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Teaser Norderstedt
Podcast Folge 4

NEON-Kurzgeschichte "Norderstedt": Wenn du in einer glücklichen Beziehung lebst – und trotzdem deinem Ex schreibst

Vom unbeschwerten Neustart in der Großstadt ist für Fiona nicht mehr viel übrig: Sie wurde um 9000 Euro betrogen und ihre Wohnung entpuppt sich schnell als Drecksloch. Nur mit ihrem neuen Freund Lenny läuft es gut. Eigentlich. 

Fiona hatte den Sommer ihres Lebens. Ihr Glas war immer halbvoll, und zwar in jeder Hinsicht. Sie feierte die Wochenenden durch und verschwendete die freien Tage im Park. Sie hatte während ihres ersten Jahres in Hamburg schon mehr Leute kennengelernt als in Norderstedt nach zwanzig Jahren. In Lenny war sie so verliebt wie noch nie zuvor in niemanden. Bei ihm konnte sie sich fallen lassen. Den Rest der Zeit ließ sie sich treiben. Nie hätte sie gedacht, dass in Hamburg so oft die Sonne scheint.

Sie hätte sich auch den Kopf zerbrechen können, zum Beispiel wegen des schlechten Gewissens gegenüber ihrem Ex-Freund Max, ein schlechtes Gewissen, das sie immer noch regelmäßig einholte, vor allem nachts. Aber sie wollte sich von dunklen Gedanken nicht den Mut rauben lassen – den Mut zur neuen Liebe, zum neuen Leben und zur Verfolgung ihrer Träume – und ignorierte sie deshalb nach bestem Gewissen. Seit sie ihr Manuskript an einen Zuschussverlag verkauft hatte, der sie prompt um knapp 9000 Euro prellte, hatte sie Schulden zu begleichen. Ihre drei Jobs reichten nun kaum noch aus, um über die Runden zu kommen. Und dass ihr Traum von der Schriftstellerei deshalb auf Eis lag, wollte sie sowieso nicht wahrhaben. Sie lebte jetzt in Hamburg, sie liebte Lenny und ihre neue Wohnung, und sie schrieb einfach immer weiter.

Wie früher, als Fiona stundenlang vor dem Kaufhausregal stehenbleiben konnte, bis ihre entnervte Mutter endlich das Stofftier kaufte, verbiss sie sich nur noch fester in den Traum vom eigenen Buch. Sie nahm sich "Norderstedt", ihren halbautobiografischen Roman von dem Mädchen, das aus der Vorstadt in die weite Welt hinauszog, noch einmal vor und drehte ihn auf links: mehr Drama, mehr Spannung, weniger Friede, Freude, Eierkuchen – Großstadtleben eben. Lieber ein paar heftige Wendungen als ein Happy End.

Noch einmal schrieb sie alle Verlage an, die das Manuskript bereits Monate zuvor abgelehnt hatten. Sie habe den Text noch einmal gründlich überarbeitet, ließ sie die Lektoren im Anschreiben wissen. Sie wusste nicht, wie hoffnungslos ihr Unterfangen trotzdem war. Sie konnte nicht ahnen, dass Absagen von Buchverlagen, sind sie erst einmal getätigt, für alle Zeiten und unwiderruflich gelten.

Aber Fiona war nicht bereit, ihren Traum aufzugeben. Ich bin jung, dachte sie, und wenn ich jetzt nicht an mich glaube, wann dann? Ihre frühere Unsicherheit bezüglich ihres Talents war längst einem selbstsicheren Trotz gewichen. Hamburg hatte sie härter gemacht. Und das lag auch an ihrer Wohnsituation.

"Du musst hier raus", sagte Lenny irgendwann und meinte es gut. Während es Fiona von Tag zu Tag besser gelang, die Katastrophen, die sich in ihrem Haus abspielten, zu verdrängen, machten sie Lenny mit jedem Besuch mehr Sorgen. Diesmal hatte er den Notarzt rufen müssen, weil er im Hausflur bei den Briefkästen, wo es ohnehin immer nach Kotze und Frittiertem roch, über Nachbar Manni gestolpert war, der bewusstlos und mit blutender Nase zwischen den Prospekten der Pizza-Lieferanten auf dem Boden gelegen hatte.

