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Dekolleté: Komm mit ins Busenwunderland

Der tiefe Ausschnitt ist ein schmaler Grat - modisch und gesellschaftlich. Denn das Dekolleté richtig zu präsentieren, unterscheidet die Dame vom Luder. Und wirkt wie ein Airbag gegen harte Zeiten.

Von Stefanie Rosenkranz

Er wogt, er wallt, er quillt, er schwebt, er bebt, er steht. Während im Morgenland die Burka Furore macht, schwappt durchs Abendland der Busen. Nicht der nackte, der einfach so rumhängt, das hatten wir schon 1968. Sondern der inszenierte, der von seiner Besitzerin mit so komplizierten wie teuren BHs und oft genug einer Portion Silikon in Szene gesetzt wird. Mal wirken die beiden guten Stücke aggressiv und prall wie Handgranaten - so bei Pamela Anderson - , mal so kuschelig wie Daunenkissen, dass manche Männer am liebsten ihre Ferien dazwischen verbringen würden - etwa bei der Sängerin und Schauspielerin Jennifer Hudson. Würde sie ihren BH verbrennen, wie es einst die Feministinnen taten, könnte sie mit der Glut ein komplettes Dorf zwei Tage lang beheizen.

Das Dekolleté ist überall - geschnürt, gepresst, gepusht oder leider manchmal auch zerquetscht. Kaum liegt irgendwo ein roter Teppich herum, führen es die Eigentümerinnen spazieren, als wären sie Kokotten am Hofe Ludwigs XV. Man sieht es bei Empfängen und auf Partys, in der Oper wie in der Disco, und auch bei der Eröffnung irgendwelcher Möbelhäuser in Wurmlingen oder Autosalons in Oberhausen. Beim Münchner Oktoberfest, wo das Dirndl als natürlicher Wonderbra fungiert und auch die flachsten aller Damen in sinnliche Busenwunder transformiert, entstehen alle Jahre wieder "die schönsten Berge Bayerns", wie Männer ins Internet keuchen.

Ein Drahtseilakt

Und jedes Mal, wenn ein weiblicher Promi zu einer Gala erscheint, plumpsen ihm die Paparazzi in den Ausschnitt, in der Hoffnung auf ein "Nipple-Gate", und sei es auch noch so klitzeklein.

"Lebenskunst ist die Kunst des richtigen Weglassens, das fängt beim Reden an und hört beim Dekolleté auf ", meinte einst Coco Chanel, und auch: "Das Dekolleté ist jener schmale Grat, auf dem der gute Geschmack balanciert, ohne herunterzufallen." Sie hätte auch sagen können: ohne hinauszufallen.

Der tiefe Ausschnitt ist eine delikate Angelegenheit: Nur wenige Millimeter Stoff trennen ehrbare Staats- oder Hausfrauen vom Boxen- oder Partyluder. "Es kommt darauf an, so ausgezogen zu sein, dass man immer noch als angezogen gilt", sagte die französische Schauspielerin Jeanne Moreau. Zwar hat die Dessous-Industrie sowie die plastische Chirurgie in den vergangenen Jahrzehnten wahre Wunder der Statik vollbracht, um die Schwerkraft zu überlisten. Dennoch besteht immer die Hoffnung - bei allen Männern außer dem Papst - oder die Angst - bei allen Frauen außer Porno-Stars - , dass bei einer hastigen Geste der eine oder womöglich beide Teile entwischen.

Doch woher kommt diese Busen-Obsession? "Er ist wichtig für das Kind, für den Vater, für die Mutter, für den Mann, für die Frau", doziert der französische Arzt Dominique Gros, der Autor zweier äußerst gelehriger Bücher über Frauenbrüste. "Der Busen sagt viel aus über den Zustand einer Gesellschaft." Die unsere, so Gros, sei depressiv. "Wir praktizieren den Kult des Jammerns. Dagegen ist der Busen Beruhigung, Sicherheit und manchmal sogar das Paradies - Christoph Kolumbus, der es sehr lange gesucht hat, ging davon aus, dass es die Form eines Busens habe. Es gibt kein besseres Mittel gegen Depressionen, auch für uns Erwachsene."

In ganz neuem Licht

Das Dekolleté als Airbag gegen harte Zeiten also und damit einhergehend irgendwie auch der Wunsch nach Regression zum Säugling, der gestillt werden will. Wie recht der Busologe hat, durften wir im Frühjahr erfahren. Da wurden wir des makellosen Busens von Angela Merkel ansichtig, den sie anlässlich eines Opernbesuchs in Oslo auf das Kühnste zur Schau stellte, eingerahmt in Rabenschwarz und Petrolblau.

Endlich hatte sich Angela Merkel, die bislang den Sex-Appeal eines Zwiebacks verströmte, als wahre Frau mit echten Kurven geoutet. Sie, die sich zumeist in geschlechtsneutrale Hosenanzüge gewandet, strahlte in Oslo üppigen Glamour mit einem Hauch von Erotik aus.

"Sie hat uns gezeigt, dass sie die ganze Nation an die Brust drücken will", fand die "Mitteldeutsche Zeitung" in einer Analyse des bedeckten und dabei doch entblößten Busens an sich und auch, dass Frau Merkel "in diesem Habitus die Substanz des weiblichen Geschlechts" gezeigt habe. Zum Beleg für diese These bemühte das Blatt den Kulturwissenschaftler Eduard Fuchs, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts geschrieben hatte: "Der Busen der Frau bot sich den Blicken stets so dar, wie ihn die Natur eigentlich nur im Zustand der wollüstigen Erregung seiner Besitzerin zeigt. Eine ständige Erektion des Busens vorzutäuschen, ist also die höchste Schönheitsforderung der Zeit."

Pflegebedürftig

Echt irre, was ein Dekolleté so alles an- und auszurichten vermag: Nie hätten wir uns vor Oslo beim Anblick der Kanzlerin irgendwelchen Gedanken an "wollüstige Erregung" oder "ständige Erektion" hingegeben, eher grübelten wir grämlich über den Zustand des Bruttoinlandsprodukts. Seit Oslo sieht alles anders aus und auch das Bruttoinlandsprodukt irgendwie schöner.

Drum ist es kein Wunder, dass Frauenzeitschriften seitenweise über die Pflege des Dekolletés berichten. Man soll es schmirgeln und eincremen, wechselweise mit heißem und kaltem Wasser behandeln, zur Not Eisbeutel drauflegen und außerdem Gymnastik machen. Doch all das hilft einem guten Zweck. "Der Busen ist zweideutig", so der Busologe Gros. "Er ist mütterlich, er ist erotisch, er dient aller Welt."

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  • Stefanie Rosenkranz