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Hilfe bei Depressionen: Der Konflikt mit ihren Eltern wird für Alice zur seelischen Belastung. Dann sucht sie sich Hilfe

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter Depressionen – fast eine halbe Million Studierende unter psychischen Problemen: Doch nur wenige wissen, dass sie sich dort auch professionelle psychologische Hilfe holen können.

Von Carina Kaiser

Depression: Warum Studierende bei psychischen Problemen sich Hilfe holen sollten

In den Jahren von 2005 bis 2016 ist der Anteil der Menschen mit Depressionen um 76 Prozent gestiegen

Unsplash

Als Alice* an einem kühlen Junimorgen zu ihrem psychotherapeutischen Beratungstermin geht, fühlt sie sich wie gelähmt. Seit Monaten schon macht sich diese Leere in ihr breit, ihre Schritte wiegen schwerer als sonst. Alice fühlt sich verlassen. Nicht von einem Partner oder einer Freundin, sondern von sich selbst. Sie hat sich von sich entfremdet.

Für das Studium ist sie aus einer Kleinstadt in die Großstadt gezogen. Weg von den Eltern, um sich endlich frei entfalten zu können. Aber es kommt anders. Ihre Eltern klammern. Sie erwarten, dass sich ihre Tochter jeden Tag meldet. Sie verunsichern Alice in ihren Entscheidungen, reden ihr ein Auslandspraktikum aus und neue Freunde schlecht.

Der Konflikt mit ihren Eltern wird für Alice nach und nach zur seelischen Belastung. Er wirkt sich auf ihren Alltag aus, auf ihre Freundschaften und auf ihre Leistungen in der Uni. Wie sie da rauskommen soll, weiß sie nicht – sie ist ja auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen. Als sie sich gerade bei der BAföG-Beratung um eine Möglichkeit zur finanziellen Unabhängigkeit erkundigen möchte, entdeckt Alice die Tür zur sogenannten "Psychologisch-Psychotherapeutischen Beratungsstelle". Sie steckt einen Flyer ein und ruft noch am selben Tag an.

Anteil der Menschen mit Depressionen gestiegen

Mit dem Studium beginnt für viele Menschen ein neuer Lebensabschnitt. In wenigen Tagen werden rund 2,8 Millionen junge Erwachsene an über 300 Hochschulen in Deutschland ins Studentenleben starten.

Hier beginnt die Zeit der unendlichen Möglichkeiten. Vieles ist neu: die Umgebung, die Leute. Es gelten höhere Leistungsstandards. Man wird tagtäglich mit seinen Stärken, aber auch mit seinen Schwächen konfrontiert. Für viele Studierende ist das alles sehr spannend. Für viele ist alles aber auch zu viel. Bei ihnen führt der neue Status zu Stress, Überforderung und Verunsicherung.

Laut einem aktuellen Arztreport der Barmer Krankenkasse, leiden in Deutschland fast eine halbe Million Studierende im Alter von 18 bis 25 Jahren unter psychischen Problemen. In den Jahren von 2005 bis 2016 ist der Anteil der Menschen mit Depressionen um 76 Prozent gestiegen.

"Junge Menschen fühlen sich auffallend häufig unter Druck gesetzt. Viele sind überfordert, weil sie an sich selbst absurde Leistungsanforderungen stellen", sagt Wilfried Schumann. Er ist Leiter des Psychologischen Beratungs-Service von Universität und Studentenwerk Oldenburg. Insgesamt sieben Berater nehmen sich in der Einrichtung zweimal pro Woche den Problemen ihrer Studierenden an.

Das Deutsche Studentenwerk (DSW) ist der Dachverband der insgesamt 58 Studentenwerke in Deutschland; 44 bieten psychologische Einrichtungsstellen wie die in Oldenburg an. Auch hier beobachtet Schumann, dass immer mehr junge Menschen das Angebot annehmen. Rund 700 Studierende an Oldenburger Hochschulen nutzten das Angebot im vergangenen Jahr. "Studierende kommen zum einen bei studienbezogenen Schwierigkeiten wie Konzentrations-, Motivationsstörungen und Prüfungsängsten zu uns. Zum anderen, weil sie durch die Neuorientierung im Studium ihre Identität hinterfragen", sagt er.

Die Anforderungen an Studierende werden oft unterschätzt

Dass die Nachfrage nach psychologischer Beratung enorm ist, fasste auch der DSW vor zwei Jahren in Zahlen zusammen: Rund 32.000 Studierende in Deutschland haben sich 2016 in Einzelgesprächen beraten lassen.