"Jetzt mach dich mal nicht verrückt, Schatz", sagte Fiona. "Manni hat ungefähr jede Woche eine Überdosis."

Lenny sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren: "Sag mal, was ist eigentlich los mit dir?"

In letzter Zeit hatte sich die sonst so warmherzige Fiona einen Zynismus angeeignet, der ihr ganz und gar nicht gut stand, wie Lenny fand.

Fiona fiel jetzt immer häufiger aus der Rolle. Manchmal konnte Lenny sich darüber amüsieren, zum Beispiel an ihren gemeinsamen "Bachelor"-Abenden. Wenn sie über die Teilnehmer der RTL-Kuppelshow lästerten, regte sich Fiona neuerdings aber etwas zu aggressiv über die lächerlichen Gestalten im Fernsehen auf. Die buhlenden Ladies bezeichnete sie dann schon mal als "Huren" oder "Schlampen" – Ausdrücke, die sie normalerweise unter keinen Umständen gebrauchte.

Lenny nahm es zunächst nicht allzu ernst. Vielleicht muss sie einfach mal Dampf ablassen, dachte er, und lächelte lieber in sich hinein. Solange sie zuhause auf der Couch fluchte, hatte er kein Problem. Es gab aber auch Momente, in denen er am liebsten im Boden versunken wäre – zum Beispiel, wenn sie in ihrem Lieblingsburgerladen zu Abend aßen und Fiona das Fleisch ihres Classic Cheese Burger als viel zu durch empfand.

"Probier mal", sagte sie und schob ihren Teller über den Tisch. "Geht gar nicht."

Lenny wusste, dass es nur eine Möglichkeit gab, die Katastrophe eventuell abzuwenden, also biss er ab und sagte noch mit vollem Mund: "Nee, der ist genau richtig."

Fiona tippte sich an die Stirn: "Du hast keine Ahnung."

Anschließend winkte sie den Kellner an ihren Tisch und schimpfte: "Könnt ihr nicht mal mehr einen ordentlichen Burger hinkriegen?"

Fiona selbst bemerkte gar nicht, wie es in ihr brodelte. Wenn sie ehrlich war, merkte sie gar nichts in diesen Tagen. Nicht einmal, dass es eigentlich nicht so recht zu ihrem neuen Leben passen wollte, dass sie eines späten Abends diese Whatsapp-Nachricht an Max schickte. Sie war ein bisschen angetrunken und hatte doch nur kurz an ihn denken müssen. Na und?

"Geht’s dir gut?", schrieb sie, als sie schon im Bett lag, und: "Liebe Grüße aus der großen Stadt ;-)", versehen mit einem Zwinkersmiley.

Am nächsten Tag kam eine nette Antwort von Max. Es gehe ihm gut und er habe jetzt einen tollen neuen Job: "Liebe Grüße zurück aus der Heimat ;-)", ebenfalls versehen mit einem Zwinkersmiley.

Lenny lag neben Fiona auf der Couch, als ihr Handy vibrierte. Er erhaschte einen Blick auf das Display.

"Ähm", sagte er, "gibt es irgendwas, das ich wissen sollte?"

Fiona ärgerte sich darüber, dass sie sich ertappt fühlte. Sie hatte sich doch nichts gedacht bei der Whatsapp an Max.

"Nö", nuschelte sie.

"Hast du noch Kontakt zu deinem Ex?", fragte er trotzdem. Und auch wenn Fiona schon in derselben Sekunde merkte, wie dumm diese Reaktion war, konnte sie sich nicht beherrschen und fuhr ihn an: "Sag mal, hast du irgendein Problem mit mir?"

Lenny lachte wie jemand, der eigentlich lieber weinen will: "Ich bin dein Freund", sagte er, "ich werde doch wohl fragen dürfen."

"Ich will mir nicht überwacht vorkommen", sagte Fiona. Sie merkte, wie das Loch, das sie sich buddelte, immer tiefer wurde.

Lenny nahm sie ins Visier. "Wie bitte?"

Fiona zuckte mit den Schultern. "Naja, ich fühle mich dann eingeengt."

"Ich habe keine Ahnung, wovon du redest."

