Neues Centre Pompidou in Metz Wenn der Apfel weit vom Stamm fällt...


Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy hat am Dienstag in der ostfranzösischen Stadt Metz einen regionalen Ableger des Pariser Museums Centre Pompidou eröffnet.

Zirkuszelt oder chinesischer Strohhut? Architektonisch gleicht das mehr als 10 000 Quadratmeter große Centre Pompidou-Metz mit seinem riesigen, wellenförmigen Dach beidem. Am wenigsten jedoch ähnelt es seinem Mutterhaus, dem rechteckigen Centre Pompidou Paris, das aus vielen bunten Röhren besteht. Das rund 70 Millionen teure Gebäude des Architektenduos Shigeru Ban und Jean de Gastines im Nordosten Frankreich hat dagegen weiche Formen und ragt durch eine einzigartige Holzstruktur hervor, die an großmaschiges Flechtwerk erinnert. Die einzige äußere Anspielung an das Centre Pompidou in Paris ist der Glas- und Stahlturm in der Mitte des Gebäudes, der mit seinen 77 Metern Höhe auf das Gründungsdatum des Mutterhauses verweist: 1977. Das Centre in Metz wurde am Dienstag feierlich seiner Bestimmung übergeben.

Das Spektakulärste an der neuen Kunsthalle ist das geschwungene weiße Dach, eine mehr als 8000 Quadratmeter große transparente Glasfasermembran, die von einer komplizierten Flechtmuster- Holzstruktur getragen wird. Es ist schon beim Einfahren in den Metzer Hauptbahnhof zu sehen, der in unmittelbarer Nähe liegt. Das Dach wurde eigens aus Japan nach Europa verschifft und von Spezialisten aus Deutschland montiert. Es wirkt leicht, so als sei es aus Papier, und gipfelt in einer Höhe von 77 Metern, was es wie ein Zirkuszelt aussehen lässt, das nachts herrlich leuchtet.

Innen ist das Metzer Centre Pompidou ebenso lichtdurchflutet wie sein Pariser Vorbild am Place Beaubourg, was den riesigen Glasfensterflächen zu verdanken ist und dem Forum, eine große Halle, aus der die Besucher mit einem Aufzug Zugang zu den Ausstellungsräumen, dem Auditorium und der Grand Nef haben, dem "Hauptschiff". Ein riesiger, kirchenähnlicher Raum, der bis zu 21 Meter Höhe erreicht und in dem überdimensionale Kunstwerke und Installationen gezeigt werden.

Die drei sternförmig angeordneten Galerien des Museums gleiche riesigen übereinander liegenden Schachteln, die jeweils 84 Meter lang, 14 Meter breit und 5 Meter hoch sind und deren Enden durch das Dach herausragen. Aus riesigen Panoramafenstern bietet sich ein herrlicher Blicke auf die Stadt und die Kathedrale Saint-Etienne, eine der schönsten und größten Frankreichs.

Bestückt wird das Centre Pompidou in Metz mit Werken aus der Pariser Zentrale, die mit rund 65 000 Werken die größte Sammlung an zeitgenössischer und moderner Kunst in Europa besitzt. Die Museums- Filiale ist nicht nur die erste Kultureinrichtung, die im Rahmen der französischen Dezentralisierungspolitik ausgelagert wurde. Ein Louvre-Ableger im nordfranzösischen Lens befindet sich noch im Bau. Mit der Dependance des Centre will die lothringische Hauptstadt zu einer Kulturmetropole werden. "Das Centre Pompidou wird eine Lokomotive sein, ein Beschleuniger für die kulturelle Entwicklung der Stadt", sagte der Bürgermeister Dominique Gros. Im Blick hat er dabei die Erfolgsgeschichte Bilbaos im spanischen Baskenland, das durch die Guggenheim-Filiale zu einem Touristenmagnet wurde.

Metz setzt ähnliche Hoffnungen in das Museum wie damals die Gründungsväter in das Pariser Mutterhaus. Im Jahr 1969 erklärte der damalige Präsident der Republik, Georges Pompidou: "Ich will sowohl ein Museum als auch ein Kunstzentrum schaffen, in dem es neben den Schönen Künsten auch Musik, Kino, Bücher und audiovisuelle Forschung geben soll." Die Vielfalt machte die Pariser Einrichtung zu einem der meist besuchten Museen Frankreichs. Mit kultureller Vielfalt und den Pariser Kunstschätzen will Metz nun jährlich zwischen 200 000 und 300 000 Besucher unter sein spektakuläres Museumsdach locken.

Mit dem neuen Kunstschrein will die Stadt ihr Image als Militär- und Festungsstadt ändern. Dafür hat sie tief in die Kasse gegriffen. Den Löwenanteil des 70 Millionen teuren Museums tragen die Stadt und die umliegenden Kommunen. Die laufenden Kosten für 2010 werden auf 10 Millionen Euro geschätzt. Doch das könnte sich lohnen. Die Dependance liegt günstig - nur zwei Gehminuten vom Fernbahnhof entfernt und mitten im Vierländereck. Nach Deutschland, Luxemburg, Belgien und in die Schweiz ist es nicht weit. Von Paris aus sind es mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV rund anderthalb Stunden Fahrtzeit, von Frankfurt aus knapp zwei Stunden - das bedeutet ein Besucherpotenzial von mehreren Millionen Europäern.

Sabine Glaubitz,DPA/AFP DPA

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