HOME

Was macht eigentlich ...: ... Siegfried Lessey?

Der Berliner gehörte zu den deutschen Soldaten, die im Winter 1942/43 in Stalingrad eingekesselt waren. Ein Foto, das ihn mit Kameraden nach der Kapitulation zeigt, ging um die Welt.

Welche Erinnerung haben Sie an den Advent 1942?

Wir waren von russischen Truppen eingekesselt. Um uns herum Chaos. Weihnachten und Silvester habe ich mit ein paar Kameraden in einem Bunker ausgeharrt. Der Schnee lag meterhoch. Wir hatten zwar keinen Baum, aber noch zu futtern.

Woher bekamen Sie Ihr Essen?

Deutsche Flugzeuge hatten Lebensmittel über dem Kessel abgeworfen. Ich habe dann mit einer Zeltplane Brot und Leberwurstbüchsen eingesammelt. Und mit einem Kameraden ein Pferd geschlachtet.

Dabei stand das Schlimmste noch bevor …

Am 15. Januar musste ich meinen Panzerspähwagen wegen Treibstoffmangels stehen lassen. Wir sind durch den hohen Schnee zum Flughafen Gumrak. Dort haben sich die Soldaten fast gegenseitig totgeschlagen, um ausgeflogen zu werden. Wir haben gleich gemerkt, dass es aussichtslos war.

Wie ging es für Sie weiter?

Wir flüchteten in das zerstörte Stadtzentrum von Stalingrad, sollten als Infanteristen kämpfen. Die Kameraden starben wie die Fliegen. Noch immer glaubten wir an ein gutes Ende - bis zum 30. Januar 1943, als wir die Rede von Göring im Radio hörten. Am nächsten Morgen gab der Südkessel auf, wir gingen in Gefangenschaft.

Dort wurde das berühmte Foto nach der Kapitulation der 6. Armee aufgenommen.

Wir sind morgens um neun Uhr losgejagt worden und marschierten bis 23 Uhr zum Sammellager Beketowka. Da hatte ich noch meine Uhr, daher weiß ich das so genau. Es war furchtbar. Wir wurden beschossen, viele von uns waren zu schwach zu gehen. Übrigens haben wir gesehen, wie General Paulus an uns vorbeigefahren wurde. Wir haben ihn ausgebuht.

Wann haben Sie das Bild zum ersten Mal gesehen?

Mein Sohn zeigte es mir vor vier Jahren. Er sagte: "Guck mal, das bist doch du!" Das war der Hammer! Meine Frau und ich mussten keine Sekunde überlegen: Der Dritte von rechts bin natürlich ich.

Können Sie weitere Soldaten identifizieren?

Rechts im Bild steht Alfred Körk aus Leipzig, mein Fahrer. Und zwischen uns geht Erich Keil aus Berlin, mein Funker. Sie sind wahrscheinlich in der Gefangenschaft gestorben. Die anderen kenne ich nicht.

Wie haben Sie überlebt?

Ich war ein guter Sportler, klein, drahtig und Marathonläufer. Ich musste in einer Zementfabrik und in einem Sägewerk arbeiten. Alle litten an Unterernährung. Ich wog noch 68, 69 Pfund. Sieben Jahre lang wurde ich morgens um fünf geweckt. Dann gab's Krautsuppe, einen Löffel Hirsebrei und eine Scheibe Brot. Sieben Jahre! Aber die Suppe war gut.

Hatten Sie Kontakt zu Ihrer Familie?

Erst 1947 oder 1948 bekam ich eine Karte von meiner Frau. Sie schrieb, dass unser Sohn Ulrich am 11. Juli 43 zur Welt gekommen war, sie hatte ein Bild von ihm in die Karte genäht. Sie müssen wissen, kurz vor der Einkesselung hatte ich drei Wochen Urlaub, habe am 10. Oktober meine Freundin Elsa geheiratet.

Wann sahen Sie sie wieder?

1949 kam ich zurück nach Hause.

Sprechen Sie viel über Stalingrad?

Zuerst gab es nur ein Thema: Stalingrad. Es klingt makaber, aber ich denke gerne an die guten Seiten: ans Kabarett in der Gefangenschaft, an das Singen der Weihnachtslieder im Bunker. Ich war eigentlich ein lustiger Vogel, habe im Kessel sogar "Davon geht die Welt nicht unter" geträllert. Aber ich hatte auch lange böse Träume.

Wie verbringen Sie heute den Tag?

Ich gucke Sport, bin großer Hertha BSC-Fan. Ein Hobby? Mein Hobby ist die Langeweile. Ich bin faul - das darf ich doch wohl sein, oder? Ich bin 92!

Interview: André Groenewoud

print
Themen in diesem Artikel