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Folkwang Museum in Essen: Die verlorenen Schätze kehren heim

Es war "das schönste Museum der Welt" - bis die Nazis die bedeutende Sammlung zerschlugen: Jetzt sind die Bilder erstmals seit mehr als 70 Jahren wieder im Essener Folkwang Museum zu sehen.

Von Anja Lösel

"Säuberungskrieg" nannten die Nazis ihre Plünderungsaktionen in 101 deutschen Museen, es war die reinste Barbarei. Insgesamt wurden 17.000 Kunstwerke beschlagnahmt. Am schlimmsten traf es das Folkwang Museum in Essen. Es verlor 1937 rund 1400 Gemälde, Skulpturen und Grafiken, die angeblich "dekadent" und "hässlich" waren.

Warum gerade dieses Museum? Weil es eine der besten und modernsten Sammlungen der Welt hatte: mit Bildern von Cézanne, Matisse, Monet, Franzosen also, die als Feinde galten. Und mit Werken deutscher Expressionisten wie Kirchner, Nolde, Heckel, die von Nazis als primitiv, undeutsch und "entartet" angesehen wurden.

Dass es das Museum Folkwang überhaupt gibt, ist Karl Ernst Osthaus zu verdanken, dem millionenschweren Enkel eines Schraubenfabrikanten. 1902, mit 22 Jahren, hatte er begonnen zu sammeln. Am Anfang begeisterte er sich für alles Mögliche - von Mineralien über Insekten bis hin zu orientalischen Kacheln. Erst als er den Jugendstil-Architekten Henri van de Velde kennen lernte, konzentrierte Osthaus sich auf die französische Moderne und den deutschen Expressionismus. Bilder von Monet, Matisse und van Gogh kannte damals kaum jemand in Deutschland.

Ein Wunder und ein Skandal zugleich

Als Osthaus sie zum ersten Mal in seinem privaten Museum in Hagen zeigte, war das eine Sensation, auch weil er zusätzlich Werke außereuropäischer Kunst präsentierte. Afrikanische Skulpturen, Schattenspiel-Figuren aus Java, Theatermasken aus Japan, ägyptische, griechische und römische Plastiken stellte er in denselben Räumen aus wie die Bilder der Avantgarde. Das "Maskenstilleben" von Emil Nolde hing da neben echten hölzernen Masken aus Afrika. Paul Gauguins Tahiti-Mädchen strahlten neben eleganten Figuren aus Ozeanien. Goldene Buddhafiguren prangten vor dunkel lila Wänden. Niemals zuvor wurde so deutlich gezeigt, wo die Avantgarde ihre Wurzeln hatte. Völlig unüblich war das damals, unverschämt modern. Ein Wunder und ein Skandal zugleich. Die Künstler waren begeistert. Emil Nolde empfand das Folkwang als "Himmelszeichen". Sein Malerkollege August Macke jubelte: "Wir waren ganz jeck."

Nach Osthaus' Tod kaufte die Stadt Essen die grandiose Sammlung: die Geburtsstunde des Folkwang Museums. "Das schönste Museum der Welt" nannte ein amerikanischer Kunstexperte es im Jahr 1932. Er konnte nicht wissen, dass der grandiosen Sammlung nur noch wenige Jahre bleiben sollten. 1933 übernahm Hitler die Macht und mit ihm sein kruder Kunstgeschmack. Chagall und van Gogh, Cézanne und Gauguin, Kirchner und Nolde galten plötzlich als "entartet", 1937 wurden 1400 Bilder aus dem Museum entfernt und meistbietend verscherbelt. Manche blieben verschollen, wenige konnten nach dem Krieg zurückgekauft werden, viele landeten bei Sammlern oder Museen in den USA.

Um ein Bild zu beschlagnahmen, genügte es schon, wenn "die Bäume allzu blau gemalt" waren oder ein Selbstporträt "Anzeichen der Erkrankung" zeigte. Anfangs hatte Museumsdirektor Martin Gosebruch noch gekämpft für seine Bilder. Aber bald musste er gehen, sein Nachfolger Klaus Graf von Baudissin trat in SS-Uniform den Museumsdienst an und wütete ganz im Sinnen seines obersten Dienstherrn. 1456 Werke wurden 1937 beschlagnahmt.

Das Geld streicht Hitler ein

Einige Kunstwerke landeten in der Schmäh-Ausstellung "Entartete Kunst", in der Hitler sie als dummes Idiotenwerk und Ausbund wahnsinniger Hirne zur Schau stellte. Andere brachte man in die Schweiz, wo sie 1939 auf einer Auktion in Luzern vor allem an amerikanische Kunsthändler und Sammler versteigert werden. Das Geld streicht Hitler ein, er braucht es für den Krieg. Franz Marcs "Weidende Pferde IV" sind darunter, Henri Matisses "Blaues Fenster" und Ernst Ludwig Kirchners "Selbstbildnis mit Katze", alles grandiose Werke. Ein Bild gerät zu Hermann Göring: "Der Steinbruch" von Paul Cezanne. Nach dem Krieg kann es für viel Geld (1,6 Millionen Mark) zurückgekauft werden, heute ist es wieder im Folkwang.

Für ihre Ausstellung versuchten Museumsdirektor Hartwig Fischer und sein Team, möglichst viele der Schmuckstücke von damals zurück nach Essen zu holen, finanziell unterstützt von Eon Ruhrgas. Bei 26 Bildern ist es ihnen gelungen, und das, so Fischer, "übertrifft unsere Erwartungen bei weitem".

Der Chagall aus Philadelphia, der Kandinsky aus New York und der Franz Marc aus Boston hängen nun wieder dort, wo sie schon mal hingen, um sie herum Skulpturen aus Afrika, Java, Ozeanien. Zwei Mal reiste Fischer in die USA, um die Besitzer zu beknien und zu überzeugen von seinem Projekt. Im eleganten Neubau des britischen Architekten David Chipperfield sind nun insgesamt 396 Bilder und Skulpturen aus der alten Sammlung zu besichtigen, vieles aus den eigenen Beständen. Wahrscheinlich wird man die Werke nie mehr wieder beisammen erleben können. Deshalb sollte man sich die Schau auf keinen Fall entgehen lassen. Hartwig Fischer ist selbst völlig überwältigt: "Wenn man die 'Roten Pferde' von Franz Marc da hängen sieht - das geht einem direkt ins Herz."

Essen, Museum Folkwang , 20. März bis 25. Juli. Katalog im Steidl Verlag, 29 Euro