Das Ganze ähnelt einem Naturphänomen. Physikalisch gesehen folgt auf jeden Blitz ein Donner. Fußballerisch gesehen folgt auf nahezu jede Situation, in der Michael Olise mit dem Ball am Fuß über die rechte Angriffsseite am rechten Strafraumeck parallel zur Sechzehnerlinie nach innen zieht und dann mit dem linken Innenrist draufhält: ein Tor.
Wie zuletzt am Samstag beim 4:3 des FC Bayern München in Mainz, als Olises phänomenales Tor zum 2:3 das endgültige Signal zur Aufholjagd war. Mit ruhigen Worten lieferte FSV-Trainer Urs Fischer eine präzise Analyse des Signature-Moves von Bayerns Rechtsaußen: „Du weißt eigentlich, was er macht. Und trotzdem kannst Du es einfach nicht verteidigen. Dieser eine Moment, wenn er ihn denn hat: ein sensationelles Tor. Besser kann man den Ball nicht treffen.“
Das durfte kürzlich auch die gesamte Belegschaft von Real Madrid bestaunen. Im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League erzielte Olise bei einem letzten Konter in der Nachspielzeit auf jene spezielle Art und Weise das 4:3. Lässig mit links Richtung Kreuzeck. Dabei hätte der Spielstand von 3:3 zum Weiterkommen gereicht. Die meisten seiner Profi-Kollegen wären in so einem Moment Richtung Eckfahne gelaufen. Mit dem Ziel, Zeit von der Uhr zu nehmen, einen Einwurf oder am besten eine Ecke herauszuholen. Doch so tickt Michael Olise nicht. Er geht immer aufs Ganze.
Michael Olise, ein Zocker
Er ist ein Zocker. Einer fürs Spektakel. Einer, für den die Zuschauer ins Stadion gehen. 53 Millionen Euro Ablöse haben die Bayern im Sommer 2024 an Crystal Palace bezahlt. Mittlerweile hat Olise einen Marktwert von satten 140 Millionen, erzielte in bis dato 101 Pflichtspielen für die Roten 39 Tore und steuerte 52 Vorlagen bei. Längst ist der französische Nationalspieler die Attraktion der Bundesliga, oder anders gesagt: zu gut für die Liga. Obwohl Olises Vertrag bis 2029 läuft, würden die Bayern-Bosse gerne zeitnah mit ihm verlängern. Die unmoralischen Angebote von Vereinen aus der finanziell viel potenteren Premier League trudeln bereits ein, bald vermutlich in noch höherer Frequenz. Selbst für 200 Millionen Euro Ablöse würde man Olise nicht verkaufen, bekräftigte kürzlich Bayerns Ehrenpräsident Uli Hoeneß.
Aber wie tickt der 24-Jährige, der am Dienstag im Halbfinal-Hinspiel der Königsklasse Paris St. Germain mit seinem Spiel – manche sagen: mit seinen Zaubertricks – entnerven möchte? Gute Frage. Er selbst spricht kaum, meidet Mikrofone. Ist er schüchtern? Scheu? Introvertiert? Möchte er nicht? Macht er sich einen Spaß daraus, lediglich knappe, mit leiser Stimme vorgetragene Antworten zu geben? Ist er auf Krampf anders? Ganz ohne Vergütung spielt Olise in Schuhen des US-Herstellers Nike. Dass er keinen Ausrüstervertrag besitzt und damit auf Millionen-Einnahmen verzichtet, absolut unüblich in der von Money und Marketing getriebenen Branche, passt ins schräge Bild des Michael O. Ein Rätsel, dieser Typ. Ein rätselhaftes Genie.