Sie fuchtelte mit ihrem Handy vor seiner Nase herum: "Muss ich jetzt schon Angst haben, dass du heimlich meine Chats liest?"

Lenny tippte sich an die Stirn. "Spinnst du, Schatz?"

Fiona schämte sich längst für ihren Auftritt. Aber sie konnte nicht mehr aufhören.

"Sorry",  sagte sie. "Aber ich muss von dir erwarten können, dass du mir vertraust."

Lenny lächelte wie jemand, der das Gegenteil meint: "Alles gut, Schatz."

In den nächsten Tagen fand Fiona keine Ruhe. Nachts machte sie kein Auge zu und fragte sich, was mit ihr los war. Warum hatte sie Max diese SMS geschrieben? Diese Frage beschäftigte sie so sehr, dass sie sogar die Arbeit an ihrem Roman für den Moment auf Eis legte. Sie konnte sich ohnehin nicht konzentrieren.

Wie immer brauchte es Birte, damit Fiona wieder klar sehen konnte.

"Was wohnen in diesem Haus eigentlich für Freaks?", fragte sie und lachte dreckig, als sie Fionas Wohnung betrat, in jeder Hand eine Flasche Rotwein, bevor die beiden Freundinnen wie Protagonistinnen einer melancholischen US-Comedyserie für Stunden mit angewinkelten Beinen auf der Couch hockten, ein Glas nach dem anderen tranken und Fionas Liebesleben auseinandernahmen.

"Ich liebe Max nicht mehr", sagte Fiona wie eine Kriminalbeamte, die das Ermittlungsergebnis präsentiert. "Aber ich frage mich ständig, ob es ihm gut geht. Am liebsten würde ich jeden Tag kurz nachfragen, ob alles okay ist bei ihm."

"Weil du immer noch ein schlechtes Gewissen hast", sagte Birte.

Fiona schüttelte kurz den Kopf. "Ich mache mir doch nur ein bisschen Sorgen um ihn."

"Das ist aber nicht mehr deine Aufgabe", sagte Birte und nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. "Genau genommen ist es nicht einmal mehr dein Recht."

Fiona zuckte mit den Schultern und nuschelte: "Weiß ich doch."

"Ist dir überhaupt klar, welche Signale du sendest? Max muss sich doch bescheuert vorkommen!"

Fiona machte große Augen. "Das ist das Letzte, was ich will."

Birte klatschte in die Hände. "Dann lass es sein!"

"Aber warum fühlt es sich so an, als müsste ich ihm schreiben?"

Birte lächelte wie als Antwort auf eine rhetorische Frage. "Wie gesagt: schlechtes Gewissen."

"Kann sein."

Birte wurde lauter: "Aber das muss endlich aufhören! Du hast nichts Verwerfliches getan. Irgendwann wird Max dir dankbar ein. Es hätte auf Dauer nicht funktioniert. Aber was wäre die Alternative gewesen? Dass du aus schlechtem Gewissen mit ihm zusammenbleibst? Mach dir mal lieber klar, was für ein Glück du mit deinem neuen Kerl hast."

Fiona nickte. All die guten Momente, die sie mit Lenny in der kurzen Zeit bereits erlebt hatte, liefen plötzlich noch einmal vor ihrem inneren Auge ab, schnell aneinandergeschnitten wie ein altes Musikvideo aus den 90ern.

"Er ist wie gemacht für mich", sagte sie leise, mehr zu sich als zu ihrer Freundin. "Lenny ist mein Mann."

Sie schwärmte Birte von seinen kleinen Macken vor, die sie so süß fand: Zum Beispiel checkte er immer seinen Look, sobald er an einer Fensterscheibe vorbeikam; außerdem bildete er sich immer noch ein, so unauffällig in der Nase bohren zu können, dass Fiona es nicht bemerkte; und er leckte die Zeigefingerspitze an, bevor er eine Magazinseite umblätterte.

Birte nahm Fionas Gesicht in beide Hände und bedachte sie mit einem tiefen Blick: "Ruf ihn jetzt an! Er soll heute Nacht hier bei dir pennen."

Eine halbe Stunde später stand Lenny vor der Tür und Birte verabschiedete sich hastig. Fiona zog Lenny sofort ins Schlafzimmer.

