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Marc Jacobs im Interview: "Ich heile keinen Krebs - ich mache Schuhe"

Er ist der Stargast der Berliner Fashionweek: Marc Jacobs. Mit stern.de hat der Designer über geschasste Kollegen gesprochen und über eine Branche, in der der Druck auf die Kreativen immer größer wird.

Mr. Jacobs, willkommen in Berlin. Waren Sie schon mal in der Stadt? Einmal, in dem Jahr als die Mauer fiel. Und zwar mit der Designerin Claudia Skoda, die ich aus New York kenne, und ihrem Freund Skip. Ich erinnere mich nicht an sehr viel, nur daran, Zeit mit Claudia und Skip verbracht zu haben und an eine Ausstellung von Otto Dix, die ich gesehen habe. Und an ein Restaurant, das unglaublich verraucht war - man konnte damals noch in ganz Europa rauchen.

In vielen Berliner Bars können Sie immer noch rauchen.

Wirklich? Vielleicht verbringe ich hier in Zukunft mehr Zeit.

Sie sind hier, um den Nachwuchsdesignerpreis "Designers for Tomorrow" des Modehauses Peek&Cloppenburg zu verleihen. Wie kam es zu dieser Kooperation? Das Modehaus kannten Sie doch wahrscheinlich vorher nicht.

Nein, das stimmt. Und ich mache solche Sachen kaum, eigentlich nie. Aber sie kamen auf mich zu und ich war in der richtigen Stimmung, als sie fragten. Es schmeichelte mir. Ich finde, dass dieser Award für Nachwuchsdesigner eine schöne Sache ist.

Weil Sie selbst auch als Gewinner von Nachwuchspreisen ihren Weg gemacht haben?

Ja, eine solche Gelegenheit für junge Designer ist sehr wichtig: Sie bekommen öffentliche Aufmerksamkeit. Wir Designer tun diese Arbeit ja nicht für uns - ich meine, natürlich machen wir es auch für uns, aber im Endeffekt tun wir es für andere. So ein Award ist eine erste gute Möglichkeit, gesehen zu werden, die eigene Arbeit zu zeigen.

Erfolgreich zu sein bedeutet auch, dass man an bestimmten Punkten im Leben Glück hat. Welche Momente waren das bei Ihnen?

Ganz sicher Robert Duffy zu treffen, meinen inzwischen langjährigen Geschäftspartner - das war eine wundervolle Fügung. Und auch, dass Bernard Arnault mit Louis Vuitton in mein Leben getreten ist. Das waren wohl die zwei wichtigsten Glücksfälle. Aber solche Möglichkeiten ergeben sich nur, wenn man gut vorbereitet ist. Als ich Duffy getroffen habe oder Arnault, war ich bereit dafür. Bereit, die Gelegenheiten zu ergreifen, die sie mir boten. Es ist nicht nur Glück gewesen. Die Dinge fallen einem nicht einfach in den Schoß. Man muss aus einer Situation auch seinen Vorteil ziehen können.

Robert Duffy wählte Sie damals aus, weil er auf der Suche nach jungen Designern war. Genau, er hat für eine Firma in der Seventh Avenue in New York gearbeitet und dort wollte man eine Abteilung für zeitgenössische Mode gründen. Eigentlich sollte ein bekannter Designer dafür geholt werden, aber Duffy bat sie, mir eine Chance zu geben. Er hatte meine Arbeit in der Designschule Parsons gesehen und fand, dass ich Talent hatte. Er war wirklich mein größter Förderer: Er überzeugte seine Firma einem unbekannten Studenten die Möglichkeit zu geben, eine Kollektion zu machen - das war mein beruflicher Start.

Würden Sie sich auch heute noch für eine Karriere in der Mode entscheiden?

Ja, kein Zweifel. Es gibt nichts anderes, was ich tun möchte. Ich bin kein frustrierter Schauspieler oder Sänger oder Künstler. Ich liebe Mode, ich liebe das, was ich tue. Ich könnte mir keinen Job vorstellen, den ich lieber machen würde.

Keine Kritik oder Wehmut, wenn Sie an die Modebranche früher und heute denken?

Ach, sie hat sich auch nicht mehr verändert als andere Bereiche. Jede Branche, jeder Beruf, beruht doch letztendlich auf Wettbewerb. Es gibt sehr viele Leute da draußen, die weiter kommen wollen in ihrem Job, das ist harte Arbeit, Glück, Vorbereitung. Aber es ist egal, ob das Schriftsteller, Musiker oder Künstler sind - es ist überall das Gleiche. Die Modebranche ist nicht anders. Trotzdem hat man das Gefühl, dass nichts mehr Neues passiert in der Mode. Vielleicht war auch einfach schon alles da.

