Prêt-à-Porter Paris hängt Mailand ab


Die Mode, die über die Laufstege der Pariser Prêt-à-Porter-Schauen für Frühjahr/Sommer 2006 rauschte, hatte ausnahmsweise viel mit dem "wahren Leben" zu tun. Aber ein bisschen Träumerei war auch erlaubt.

Paris hat modisch wieder die Nase vorn. Nach über 80 Defilees der Damenkollektionen für Frühjahr/Sommer 2006 schien es zum Abschluss der Schauenwoche, als habe man die ewige Konkurrenz Mailand abgehängt. Grund Eins: Viele Journalisten und Einkäufer kamen nach den eher müden Mailänder Schauen ernüchtert nach Paris. Da konnten die französischen Designer nur gewinnen. Grund Zwei: Die mächtige US-Vogue hat jüngst eine Liste veröffentlicht mit den dem Magazin zufolge sieben wichtigsten Modemachern der Welt. Abgesehen von der Italienierin Miuccia Prada und dem Amerikaner Narciso Rodriguez, zeigen fünf davon in Paris. Und Grund Drei, der mit Eins und Zwei vielleicht zusammenhängt: Da die Chefin der US-Vogue Anna Wintour zudem angekündigt hatte, in Mailand nur vier Tage zu bleiben, legten viele ihr Defilee in diese Zeitspanne. Das Programm war dicht gedrängt und kaum zu schaffen. In Paris hingegen, wo Wintour die ganze Woche blieb, konnte man entspannt bleiben.

Drei der auf dieser "Bestenliste" Genannten sorgten am Sonntag für einen krönenden Abschluss. Allen voran der Amerikaner Marc Jacobs, der für das französische Luxushaus Louis Vuitton designt und nach der Schau eine rauschende Party feiern durfte. Vuitton, starker Umsatzbringer des Luxuskonzerns LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy), lud anlässlich der Eröffnung der bisher größten Boutique der Marke an den Champs Elysées ins Petit Palais. Top-DJs legten auf, während der Champagner in Strömen floss und die Gäste fast wie am Hof von Ludwig XIV um die Wasserbassins des Innenhofs wandelten oder eine Kunst-Installation mit (echten) halb nackten Frauen bestaunten.

Ein Sammelsurium an Inspirationen

Auch die Kollektion, die Jacobs zuvor zeigte, rauschte. Zu ohrenbetäubender Musik bot Jacobs ein Sammelsurium an Inspirationen, verwandte die Farbpalette des großen Yves Saint Laurent (Schwarz, Rot, Weiß, Türkis und Pink), die Raffungen des begnadeten Azzedine Alaïa, streute Klimpersteine über die Entwürfe oder behängte sie mit Fransen. Superkurz sind seine geraden Miniröcke, scharf auf den Körper konstruiert die Jacken. Ponchos, Radlerhosen und Badeanzüge komplettieren diese ideenreiche Kollektion.

Sehr konzentriert wirken hingegen die Entwürfe von Alber Elbaz für Lanvin (ebenfalls auf der Vogue-Liste). Perfekt geschneiderte Etuikleider mit Röcken in Tulpenform erinnern an die 60er Jahre. Schwarz, Grau und Weiß dominieren, werden jedoch durch knallrote hohe Lackpumps kontrastiert. Elbaz bewies auch mit japanisch anmutenden Wickelkleidern sein großes Können.

Pilati will Frauen schmücken

Stefano Pilati zeigte seine dritte Kollektion für das Haus Yves Saint Laurent. Und auch er gehört zu den "glorreichen Sieben". Unaufgeregt verfolgt er seine Linie, voller Respekt für die Traditionen der Marke. Pilati will Frauen schmücken, und so besetzt er schmale schwarze Kleider mit Pompons am Saum und mit Rüschen am Blusenkragen. Abendsmoking und pinkfarbene Seidenträume bildeten das große Finale. Allerdings leiser als bei Vuitton. Dort hinterließ die opulente Feier angesichts des verheerenden Erdbebens in Südasien bei einigen dann doch einen seltsamen Beigeschmack.

