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Folgen der Mondlandung: Ein Anzug, der die Welt veränderte

Kaum ein Fernsehbild ist so berühmt - ein Mensch in einem weißen Anzug im All; vor 40 Jahren kaum fassbar und heute in mancher Hinsicht alltäglich. Denn die Materialien, die Armstrong seine Schritte ermöglichten, sind heute Teil unseres täglichen Lebens.

Von Dennis Voth

Vom All in den Alltag war es ein langer Weg der Forschung, ist doch ein Raumanzug eine hoch komplexe Apparatur, die weit mehr Funktionen zu erfüllen hat, als den Astronauten mit Sauerstoff zu versorgen. Da im Weltraum die schützende Erdatmosphäre fehlt, müssen die High-Tech-Anzüge extreme Temperatur-Schwankungen (von unter Minus 100° Celsius ohne Sonnenlicht und bis über Plus 120° Celsius bei direkter Sonneneinstrahlung) aushalten können und ihn gleichzeitig davor abschirmen. Zudem muss im Inneren stets ein künstlicher Druck herrschen, ansonsten wäre der Astronaut dem Vakuum des Alls ausgesetzt und würde sofort sterben. Ihn umgeben daher bis zu 14 unterschiedliche Lagen von Spezial-Materialien oder Fasern.

Die innerste Lage bildet ein Anzug aus der Kunstfaser Lycra, die von dem amerikanischen Konzern DuPont eigens für die Raumfahrt entwickelt wurde. Die Spezialunterwäsche schmiegt sich eng an den Körper und ist mit einem rund 90 Meter langen, eingenähten Schlauch durchzogen. In diesem Schlauch zirkuliert Kühlflüssigkeit, die den Träger vor Überhitzung schützt. Lycra wird heute in der irdischen Textilindustrie für die Herstellung von Unterwäsche eingesetzt und sorgt hier für Formstabilität, Elastizität und Tragekomfort.

Gore-Tex ist ebenfalls eine Raumfahrt-Faser, die heute bei der Fertigung von Funktionskleidung und Schuhen sehr verbreitet ist. Diese Textilien bestechen durch zwei Eigenschaften: Auf der einen Seite sind sie hoch Wasser abweisend, auf der anderen Seite besonders atmungsaktiv. Weil Gore-Tex-Stoffe eine extrem feine Struktur haben, können Regenwassertropfen nicht eindringen, perlen an der Oberfläche ab. Der beim Schwitzen entstehende Wasserdampf besteht hingegen aus so kleinen Mikro-Tröpfchen, dass diese sehr leicht durch den Stoff nach außen dringen können. Regen spielt natürlich im Weltall keine Rolle. Aber gemeinsam mit der besonders robusten Kevlar-Faser sorgt Gore-Tex für eine extrem widerstandsfähige äußerste Schicht des NASA-Raumanzugs.

Sicherheit für Polizei und Feuerwehr

Kevlar bietet Schutz vor Mikrometeoriten, die durch das All fliegen. Die messen zumeist nur wenige Millimeter, haben aber wegen ihrer hohen Fluggeschwindigkeit eine enorme Durchschlagskraft. Durch seine physikalische Struktur ist Kevlar besonders reißfest und wirkt daher wie eine Ritterrüstung im All. Genau diese Eigenschaft macht man sich auch auf der Erde zu nutzen: schusssichere Westen und die Brandschutzkleidung der Feuerwehrleute werden durch Kevlar verstärkt.

Ein Weltraumanzug muss absolut dicht sein – es darf kein Gas entweichen. Das gewährleistet eine Folie namens Mylar und zwar in mehreren Schichten. Sie misst nur wenige Mikrometer und sorgt, dank einer Wärme reflektierenden Beschichtung aus Aluminium, auch noch für Schutz vor den extremen Temperaturschwankungen des Weltalls. Mylar besteht aus dem robusten PET-Kunststoff, den man von Getränkeflaschen kennt. Auch jeder Fahrzeughalter muss so eine Mylar-Folie als Rettungsdecke in seinem Verbandskasten haben – sie schützt im Ernstfall vor Unterkühlung, Nässe oder Wind.

Mylar ist zwar besonders dicht, dabei aber nicht reißfest. Deshalb wird sie im EMU (Extravehicular Mobility Unit – so heißt der Raumanzug im Fachchinesisch) durch eine weitere High-Tech-Faser verstärkt: Dacron ist zwischen die Mylar-Schichten laminiert und verhindert das Brechen der Folien, wenn der Astronaut seine Gliedmaßen bewegt. Durch seine hohe Formstabilität wird Dacron daher auch bei der Herstellung von Bettzeug geschätzt. So behalten Kissen und Decken ihre Form. Im Segelsport wird es zur Herstellung widerstandsfähiger Segel genutzt.

Weltraum und Unsinn kennen keine Grenzen

Die neueste und vielleicht unsinnigste Anwendung von Weltraum-Technologie stellt die GPS-Unterwäsche des Labels "Lindelucy" dar. Die Trägerin kann sich damit - sofern sie es denn möchte - von ihrem Liebsten per Satellitentechnik orten lassen. Designerin Lucia Iorio hält diese Überwachungs-Dessous allerdings nicht für eine moderne Form des Keuschheitsgürtels: "Diese Kollektion ist ein Augenzwinkern den Frauen gegenüber und eine Herausforderung für den Mann", sagt sie. "Denn auch wenn Frau ihm das Passwort verrät, kann sie das Gerät jederzeit abschalten."

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