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Meinung

Innovationen: Die Modernisierung geht am Land vorbei – und zwar nicht nur ein bisschen, sondern total

In der Stadt hat man inzwischen die Qual der Wahl, was Mobilitätsangebote oder Lieferdienste angeht. Auf dem Land liest man von entsprechenden Innovationen höchstens in der Zeitung. Das ist absurd, denn der Bedarf für solche Angebote ist in Dörfern viel größer als in Städten – findet unsere Autorin.

Eine Straße in einem kleinen Dorf

Auf dem Land scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Das kann schön sein – ist meist aber unpraktisch.

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Neulich habe ich meinen Bus verpasst. Einen der vielleicht einzigen Hamburger Buslinie, die nur alle 20 Minuten fährt – man stelle sich das vor! 20 Minuten, was für eine unverschämt lange Zeit! Da ich meinerseits wenig Zeit hatte, grübelte ich kurz über das weitere Vorgehen nach. Rief ich mir ein Taxi, einfach per App? Probierte ich ein Moia aus, eins dieser goldfarbenen Luxus-Sammeltaxis, die neuerdings durch Hamburgs Straßen kurvten? Nahm ich mir ein Car2Go, ein Stadtrad, oder gar einen E-Scooter? Ich entschied mich dann einfach, zu laufen. Ich hatte es nämlich gar nicht so weit und war 15 Minuten später dort, wo ich sein musste. Aber die Möglichkeiten, die ich gehabt hätte, um von A nach B zu kommen, waren schier unendlich. Dabei hatte ich sie gar nicht nötig.

In Großstädten lebt es sich immer bequemer

Ich muss zudem etwas Dekadentes gestehen. In letzter Zeit ordern mein Mann und ich gelegentlich unsere Einkäufe beim Lieferservice einer großen Supermarktkette. Das geht ganz einfach online, kostet aber um die fünf Euro Liefergebühr. Und obwohl wir einen Discounter in fußläufiger Entfernung haben, ist uns die Zeitersparnis und Bequemlichkeit diese eigentlich völlig unsinnige Ausgabe wert.

 Am Wochenende bestellen wir uns manchmal Pizza. Online, oder per App. Wenn uns erst Sonntag einfällt, dass wir Lust auf Pizza haben, anstatt Samstag, dann ärgern wir uns. Dann hat nämlich unsere Lieblingspizzeria zu und wir müssen bei einem der fünf anderen guten Restaurants bestellen. Oder bei einem der 30 anderen völlig akzeptablen. Oder mal Sushi, Vietnamesisch, Afghanisch, Indisch, Israelisch oder deutsche Hausmannskost, aber in vegan, bestellen. Gibt es alles. Die Listen bei den üblichen Verdächtigen in Sachen Lieferdienst ist in Hamburg UNFASSBAR LANG.

Jetzt fragt ihr euch vielleicht, wo ich mit meinen etwas unangenehmen domestischen Anekdoten hinwill. Darf ich dazu noch mal etwas ausholen? Vor einer Weile dachte ich schon einmal kurz, als ich die Tüten des Lebensmittel-Lieferservices entgegennahm: 'Mann, wäre das praktisch auf dem Dorf, in dem meine Familie wohnt. Genau sowas wäre dort RICHTIG sinnvoll!' Ich recherchierte daraufhin einmal schnell, ob der Service dort, auf dem Land in Niedersachsen, angeboten wird. Nein. Natürlich nicht. Das ärgerte mich irgendwie, aber dann vergaß ich es wieder.

Solche Services würden auf dem Land gebraucht

Und dann waren Wahlen in Brandenburg und Sachsen. Bundesländer, in denen viele Menschen ebenfalls in ländlichen Gebieten leben. Ich will hier gar kein Fass aufmachen und eine Diskussion über die AfD vom Zaun brechen – das wäre ein Text für sich. Mindestens einer. Aber eine Sache ist offensichtlich: Die vergangenen zwei Jahrzehnte, egal ob unter CDU-, SPD- oder Linken-Regierung, haben für die Menschen auf dem Land dort nichts besser gemacht. Natürlich ist das KEIN Grund, eine rechte Partei zu wählen (die ihrerseits absolut nichts besser machen würde – im Gegenteil), aber ich kann verstehen, dass viele Menschen dort auch Schwierigkeiten hatten, einen Grund für die Wahl der anderen großen Parteien zu finden. 

Der Unterschied zwischen dem Lebenskomfort in der Großstadt oder auf dem Land wurde in den vergangenen Jahren kontinuierlich größer, ohne dass die Politik eingegriffen hätte. Stattdessen gab es immer die gleichen Phrasen zu hören – verbessert wurde aber höchstens kleinklein, obwohl es für ländliche Regionen offensichtlich ein massives, großes Umdenken gebraucht hätte. Denn im letzten Jahr wurde es wirklich absurd.

Die Möglichkeiten sind endlos, der Ort falsch

Durch Hamburgs Straßen düsen Geschäftsleute auf elektrischen Leih-Rollern, Moia-Taxis wollen dem Individualverkehr den Kampf ansagen. Alles lässt sich sekundenschnell und easy per App buchen, und ab geht's. In dem Dorf, aus dem ich komme, kostet eine Fahrt in die Kreisstadt in dem Bus, der mit Glück einmal die Stunde fährt, inzwischen sechs Euro. Anderswo werden komplizierte Anruf-Sammeltaxen, die man dank Handyfunkloch eh nicht kontaktieren kann, als der Höhepunkt der Innovation verkauft. Oder "Mitnehm-Bänke", glorifiziertes Trampen also, was den Dorfbewohnern selbst die alleinige Verantwortung für etwas aufdrückt, das eindeutig Job der Politik ist – den öffentlichen Nahverkehr. Es kann doch nicht sein, dass ich in Hamburg, wo ich mit traditionellen Öffis oder gar zu Fuß fast überall hinkomme, mit Mobilitäts-Innovationen überhäuft werde – und es auf dem Land nicht mal möglich ist, ohne Auto zum nächsten Arzt zu kommen.