In dieser Nacht konnte Fiona zum ersten Mal wieder einschlafen. Sie wachte erst nach neun Stunden auf. Lenny war schon weg. Fiona stand auf und suchte schlurfend die Wohnung nach ihm ab. Aber Lenny war weg, nur sein Handy hatte er offenbar auf dem kleinen Couchtisch vergessen.

Das machst du jetzt nicht, dachte Fiona, aber natürlich konnte sie nicht widerstehen.

Sie drückte den Home-Button und das Display leuchtete kurz auf. Eine neue Whatsapp-Nachricht. Kara hieß die Absenderin. Sie hatte nur ein Wort geschickt, fünf Buchstaben und einen Punkt.

"Danke."

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Themen in diesem Artikel
Ich brauche dringend Hilfe bei der EM rente
Guten Tag mein Name ist Carsten Langer ich bin 46 Jahre alt und Versuche seit März 2015 die EM Rente zu beckommen meine Ärzte sagen ich kann nicht mehr Gutachten der Kranken Kasse sieht das auch so nur die Gutachter der Rentenkasse Sehens anders war schon vor sozial Gericht 1 Instanz Richterin sagt ich kann nicht am Gutachten vorbei entscheiden ihre Empfehlung ich sollte in die 2 Instanz weil sie meint das ich auch nicht mehr Arbeits fähig bin die 2 Instanz sagt laut Gutachten könnte ich noch arbeiten aber ihre Meinung nach könnte ich auch nicht mehr arbeiten ich sollte doch auf ein Urteil verzichten und ich sollte neu Rente beantragen und der zwischen Zeit wurde ich zur Berufs Findung geschickt die nach sechs Wochen von der Rentenkasse abgebrochen wurde habe auch erfahren das die Rentenkasse mir keine Umschulung mehr zutraut auf den Rat ich sollte noch Mal EM Rente beantragen bin ich in Reha gegangen damit ich auch neue Arzt berichte habe die Reha hat den Aufenthalt von 4 auf drei Wochen verkürzt und mich entlassen als nicht arbeitsfähig für den allgemeinen Arbeits Markt und ich kann keine 3 Stunden arbeiten das hat der Rentenkasse wieder nicht gereicht hatich wieder zum gutachter geschickt der mir 45 Minuten fragen gestellt hat und jetzt heißt es ich kann wieder voll arbeiten auf den allgemeinen Arbeits Markt Meine Erkrankungen sind Ateose in beiden knieen und mehreren Finger Gelenken Verschleiß in beiden Fuß, Hüft, Schulter und elebogen Gelenken dazu Gicht im linken Daumen satel Anhaltende Schmerzstörungen Wiederkehrende Depressionen Übergewicht Hormonstörungen Wirbelsäulenleiden Bandscheibenschädigung Schlaf Atem Störung Schlafstörungen eine ausgeprägte lese und rechtschreib Schwäche Panick Attacken ( Zukunftsangst) Suizidale Gedanken 1 Suite Versuch Laut aus Zügen einiger Befunde Bin ich nicht mehr Stress resistent Darf keinen akort machen keine Schicht Arbeit keine gehobene Verantwortung überaschinem oder Personen tragen usw Aber al das reicht nicht für die EM Rente Mittlerweile bin ich von der Kranken Kasse ausgesteuert das Arbeitsamt hat mich nach 9 Monaten abgemeldet und seit April wäre die Renten Kasse nicht mehr für mich zuständig aber da ein laufendes verfahren ist hmm keine Ahnung Da ich Mal gut verdient habe habe ich eine bu abgeschlossen aber da die über 900 euro mir zählt und das schon fast 3 Jahre habe ich kein Anspruch auf Harz 4 Grundsicherung Wohngeld oder sie Tafel für essen nein ich darf dafon mich noch mit 260€ freiwillig Kranken versichern Deswegen konnte ich meine Wohnung mir nicht mehr leisten und bin auf einen Campingplatz gezogenitlerweil habe ich eine Freundin und wir teilen uns die Wohnung Bitte ich brauche dringend Hilfe mir wird das alles zuviel werde mich parallel zu ihnen auch an den svdk wenden aber vielleicht können sie unterstützend helfen ich weiß echt nicht weiter und meine schlechten Gedanken werden wider sehr stark Mfg