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Revivalmode: Das ist alles nur geklaut

Alle Jahre wieder kommen Christkind, Osterhase und irgendwas von den Beatles, und alle Jahre kommt eben auch wieder, was erstmal gar nicht danach klingt, weil es ja immer neuer als neu sein soll: Die Mode. Und zwar die, die wir schon kennen.

Von Marc Fischer

Dieser hübsche rosa Anzug, den der Herr auf dem unteren Bild trägt, heute, im Jahr 2007 - tut der nur so, als sei er Sonny Crockett aus 'Miami Vice' circa 1986 oder ist er es vielleicht wirklich? Dieses nette schwarze Kleid, dass das nette weiße Fräulein in der Fotostrecke trägt, heute, im Jahr 2007 - ist Coco Chanel vielleicht gar nicht tot und hat sich nur ein paar Jahre im bolivianischen Dschungel versteckt, weil ihr Paris auf die Nerven ging? Could it be?

Genau: Es geht um das Revival. Um das, was uns nicht nervt, wenn es in der Musik (Brit-Pop-Revival), im Film (Agenten-Revival) oder in der Literatur (Boy-meets-girl-Revival) passiert - und um das, was ganz schnell mal nervt, wenn man es nicht bloß hören, sehen oder lesen soll, sondern anziehen. Aktuell wären das: Die schon erwähnten Pastellanzüge (Miami, 1986), Bomberjacken (London, 1953), Blousons (München, 1981), der klassische Zweireiher (Berlin, 1917), Leggings (Malibu, 1976), Yachtschuhe (Hamburg-Wellingsbüttel, 1983), gerade noch die Röhrenjeans (Budapest, 1975) und generell alles in Neonfarben (Sankt Moritz, 1980).

Die Schnitte und Stoffe von heute mögen, je nach den Schnitten und Stoffen von früher, schmaler, weiter, schwerer, leichter sein ("moderner" heißt es oft) aber wären die Designer ehrlich, würden sie ganz schnell bei der NASA anrufen und den Wissenschaftlern dort sagen, dass sie nicht weiter an der Zeitmaschine bauen müssen, um in die Vergangenheit zu reisen - es reicht völlig, wenn sie sich den richtigen Pullover anziehen. Den mit dem Rautenmuster aus der Kindheit zum Beispiel, der damals 9,90 DM bei Karstadt gekostet hat und in der Cashmere-Version von Raf Simons jetzt 800 Euro kostet, obwohl er nur unwesentlich größer ist.

Warum immer wiederkommt, was wir schon kennen? Schlaue These 1: "Alles dreht sich im Kreis", sagt Nietzsche. Also auch die Mode. Schlaue These 2: Was der Bauer nicht wieder erkennt, das frisst er nicht. Schlaue These 3: Viel mehr als Arme, Beine und ein bisschen Oberkörper zum Verkleiden sind nun mal nicht dran am Menschen, da sind die Variationsmöglichkeiten der Schneider begrenzt. Müßig aber, sich Gedanken um das WARUM des Revivals zu machen: Es ist da und wird immer da sein. Viel entscheidender ist die Frage: WIE gehen wir mit dem Revival um? Unterwerfen wir uns dem Modefasching und laufen wie Clowns herum, oder starten wir eine Revolution und kämpfen dagegen an, dass uns Secondhandentwürfe zu neuen Preisen verkauft werden? Wäre das nicht vielleicht ein Anfang, endlich mal die viel zitierten inneren Werte wiederzuentdecken und auszubauen; läge darin nicht die große Chance für eine bessere, weniger oberflächlichere, friedlichere Zukunft für uns alle?

Nein. Keine Chance. Eher schaffen wir den Hunger, das iranische Atomprogramm und Nordkorea ab, als dass wir die Mode besiegten. Es sei denn, wir rufen noch mal bei der NASA an und sagen den Jungs, sie sollen das Geld, das sie bei der Zeitmaschine sparen, wieder ins Raumfahrtprogramm stecken und 90 Prozent der Schwulen und 100 Prozent der Frauen zum Mars schießen um den ersten Außenposten aufzubauen. Uns bleibt nur ein Ausweg, wenn wir in den Revivalklamotten unsere Würde behalten wollen: Wir dürfen sie nicht wie Revivalklamotten tragen (also ironisch), sondern so ernst und überzeugt, als handle es sich um das allerneuste, allerwichtigste Ding, das auf der Welt für Geld zu haben ist: "Was redest du da? Schlaghosen soll's schon mal gegeben haben? Wo hast du den Quatsch denn her, Dicker? Bist du besoffen, oder was?"

Fotograf: Blasius Erlinger, Mitarbeit: Murray Hall, Alex Larson; Produktion: Elke Reinhold, Mitarbeit: Anne Rhode; Hair & Make-up: Stefanie Schumann; Producer: Paul Carvajal; Models: Viktoria Pleshakova @ Front Management Miami, Jessica Carrigan @ MC2 Miami, Johan Urb @ Ford Los Angeles, Eric Padilla @ Irene Marie Miami