Eine Annäherung ist lediglich durch Befragung seiner Mitspieler beim FC Bayern möglich. Das Ergebnis ist erstaunlich. Denn Olise, verrät Abwehrspieler Jonathan Tah, ist der Anführer der WhatsApp-Gruppe der Mannschaft. „Er ist der Kommunikationschef“, so Tah, „Michael ist total cool.“ Im internen Team-Chat teilt Olise regelmäßig von ihm produzierte Rap-Tracks mit den Teamkollegen. Er ist der Kabinen-DJ, zieht bei den Trainingseinheiten an der Säbener Straße meist die mobile Bass-Box auf den Platz. Dann dürfen die Profis beim Aufwärmen zum Beispiel das Album des US-Rappers Playboi Carti hören.
Für Landsmann Dayot Upamecano ist Olise „ein Freund, immer gut gelaunt. Unter uns, beim Training oder in der Umkleidekabine, ist Michael sehr offen. Er unterhält sich und lacht mit allen.“ Was auch Aleksandar Pavlovic bestätigt: „Er ist in der Kabine ganz anders, als ihr Reporter ihn erlebt. Er ist ein netter, lustiger Typ, der auch Späße machen kann. Ich glaube, in der Außenwelt ist er nicht ganz so vertreten, aber er ist ein Supertyp.“
Innen und außen – die zwei Welten des Michael Olise, der in London geboren und aufgewachsen ist. Auf dem Platz lässt er seine Füße sprechen. Und obwohl er derart mit Talent gesegnet ist, trainiert er mit Hingabe und Fleiß wie kaum ein anderer. Chefcoach Vincent Kompany ist es „wichtig, was die Spieler jeden Tag im Training machen“. Bei Olise erkennt er eine „totale Ruhe“. Auch auf dem Platz wird er nie hektisch, sucht Lösungen. Oft lächelt er Gegenspieler an, die ihn gerade gefoult haben, oder er ignoriert sie ganz bewusst. Ihr könnt mir gar nichts, Leute! Kompany erwartet, dass der Flügelspieler „noch besser wird und weitere Entwicklungsschritte macht. Als ich Spieler bei Manchester City war, habe ich die Entwicklung solcher Talente gesehen“, sagte der ehemalige Innenverteidiger und vergleicht Olise mit Kevin De Bruyne. Kompanys Landmann verkörperte über Jahre Weltklasse.
Olise ist ein Unterschiedsspieler. Einer, der seine Mannschaft nicht mit Worten, sondern mit Taten führt. Wenn er mal etwas sagt, dann Vorhersehbares. Was die Bayern in dieser Saison so stark mache, wurde er gefragt. Olises Antwort: „Auf jeden Fall unser Trainer – mit seinen Plänen, mit seinen Ideen. Jeder weiß, was er in welcher Situation zu tun hat. Wir sind alle immer auf dem gleichen Stand. Und dass wir zusammen ein Jahr Erfahrung gesammelt haben, das hilft uns. Jeder von uns gibt immer sein Bestes. Wir sind kein Team aus Individualisten, sondern wir arbeiten alle als Kollektiv für ein gemeinsames Ziel.“ Für den Triumph in der Champions League. Und vielleicht sogar für das Triple.
Olise pflegt seine Marotten. Vor dem Aufwärmen kommt er stets kurz aus der Kabine und inspiziert den Rasen. Olise rutscht, meist mit seinem Handy oder einem Coffee-to-go in der Hand, lediglich ein-, zweimal in Badeschlappen oder nur mit Socken über den Rasen. Reicht ihm, er weiß Bescheid. Für den nächsten Schlenzer ins Glück – ähnlich wie der frühere Bayern-Profi Arjen Robben, mit dem Olise nun oft verglichen wird. Während der meist verbissene, super ehrgeizige Holländer Robben über seinen Willen Tore erzwang, erzielt sie Olise mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit und Lässigkeit.
„Michael hat die Latte jetzt selbst so hochgelegt, dass ich fast enttäuscht gewesen wäre, wenn dieser Ball nicht reingegangen wäre“, meinte sein Trainer über den Kunstschuss von Mainz und fügte kopfschüttelnd hinzu: „Das ist total absurd.“ Für Olise total normal.