Was macht eigentlich... Colin Blairs


Vor Beginn des ersten Golfkriegs gehörte der Sohn eines britischen Soldaten zu den Tausenden Geiseln, die Saddam Hussein als menschliche Schutzschilde festhielt.

Zur Person:

Colin Blairs, 22, lebt mit seiner Freundin im eigenen Haus bei London. Er arbeitet als Computerspezialist. In seiner Freizeit restauriert er alte Autos und Motorräder. Colin war zehn Jahre alt, als er von Saddam Hussein als Geisel genommen wurde.

Wie war das, als Sie Saddam Hussein getroffen haben?

Es war der 28. August 1990. Ich war zehn Jahre alt, meine Schwester Rachel sechs. Zusammen mit unserer Mutter wurden wir zu einem Konferenzzentrum gebracht. Dort waren noch viele andere Ausländer, alle Geiseln und menschliche Schutzschilde wie wir, viele Kinder. Dann kam Saddam in den Saal und begrüßte jeden.

Haben Sie mit ihm gesprochen?

Ich konnte ja ein bisschen Arabisch. Also habe ich gefragt: Hallo, wie geht´s? Und er antwortete: Danke, sehr gut. Dann wurden wir alle mit ihm fotografiert. Anschließend hielt er eine elend lange Rede.

Wie kam ein englischer Knirps im Golfkrieg nach Bagdad?

Mein Vater war in der britischen Armee in Kuwait stationiert. Wir lebten mit ihm dort schon dreieinhalb Jahre. Es war eine tolle Zeit. Als die Invasion begann, war ich bei Freunden am anderen Ende der Stadt. Mum und Rachel traf ich zehn Tage später im Hilton von Kuwait City wieder. Als ich erfuhr, dass Vater als Kriegsgefangener nach Bagdad verschleppt worden war, fühlte ich mich im Stich gelassen. Ich versuchte, mir das Leben zu nehmen und wollte vom Hotelbalkon springen. Ein Hotelangestellter riss mich zurück. Dann hat die Britische Botschaft einen Konvoi organisiert, der die Familien von vermissten Soldaten nach Bagdad bringen sollte.

Wie? Die Botschaft hat Sie nach Bagdad verfrachtet?

Man kann es immer noch nicht fassen, dass sie das getan haben. Sie hätten uns genauso gut über die nahe Grenze nach Saudi-Arabien bringen können. Dort wären wir sicher gewesen. Es war eine schlimme Reise durch die Wüste. Wir hatten nicht genügend Wasser. Viele wurden krank. Schließlich kamen wir in Bagdad an.

Und wurden freudig als Geiseln empfangen.

Genauso war es. Wir mussten die Pässe abgeben und waren tagelang in unseren Hotelzimmern eingesperrt. Auf dem Flur waren bewaffnete Soldaten. Einmal am Tag gab es Essen - Hühnchen mit Reis. Dann brachten sie meinen Vater ins Hotel. Es war einer der glücklichsten Augenblicke meines Lebens. Wir wurden mit ihm zu einer Ölraffinerie verlegt, damit die Alliierten die Anlage nicht bombardieren. Die Iraker dort waren freundlich. Sie gaben uns sogar Spielzeug ihrer Kinder. Nach acht Tagen wurden wir in dieses Konferenzzentrum gebracht.

Wie kamen Sie und Ihre Familie frei?

Es begann an diesem Tag. Als Saddam erfuhr, dass meine Schwester ihren sechsten Geburtstag feierte, versprach er uns die Freilassung - sogar mit Vater. Ein paar Tage später durften wir ausreisen.

Haben Sie diese Erlebnisse verarbeitet?

Es war sehr, sehr schwer. Wir wurden lange psychologisch betreut. Meine Eltern haben uns Kinder ermutigt, all unsere Erfahrungen aufzuschreiben und so oft darüber zu reden, wie wir nur wollten. Das hat enorm geholfen. Ich weiß von anderen Geiseln, die bis heute ihr Leben nicht wieder in den Griff bekommen haben. Wir sind eine der wenigen Familien, die es geschafft haben. Aber manche der schrecklichen Bilder gehen einem nie mehr aus dem Kopf.

Welche denn?

Soldaten, die tot an Holzkreuzen hingen - wie Jesus Christus am Kreuz.

Sind Sie für einen Krieg gegen den Irak?

Auf keinen Fall, denn das Volk wird unter den Bomben leiden. Die Gefahr geht doch von Saddam aus, nicht von seinem Volk. Am besten wäre es, wenn der Westen Saddam Hussein lebend fassen könnte. Ich würde ihn so gerne vor einem Kriegsverbrechertribunal erleben: Er auf der Anklagebank, ganz klein und ohne Macht über andere - und endlich auch nicht mehr über mich.

Interview: Bernd Dörler


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