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Was macht eigentlich ... Monika Wulf-Mathies


Die studierte Philologin gab 1994 den ÖTV-Vorsitz ab, um in Brüssel EU-Kommissarin für Regionalpolitik zu werden. Nach Vorwürfen der Misswirtschaft gegen die Kommission trat sie mit ihren Kollegen im Frühjahr 1999 zurück

Die studierte Philologin gab 1994 den ÖTV-Vorsitz ab, um in Brüssel EU-Kommissarin für Regionalpolitik zu werden. Nach Vorwürfen der Misswirtschaft gegen die Kommission trat sie mit ihren Kollegen im Frühjahr 1999 zurück. Monika Wulf-Mathies lebt mit ihrem Mann immer noch in der belgischen Hauptstadt, arbeitet nur zeitweise in Berlin beratend im Stab von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Die 58-Jährige ist seit 1965 Mitglied der SPD.

stern: Fünf Jahre lang waren Sie als EU-Kommissarin eine der mächtigsten Frauen Europas. War es schwierig, zur Normalität zurückzufinden?

Wulf-Mathies: Ich bin, glaube ich, auch im Amt relativ normal geblieben. Natürlich hat sich mein Leben verändert. Jetzt sortiere ich selbst die Faxe und organisiere die meisten meiner Termine selbst.

stern: Sie beraten Gerhard Schröder in Sachen Europapolitik und haben auch ein Büro im Kanzleramt in Berlin. Wie oft sind Sie dort?

Wulf-Mathies: Zwei bis drei Tage die Woche.

stern: Haben Sie Gerhard Schröder Ratschläge gegeben, wie sich die EU gegenüber Österreich verhalten sollte?

Wulf-Mathies: Nein. Ich kümmere mich nicht um die Tagesaktualität, sondern um strategische Fragen. Zum Beispiel: Was ist die Rolle der deutschen Bundesländer in einem vereinten Europa?

stern: Waren Sie nicht auch dabei, als Schröder in Berlin mit EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti verhandelte?

Wulf-Mathies: Ja. Ich habe in der EU-Kommission mit Mario Monti immer sehr eng zusammengearbeitet. Deshalb war es natürlich angenehm, sich auch in Berlin wiederzusehen.

stern: Ist es schwierig, den Berlinern zu erklären, wie in Brüssel Politik gemacht wird?

Wulf-Mathies: Es gibt einen großen Informationsbedarf - überall. In der deutschen Wirtschaft, auch bei manchen Beamten. Die Deutschen sind sehr stark auf sich selbst orientiert und schauen wenig nach links und rechts.

stern: Die Deutschen sind nicht die weltoffenen Europäer, für die sie sich halten?

Wulf-Mathies: Dafür müssten die Deutschen ja erst mal akzeptieren, dass sie nicht immer alles am besten wissen und dass man von den Nachbarn durchaus lernen könnte. Dabei sind uns zum Beispiel bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit die Niederländer weit voraus.

stern: Sie haben in den 70ern im Kanzleramt unter Brandt und Schmidt gearbei-tet. Was hat sich dort geändert?

Wulf-Mathies: Die Kanzler prägen das Klima ganz unterschiedlich. Gerhard Schröder ist als Person viel lockerer als seine Vorgänger. Helmut Schmidt war bei vielen Beamten gefürchtet. Bei Gerhard Schröder ist das anders.

stern: Sie mussten im März 1999 mit der gesamten EU-Kommission zurücktreten - nach Vorwürfen über Misswirtschaft und Vetternwirtschaft in der Kommission. Hätte man das Drama vermeiden können?

Wulf-Mathies: Sicher hätte man das vermeiden können. Aber dann hätte man sehr viel früher beginnen müssen, drastische Veränderungen vorzunehmen, insbesondere bei den Kontrollstrukturen und im Umgang mit dem Europäischen Parlament. Aber man sieht ja jetzt, dass es auch für die neue EU-Kommission kein Spaziergang ist, Reformen durchzusetzen.

stern: Sie werden für den Fall einer Kabinettsumbildung als mögliche Arbeitsministerin gehandelt ...

Wulf-Mathies: Das ist nie mein Ziel gewesen.

stern: Ministerin können Sie sich nicht vorstellen?

Wulf-Mathies: Nein. Es gibt eine ganze Menge andere Aktivitäten, die mich reizen.

stern: Welche?

Wulf-Mathies: Warten Sie mal ab.

stern: Sie wohnen immer noch in Brüssel. Ist das Leben hier attraktiver als in Berlin?

Wulf-Mathies: Im Augenblick ist es günstig, die Zelte in Brüssel nicht abzubrechen. Und das Leben ist hier sehr angenehm. Ich gehe in die Oper, in Konzerte, habe mir die James-Ensor-Ausstellung angesehen, alles Dinge, für die ich früher viel zu wenig Zeit hatte. Außerdem ist Brüssel eine Fundgrube für Jugendstilliebhaber.

stern: In der EU-Kommission standen Sie einer Multikulti-Behörde vor, in Berlin ist alles rein deutsch. Ein großer Unterschied?

Wulf-Mathies: Manchmal habe ich Angst, dass meine Englisch- und Französisch-Kenntnisse leiden. Wenn jetzt jemand anruft und französisch mit mir spricht, freut mich das richtig.

Interview: Hans-Martin Tillack

Hans-Martin Tillack

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