Aber klar kommen Innovationen wie Bringdienste, E-Scooter oder neue Taxi-Modelle nicht vonseiten der Politik, sondern von privaten Anbietern. Es ist klar, dass es denen in erster Linie um den Gewinn geht – und der ist in der Stadt natürlich viel leichter zu erwirtschaften als auf dem flachen Land. Viele potenzielle Kunden auf engem Raum, dazu kurze Fahrtstrecken. Logisch rechnet sich das. Andersrum auf dem Land: Wenige Menschen, lange Distanzen.

Subventioniert Innovationen auf dem Land!

Vermutlich kann man keine Firma zwingen, ihr Angebot aufs Land auszuweiten – aber wenn es der Politik wirklich daran läge, die Dörfer an Innovationen, die für Städte längst zum Alltag gehören, teilhaben zu lassen, dann könnte sie Geld in die Hand nehmen und den Anbietern finanzielle Anreize geben, den Schritt aus den Metropolen zu wagen. Zumindest soviel, dass die Firmen kein Minus machen. Denn eines dürfte in den letzten Jahrzehnten klar geworden sein: Die Mechanismen des Kapitalismus funktionieren für das Land nicht mehr. Und die Tatsache, dass Politiker das nicht sehen, nicht wahrhaben und erst recht nicht angehen wollen, frustriert die Menschen natürlich.

Das Argument, dass auf dem Land ja vorrangig ältere Menschen leben, die mit solch neumodischem Getüdel eh nichts anfangen können, ist übrigens ein Bumerang. Immer wieder hört man von der Politik, dass man die ländlichen Regionen wiederbeleben und junge Menschen, fröhliche Familien, anlocken möchte. Aber welche junge Familie, die auch nur ein, zwei Jahre in einer Großstadt verbracht hat, lässt sich dauerhaft an einem Ort nieder, an dem man zwangsläufig für alles ein Auto braucht, man viel Geld für einen schlechten Nahverkehr bezahlt, keine Ärzte in der Nähe sind, keine Polizei, keine Bank, kein Supermarkt. Wo man nirgends mit Karte, Paypal oder gar ApplePay zahlen kann.

Wo die Natur schön, aber das Internet langsam ist. Wo die Menschen zusammenhalten, aber der interessanteste Ort für junge Menschen die Bushaltestelle am Teich ist. Wo der einzige Lieferservice ein zwielichtiges Gyros-Lokal ein paar Dörfer weiter ist, und das Essen kalt ankommt, weil der Weg so weit ist. Ihr merkt, hier mischen sich Notwendigkeiten mit Luxuswünschen. Aber diesen Luxuskram hat man in der Stadt. Warum sollte man auf ihn verzichten wollen? Wie will man junge Menschen aufs Land bekommen, wenn man solche Bedürfnisse onkelhaft weglacht?

Es fehlt an Luxus, es fehlt an Notwendigem

Und jetzt stellt euch mal was vor. Stellt euch vor, auch auf dem Dorf gäbe es stets eine Handvoll Car2Gos, die man bei Bedarf nutzen könnte. Oder man ruft sich per App (weil nämlich überall 3G verfügbar ist) ein Sammeltaxi, das einen für maximal 5 Euro jederzeit in die nächstgelegene Stadt bringt. Junge Firmen können sich ansiedeln, wo sie möchten – da, wo die Landschaft ihnen am besten gefällt oder da, wo die Eltern der Gründer wohnen, ganz egal – weil überall schnelles Internet selbstverständlich ist, das sie für ihre Arbeit brauchen. Weil es natürlich im Ort einen Kindergarten gibt, bestenfalls auch eine Grundschule. Ein Arzt ist in der Nähe. Ein Geldautomat ist selbstverständlich vorhanden. Ein Supermarkt, wenn auch ein kleiner, bestenfalls auch – ansonsten kann man online entspannt einen Lieferservice ordern. Anbindung mit Zug oder Bus ist zuverlässig, bezahlbar und in so hoher Frequenz vorhanden, dass man sie ohne Kopfschmerzen und tagelange Vorausplanung nutzen kann.

Kostet Geld, bringt aber irgendwann Geld ein

Klingt utopisch, ja, aber jetzt denkt mal weiter. Wenn alle diese Voraussetzungen gegeben sind, dann hätten deutlich weniger Menschen Argumente gegen das Landleben. Die ersehnten jungen Familien würden kommen, sie würden Geld und Ideen mitbringen, sie würden die müden Dörfer neu beleben. Sie würden Betriebe gründen und Arbeitsplätze schaffen. Sie würden durch ihren Umzug die Enge in den Städten etwas erleichtern, die Mieten dort könnten sinken. Das Geld, das die Politik in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft in die ländlichen Regionen gesteckt hätte, würde zu etwas führen, das am Ende für alle nur Vorteile hätte. Klingt gut, oder? Solche Politiker würde man dann auch gerne wiederwählen, oder?

Hallo SPD, hallo CDU. Hallo junge Mobilitäts-Startups und große Supermarktketten. Hallo Internet- und Mobilfunkfirmen. Vielleicht habt ihr ja mitgelesen. Redet doch mal miteinander.