Stört sie das nicht?

Ich sehe das nicht so. Das Leben ändert sich, es hat keinen Sinn, sich dagegen zu wehren, das ist Energieverschwendung. Ich liebe es, Dinge zu tun. Ich setze mich nicht hin, um mir den neusten Look auszudenken, den neuesten Schuh, das noch nie dagewesene Kleid - ich mache einfach schöne Sachen. Jedes Mal, wenn ich in einem Designmeeting mit meinem Team bin, gibt es etwas, das mich inspiriert - mir ist das genug. Vielleicht wollen andere alles neu erfinden, ich nicht - meine Sachen sind aber eben auch nur mein Vorschlag an die Welt.

Sie sind mit Schuld, dass es so eine Schwemme junger Leute gibt, die Designer werden wollen, und nicht Schnittmeister oder Schneider. Durch Ihren Star-Status machen Sie den Job besonders reizvoll ...

Ich wollte kein Designer werden, um berühmt zu werden. Sollte das für jemanden der Grund sein, dann ist das seine Sache. Dafür kann ich doch nichts. Ich liebe es, Schauen vorzubereiten und zu inszenieren, ich liebe es, zu arbeiten. Die Herausforderung ist für mich, etwas zu entwerfen, was benutzt, was getragen wird von den Menschen. Ich bin kein Bildhauer, kein dekorativer Künstler; ich heile keinen Krebs - ich mache Schuhe, die getragen werden sollen.

Die Industrie aber hat ein Problem, wenn alle plötzlich Designer werden wollen. Es gibt eine unglaubliche Fülle von Ausschreibungen und Designpreisen für den Nachwuchs, aber nicht annähernd so viele Jobs.

So war das doch immer: Mädchen wollen Models werden, oder Schauspieler, und wer ahnt schon, wie viele Leute davon träumen, Popstar zu sein? Sie sehen die Bilder vom glamourösen Leben, sie glauben, was sie an Aufregendem über uns lesen. Das ist sehr kurzsichtig - sie übersehen dabei, wie viel harte Arbeit wir leisten.

Was ist das Härteste an dieser Arbeit? Vieles, überall warten Hürden und Hindernisse. Tägliche Frustrationen, wöchentliche, monatliche. Aber nichts auf dem Weg zu einer Kollektionsschau muss unüberwindbar sein, es gehört eben dazu, ich verstehe das. Von A bis Z macht mich so einiges betrübt, aber am Ende geht es doch immer gut.

Ist es denn heute schwerer als vor zehn Jahren?

Der Druck mag größer sein, es steht mehr auf dem Spiel, ich mache mir mehr Gedanken und Sorgen. Aber eigentlich hat sich nicht so viel geändert. Die Herausforderungen sind dieselben, aber auf einem höheren Level - das Publikum ist größer, die Geschäfte sind wichtiger, die Aufmerksamkeit, die wir bekommen, aber was hilft es mir, darüber nachzugrübeln?

Was unterscheidet Sie von dem Marc Jacobs vor 20 Jahren?

Ich arbeite mehr, bin noch beschäftigter - aber eigentlich habe ich immer sehr viel gearbeitet. Der Druck, der auf mir lastet, ist im Wesentlichen selbstverschuldet. Ich kann mich nie auf meinem Erfolg ausruhen. Ich will immer besser werden als beim letzten Mal. Das ist schwerer heute.

Es scheint so. In den letzten zwei Monaten haben sechs Designer ihren Arbeitsplatz verloren. Haben die nicht gut genug funktioniert?

Über die Einzelheiten weiß ich auch nicht mehr als andere. Ich selbst hatte vermutlich sehr viel Glück, denn ich hatte meinen Partner Robert Duffy und ein Team, das zu mir stand und mich ermutigte, als ich in Schwierigkeiten geriet. Ich war nicht allein. Die Unternehmen, für die diese gefeuerten Designer arbeiteten, waren wohl nicht geduldig; es ist schwer, ein gemeingültiges Urteil über alle zu fällen. Mr. Arnault zum Beispiel war sehr geduldig mit mir - aber vielleicht auch, weil ich kommerziell so erfolgreich war bei Louis Vuitton. Darum glaubte man eben auch in schlechteren Momenten weiter an mich.

Was geben Sie einem Jungdesigner heute als Ratschlag mit auf den Weg?

Glaube wirklich an dich selbst, traue deinen Instinkten und suche dir Menschen, die dich unterstützen, denen Du vertraust. Lass dich nicht von den Hindernissen frustrieren - sie gehören zum Leben dazu. Ich kenne niemanden, der weit damit gekommen wäre, indem er herumsaß und auf bessere Zeiten gewartet hat.

Interview: Dirk van Versendaal, Christine Zerwes