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Record Store Day: Ein Tag in Hamburgs legendärstem Plattenladen: Hier steht die Zeit noch still

"High Fidelity" im Hipsterviertel: Der Plattenladen Zardoz im Hamburger Schanzenviertel ist seit Jahrzehnten Kult und Wallfahrtsort für Vinylfreunde. Selten war der Hype um die Schallplatte so groß wie jetzt. Was bedeutet das für so einen Shop?

Record Store Day: Plattenladen Zardoz in Hamburg

Plattenladen Zardoz in Hamburg: "Für uns ist 365 Tage im Jahr Record Store Day"

stern.de

Es ist der erste wirklich warme Tag des Jahres. Im Plattenladen Zardoz mitten im Hamburger Schanzenviertel verlieren sich nur ein paar wenige Kunden, als uns Douglas Campbell empfängt. So leer sei es hier nur selten, sagt der Mitarbeiter fast wie zur Entschuldigung, aber das kann der Autor dieser Zeilen als regelmäßiger Kunde ohnehin bestätigen. Campbell ist ein freundlicher Mann Ende 40, der gerne von seiner Leidenschaft für Vinyl erzählt. Wir glauben ihm sofort, als er erzählt: "Ich arbeite hier, weil ich als Kunde damals auffällig wurde."

Treue Kunden wie Campbell damals einer war, gibt es bei Zardoz schon immer und bis heute. Sie stehen am Verkaufstresen und tauschen sich mit den Verkäufern aus, sie stehen mit Kopfhörern an der Abhörstation, sie stöbern für Stunden und tauchen nach Perlen. Wahrscheinlich wird es ihnen wie Campbell gehen, der sagt: "Ich finde in jedem der Welt eine Platte, die mir gefällt."

Zardoz: Henry Rollins war auch schon hier

Genau so kommen Kunden aus aller Welt zu Zardoz, um hier vielleicht zu finden, was sie schon lange suchen. Weit über Grenzen hinaus gilt der Shop als "Kult", wird dem inflationär gebrauchten Begriff aber auch gerecht: dank fantastischer Auswahl und hingebungsvoller Mitarbeiter. Auch Rockstars wie Henry Rollins oder Thurston Moore haben hier schon eingekauft. Rock laufe bei den Kunden traditionell am besten, sagt Campbell, danach finde Indie & Wave die meisten Käufer. Besonders gut sortiert sei Zardoz in den Genres Avantgarde und Jazz.

Wie geht es so einem legendären Laden in Zeiten des großen Vinyl-Hypes? Es sei gar kein so großer Unterschied festzustellen, so Campbell, Zardoz habe immer treue Kunden gehabt. Bis heute sei der Laden eigentlich ein Anachronismus: "Wir horten keine Reichtümer, aber wir können überleben." Nicht zuletzt, weil den Kunden beim Betreten des Verkaufsraumes dieser Vibe überkommt, dass hier die Zeit still zu stehen scheint. Das Szeneviertel vor der Tür verändert sich immer rasanter, aber bei Zardoz sieht es immer noch so aus, wie es hier auch schon in den 70ern, 80ern oder 90ern hätte aussehen können.

Und doch war die Zukunft des Shops zuletzt ungewiss: Zardoz muss umziehen ins nahe gelegene Karolinenviertel. Der neue Eigentümer hatte den Mietvertrag nach 15 Jahren gekündigt. Auch wenn das leider im Rahmen der fortschreitenden Gentrifizierung des  inzwischen ein relativ "normaler" Vorgang ist, war man bei Zardoz doch verärgert über das Vorgehen: "Man hat uns einfach vor vollendete Tatsachen gestellt", sagte Betreiber André Sorgenfrei damals der "Hamburger Morgenpost". "Wir hatten keine Chance mit jemanden zu sprechen oder gar eine Mietverlängerung zu bekommen."

Das stellte sich für Zardoz aber schon bald als Glück im Unglück heraus: Zwar bedeutet der Umzug in die Marktstraße, dass man bald in die unmittelbare Nachbarschaft von fünf (!) weiteren Plattenläden zieht, aber Campbell freut sich darüber. "Wir haben keine Konkurrenz", sagt er, "nur Kollegen." Man tausche sich aus und belebe sich gegenseitig: "Wir schicken die Kunden auch mal in einen der anderen Läden, wenn sie ganz dringend die eine bestimmte Platte suchen, die wir gerade nicht da haben."

Wir sprechen Campbell auf das - nicht erst seit Nicks Hornbys Romanklassiker "High Fidelity" - weit verbreitete Image des arroganten und unfreundlichen Plattendealers an. "Ich kann das bestätigen", sagt er und lächelt. Er persönlich habe aber keine Lust, sich elitär abzuheben. Was ihn aber nerve, seien Kunden, die zum Beispiel fragen, ob sie Platten der Beatles unter T (für "The Beatles") oder B finden würden: "Unter T würde ja bedeuten, dass zwei Drittel aller unserer Platten unter T einzuordnen wären."

Record Store Day: Zardoz ist nicht dabei

Noch ärgerlicher sind für Campbell jene Kunden, die Platten aus dem Fach nehmen und anschließend an falsche Stelle wieder einordnen. Er ist sehr um die alphabetische Ordnung im Laden bemüht. Mehrmals täglich dreht er seine Runden durch den Verkaufsraum und prüft die richtigen Reihenfolgen. Es gebe Läden, die das Prinzip "Kraut und Rüben" zum System gemacht hätten, aber: "Wir sind sehr strukturiert."

Der Umzug zum 1. Mai dürfte deshalb problemlos über die Bühne gehen - und eine neue Ära in der über 30-jährigen Geschichte von Zardoz einleiten. Campbell hat noch Ideen und Visionen für die Zukunft, er würde zum Beispiel gerne kleine Konzerte im Laden veranstalten. Vorbild für ihn wären die US-amerikanischen "Tiny Desk"-Konzerte, die für Campbell "an Schönheit und Intimität nicht zu überbieten" seien. Aus der Konzertreihe empfiehlt er besonders den Auftritt des Rappers Tyler, The Creator.

Der Laden, in dem die Zeit still steht und wo sich alles anfühlt wie in einer (besseren) Vergangenheit, blickt also optimistisch in die Zukunft in neuer Umgebung. Hypes und Trends können Campbell und Kollegen ohnehin nichts anhaben.

Am Record Store Day, der am heutigen Samstag stattfindet, nehme man deshalb nun schon zum dritten Mal in Folge nicht teil, sagt Campbell. Der Tag sei eine Idee der Industrie, mit der man in der Vergangenheit schlechte Erfahrung gemacht habe: "Da kommen Leute in den Laden, die hat man hier 364 Tage nicht gesehen - Gott sei Dank. Und die kaufen dann plötzlich nicht eine, sondern fünf Exemplare der gleichen Platte (die anlässlich des Record Store Days in limitierter Auflage neu- oder wiederveröffentlicht wurde - Anm. d. Red.). Und es dauert keine zwei Stunden und dann kannst du im Internet sehen: Aha, da wird sie angeboten - und kostet jetzt das Doppelte."

Mit solchen Sitten haben sie bei Zardoz nichts am Hut. Warum sollten sie auch? "Für uns ist 365 Tage im Jahr Record Store Day", sagt Campbell.

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