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Was macht eigentlich ...: ... Heike Drechsler?

Die Ausnahmeathletin aus Thüringen - schon in der DDR ein Star - gewann vor allem in den 90er Jahren so gut wie jeden Weitsprungwettbewerb. Den deutschen Rekord hält sie noch.

Frau Drechsler, Sie ans Telefon zu bekommen ist nicht leicht. Typisch Rentnerin: nie Zeit …

Stimmt. Aber ich bin ja nicht wirklich Rentnerin, sondern habe nur meine Karriere als Leistungssportlerin beendet. Ich arbeite jetzt für eine Krankenkasse im Präventionsbereich, halte Vorträge zum Thema Sport und Gesundheit. Außerdem betreue ich die Aktion "Deutschland bewegt sich" und leite an den Wochenenden oft Nordic-Walking-Kurse. Und dann fördere ich auch noch Schulprojekte. In Thüringen gibt es zum Beispiel zwei Grundschulsportfeste, die meinen Namen tragen.

Sitzen Sie auch einfach mal auf dem Sofa und machen nichts?

Selten. Ich habe Hummeln im Hintern. Auch jetzt habe ich schon wieder das Gefühl, viel zu lange im Büro zu sitzen. Dann denke ich immer, ich roste ein, und mir tut plötzlich alles weh.

Und was machen Sie dagegen?

Ich laufe. Inzwischen bin ich auf die Langstrecke gewechselt. Ich renne etwa eine Stunde, in einem recht flotten Tempo.

Und Ihre alte Paradedisziplin Weitsprung?

Hüpfen Sie noch ab und zu in die Sandgrube? Manchmal. Wenn ich an Schulen bin, wollen die Kinder mich springen sehen.

Wie weit kommen Sie noch?

Um die fünf Meter. Ich staune, dass es noch so gut geht. Aber die Technik verlernt man nicht. Doch die Weite ist egal. Ich will Kindern den Spaß am Sport vermitteln.

Werden Sie sich die Olympischen Spiele anschauen?

Klar. Ich bin sogar in Peking und unterstütze als Mentorin die Beachvolleyballerinnen Okka Rau und Stephie Pohl sowie die Rollstuhl-Tennisspielerin Katharina Krüger.

Was ist die Aufgabe einer Mentorin?

Ich stehe den Athleten beratend zur Seite, im Umgang mit den Medien zum Beispiel, gebe aber auch ganz persönliche Tipps.

Nach der Wende standen Sie unter Dopingverdacht - und haben heftig dementiert.

Mein Leben wurde wesentlich vom politischen System der DDR geprägt. Mit allen guten, aber auch den schlechten Seiten. Ich kann nur sagen, dass ich nie wissentlich gedopt habe. Aber nach den Unterlagen kann ich heute leider nicht mehr ausschließen, dass ich von den Ärzten ohne mein Zutun und Wissen mit illegalen Mitteln behandelt wurde.

Was Sie lange ausgeschlossen haben.

Das war ein Fehler. Ich war damals überfordert. Ich wusste nicht, was mit mir passierte, weil ich selber viel zu tief in dem ganzen System steckte. Ich habe daraus gelernt und versuche heute aufzuklären. Zudem habe ich meine Olympiasiege 1992 und 2000 ja unter den neuen Bedingungen des Kontrollsystems und für die Bundesrepublik Deutschland errungen.

Der Boxer Henry Maske hat es vorgemacht. Schon mal an ein Comeback gedacht?

Meine Zeit ist vorbei. Ich hatte viele schöne Momente und habe meine Karriere ausgeschöpft. Jetzt ist es ein neues Leben, und ich freue mich über die Dinge, die passieren.

Da gibt es einiges. Sie haben sich vor Kurzem von ihrem Lebensgefährten, dem früheren Zehnkämpfer Alain Blondel, getrennt.

Ja. Man verändert sich eben. Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir nicht mehr denselben Weg haben. Dann ist es besser, sich zu trennen. Das ist auch im Guten erfolgt. Jetzt kann jeder seine Ziele verfolgen. Klar, das ist im ersten Moment schmerzlich, aber mir geht es gut. Auch privat.

Heißt das, es gibt einen neuen Mann? So ist es. Er kommt nicht aus dem Sport, und das ist auch gut. So bekommt man einen anderen Blickwinkel und ganz neue Impulse für das Leben.

Interview: Andrea Kraft / print