. Mehr als 50 Millionen Euro sollen Ihre Werke eingebracht haben. Oder haben Sie das ganze Geld eingesackt?

Leider nicht. Ich habe für einen Picasso etwa 300 Mark bekommen, der Galerist 20.000 bis 30.000 Mark. Aber entscheidend war die Genugtuung, dass scheinbar profilierte Kunsthändler und Gutachter angeschmiert wurden.

1987 sorgten Sie dann mit zu vielen Bildern für einen Picasso-Boom auf dem Markt.

Tja, so bin ich letztendlich aufgeflogen. Natürlich war es furchtbar, als plötzlich die Kripo vor meiner Tür stand, aber ein wenig stolz war ich auch. Endlich konnte ich allen aus der Kunstbranche zeigen, dass sie keine Ahnung hatten.

Eine Kuratorin des Pariser Louvre bezeichnete sie als "genial". Sie wurden als bester Kunstfälscher der Nachkriegsgeschichte ausgezeichnet. Wie viel Geld lässt sich heute mit einem echten Mrugalla verdienen?

Gar nichts. Ich habe schon ewig kein Bild mehr von mir verkauft. Die Branche will mit mir nichts mehr zu tun haben. Als vergangenes Jahr das Wirtschaftsministerium in Kiel meine Bilder ausgestellt hatte, gab es Proteste von allen Seiten. Ich gelte als wertloser Künstler.

Wovon leben Sie denn heute?

Ich bekomme 292 Euro Rente von der Künstlersozialkasse. Nicht viel, aber ich tröste mich: Viele der großen Künstler haben zu ihrer Zeit auch in Armut gelebt.

In den kommenden Wochen sollen Ihr Haus und Ihre Scheune, in der Sie alle Fälschungen angefertigt haben, unter den Hammer kommen. Macht Sie das wehmütig?

Ach, das sollte schon zweimal versteigert werden, und jedes Mal fand sich kein Käufer. Mal sehen, ob diesmal jemand Interesse hat. Aber ich will sowieso von hier wegziehen. Mit den Bauern kann man über Pferde sprechen, nicht über Kunst. Bilder sind für sie völlig wertlos. Ich werde nach Düsseldorf ziehen, zu meiner Tochter. Die Stadt hat eine große Kunstszene. Schon zu meiner Zeit als Fälscher hatte ich dort viele Galeristen, die sich um meine Werke gerissen haben. Vielleicht schaffe ich ja einen Neuanfang. Als Edgar Mrugalla.

Haben Sie gerade ein Werk in Arbeit?

Ja, das Alte Testament von Marc Chagall. Frei nach, versteht sich.

Interview: Anne Hansen / print