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Was macht eigentlich ...: ... Otto Graf Lambsdorff?

Der FDP-Politiker und langjährige Bundeswirtschaftsminister - aus westfälischem Adel stammend - zählte zu den streitbarsten und umstrittensten Akteuren der Bonner Republik.

Graf Lambsdorff, was macht eigentlich ein FDP-Ehrenvorsitzender? Gute Miene?

Zum einen das, zum anderen bemüht er sich, die Ehre nicht mit dem Vorsitz zu verwechseln. Ich hänge nicht dauernd am Telefon und gebe ungebeten gute Ratschläge.

Grund genug hätten Sie. Bundespolitisch ist die FDP bedeutungslos wie nie.

Bundespolitisch bedeutungslos ist die FDP wegen ihres Einflusses im Bundesrat gewiss nicht. Die Regierungsbeteiligung in Bayern hat das verstärkt. Nach der hessischen Landtagswahl wird sich das fortsetzen. Richtig ist, dass man kritisch fragen muss, ob die FDP als größte Oppositionspartei ausreichend wahrgenommen wird. Aber mir fehlt da die Erfahrung. Ich war 26 Jahre Bundestagsabgeordneter und nie in der Opposition.

Früher war eben alles besser!

Nicht alles. Manches war besser. Der Stil der politischen Auseinandersetzung zum Beispiel, das Niveau der parlamentarischen Debatten, die Haltung zur Marktwirtschaft. Müsste Ludwig Erhard die heutige Lage erleben, er würde sich mit Grausen abwenden! Der Staat reguliert und interveniert überall hinein, die Bürger sind in einer Vollkasko-Mentalität gefangen, der Sozialstaat hat die Marktwirtschaft in weiten Teilen außer Kraft gesetzt.

Wie die Finanzmarktkrise beweist ...

Ich halte die Reaktion der Bundesregierung auf die Finanzkrise für richtig. Auch wenn sie nicht gerade Ordnungspolitik in Reinkultur darstellt. Das sogenannte Konjunkturprogramm ist schuldenfinanzierter Unfug. Offenbar hat die Politik aus den Fehlern der 70er Jahre nichts gelernt.

Wie eh und je: Lambsdorff, der Marktgraf.

Dieses Bonmot ist Herbert Wehner eingefallen. Er wollte mich damit kritisieren. Aber statt abzuschrecken, wurde es zum Markenzeichen.

Wie sieht Ihr Alltag heute aus?

Friedlicher als früher, Gott sei Dank. Ich bin in Bonn geblieben und bereue das überhaupt nicht. Seit ich aus dem Bundestag ausgeschieden bin, habe ich mich in verschiedenen Aufsichtsräten, Beiräten und als Anwalt betätigt. Das hat Spaß gemacht. Natürlich läuft das jetzt langsam aus, das ist auch richtig so. Interessanterweise habe ich stabilere Beratungsverhältnisse in Amerika und in Japan.

Sie sind ein Liebhaber der japanischen Küche.

Nicht nur der Küche. Ich liebe das Land, die Menschen, die Kunst. Die Küche schätze ich, weil sie leicht ist. Ich habe mich in den vergangenen Monaten erfolgreich bemüht, acht Kilo leichter zu werden; das will ich nicht wieder gefährden.

Sind Sie eitel?

Selbstverständlich! Jeder Politiker ist eitel. Ich hoffe, ich bin es in erträglichem Maße.

Vermissen Sie die Politik?

Man kommt von dieser Droge wahrscheinlich lebenslang nicht los, wenn man sie mal inhaliert hat. Wahlkampf mache ich nicht mehr. Obwohl das zu den reizvollsten Dingen gehörte: Man kommt von einer internationalen Konferenz und fährt anschließend direkt vom Flughafen nach Schleiden in der Eifel, trifft sich in der Kneipe mit zehn Parteifreunden und drei Zuhörern und hält denen eine Wahlkampfrede.

Eigentlich waren Sie stets das Gegenteil eines Wirtshauspolitikers. Man hätte Ihnen nie kumpelhaft auf die Schulter gehauen.

In der Sprache von heute: Das war nicht mein Ding. Ich habe in der FDP nach fast 60 Jahren genau einen Duzfreund: Hans-Dietrich Genscher. Ich wollte immer eine gewisse Distanz einhalten. Vielleicht hat der eine oder andere manchmal gedacht, das sei hochmütig. Das täte mir leid, so war es jedenfalls nicht gemeint.

Interview: Christoph Wirtz / print