Viel "wahres Leben"

Für die kommende Saison wird es Frau leicht fallen, sich eine trendy Garderobe zusammenzustellen. Die Mode der Pariser Prêt-à-Porter-Schauen für Frühjahr/Sommer 2006 hatte ausnahmsweise viel mit dem "wahren Leben" zu tun.

Bei den Kleidern haben sie die Wahl zwischen taillierten Modellen mit schwingendem Rock oder der Empire-Linie mit hochgezogener Taille. Knapp knielang sollten die Röcke sein, in Glocken- oder Tulpenform. Eine weite Bluse mit Rüschen gehört auch dazu sowie eine kurze Bolerojacke. Und auf jeden Fall - dies vielleicht noch das ungewöhnlichste Element - ein Paar Shorts. Zahlreiche kurze Hosen waren in Paris zu sehen, doch fallen sie locker und werden gnädig zum längeren Mantel kombiniert. Bei den Farben dominieren Weiß, Crème und Beige, Pastell und ein an Roggen erinnerndes Grüngelb. Feine Details wie Häkelspitze oder Drapierungen sollten nicht fehlen.

Superschick ohne in Coolness abzugleiten

Besonders gelungen wirkten die Details in der Schau des Luxushauses Hermès am Samstagnachmittag. Fließende Kleider mit gedrehten Trägern und breitem Ledergürtel in leuchtendem Goldorange oder Mokka erinnerten an die aufwendigen Griechenroben der Modeschöpferin Alix Grès. Andere Entwürfe in Nachtblau kombinieren ein schlichtes Tanktop zum perfekten Plisseerock. Subtil variiert Modemacher Jean Paul Gaultier ein Safari-Thema in Erdtönen, kombiniert Tunikajacken zu langen Hosen oder zeigt einfach schöne Farbharmonien mit dem karamellfarbenen Lederrock zum fliederfarbenen Oberteil und einer kiwigrünen Strickjacke.

Eine der wohl besten Schauen der vergangenen Woche war die von Chloé. Designerin Phoebe Philo ist aus ihrer (kurzen) Babypause zurück, und sie wird mit ihren Entwürfen den Kultstatus des Labels wohl noch verstärken. Die Modelle wirken superschick, ohne in zu viel Coolness abzugleiten. Strahlendes Weiß dominiert bei ländlichen Spitzenblusen, Glanzröcken mit Kreismuster und Mini-Kleidern mit Spitzenvolants. Dazwischen gibt es stärkere farbliche Statements wie einen leuchtendorangefarbenen Mantel über einem schwarzen Kleid im Stil der 60er-Jahre. Gezielt setzt Philo handwerkliche Elemente wie Plissierungen oder Klöppelspitze ein. Ihre Mode wird zur Zeit vielfach kopiert, doch die Britin weiß, wie sie die Originale "signieren" muss.

Marguerite Duras' Roman "Der Liebhaber" als Inspiration

Eine weitere "Top-Schau" lieferte der prominent besetzte Mode-Samstag mit dem Defilee von Kenzo. Designer Antonio Marras zeigte einen nostalgischen Marine-Look, vermied jedoch dabei das allzu Matrosenhaft-Sportive. Inspirieren ließ er sich von Marguerite Duras' Roman "Der Liebhaber". So traten schmale elegante Kleider in Weiß- Blau-Rot mit Streifenstrümpfen und kurze Jacken mit großem Kragen im Stil der 20er und 30er Jahre auf.

Hinzu gesellten sich tropische Elemente, flatternde Blütenstoffe, Häkelspitze und die Sonnenschirmchen kolonialer Ladys. Und natürlich das Mädchenhafte und gleichzeitig Frivole von Duras' Erzählerin, die ihren viel älteren Liebhaber im damaligen Indochina auf einer Fähre kennen lernt. Bei Kenzo bahnte sich zum Schluss ein Schiffsmodell den Weg durch die maritime Kulisse, auf dem alle Mannequins versammelt waren. Und mit diesem großartigen Bild hielt dann doch ein wenig Träumerei Einzug bei diesen sonst so bodenständigen Schauen.

Stefanie Schütte/DPA DPA

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