Stefan Grob, Pressesprecher beim DSW, weiß um die unterschätzen Anforderungen an die heutigen Studierenden: "Die Studierenden werden immer jünger, aber das Tempo an den Hochschulen höher. Heute muss man als Student Managerqualitäten haben: Gute Noten erzielen, eine Wohnung finden, sein soziales Umfeld pflegen und nebenbei noch arbeiten gehen. Das ist ein Fulltime-Job." Dass in dieser Phase die Weichen für Zukunft gestellt werden, macht den Druck nicht kleiner.

Hätte sie früher von der psychologischen Einrichtung an ihrer Hochschule gewusst, wäre ihr viel Kummer erspart geblieben, sagt Alice heute. "Die Beratung war für mich Rettung in letzter Minute." Wie sie wissen viele Studierende nicht, dass sie sich kostenfreie und professionelle Hilfe holen können. Einige denken, es müsse sich ausschließlich um hochschulbezogene Probleme handeln – was nicht der Fall ist.

Alice wird erst auf die Beratungsmöglichkeit aufmerksam, als ihr Problem bereits akut ist. "Ich hatte schon mal mit dem Gedanken gespielt, Therapie zu machen. Aber der Sprung zur offiziellen Suche nach einem Therapeuten, dann die lange Wartezeit; das hat mich wohl davon abgehalten", erzählt sie.

Der Zugang zur psychologischen Beratung in der Hochschule ist leichter

Schumann meint, es sei wichtig, die Beratung von einer regulären Psychotherapeutischen Behandlung zu differenzieren. Die Grundlage für Psychotherapie sieht eine Diagnose mit jeder Behandlung vor. "Diese Schwelle gibt es bei uns nicht. Wer zu uns kommt, kommt im Grunde mit einem Lebensproblem und muss sich nicht durch eine Krankheits-Störung outen."

Das macht den Zugang leichter: Studierende können direkt im Hochschulumfeld einen geschulten Ansprechpartner finden. Zudem ist die Arbeit der Beratungsstellen auf die studentische Lebensrealität zugeschnitten.

"Die Probleme können in der Regel mit gar nicht so großem Aufwand wieder in eine gute Bahn geleitet werden" sagt Schumann. "Bei vielen Problemen hilft der Blick von außen auf die Lage und die Gewissheit, dass man nicht die einzige Person ist, die sich mit sowas rumschlagen muss." Bei akuten Situationen werden auch Notfallsitzungen angeboten.

Jedes Problem ist groß genug

Das Berliner Studierendenwerk klärt auf seiner Homepage die Frage, mit welchem Anliegen man sich an die Psychologisch-Psychotherapeutische Beratung wenden könne: "Kommen Sie auch schon, wenn es 'nur ein bisschen zwickt'. Häufig neigen Menschen dazu, vieles 'mit sich selbst ausmachen' zu wollen. Eine Beratung ist gerade zu Beginn häufig sinnvoll, um Schlimmeres zu verhindern."

Studierendenwerk Berlin

"Die Bereitschaft sowas in Anspruch zu nehmen ist größer geworden", sagt Schumann. Das sei eine gute Entwicklung, sei es ja in erster Linie ein Service für die Studierende, der die Dinge erleichtern, eine positive persönliche Entwicklung anstoßen und die Entstehung dauerhafter Probleme verhindern soll. Wer zu große Hemmungen habe, persönlich vorbeizuschauen, könne auch über Mail Kontakt zu den Beratern aufnehmen. Einige Einrichtungen verfügen über Chat-Beratung. Die Beratung ist kostenfrei und unterliegt selbstverständlich der Schweigepflicht.

Alice hat die Beratung wieder ein ganzes Stück zurück zu sich selbst geführt. "Das schönste Gefühl, was du bei der Beratung mit auf den Weg bekommst, ist so angenommen zu werden, wie du bist", sagt sie. Die Beratung habe ihr Halt gegeben. "Es hat mir geholfen, die Dinge, wie sie waren, zu relativieren und in eine richtige Perspektive zu rücken", sagt Alice. Heute weiß sie: Wichtig ist, seine Probleme nicht kleinzureden, sondern sie ernst zu nehmen.

Die Psychologie stimmt ihr dabei zu: Nicht im Stummen zu leiden und sich Hilfe zu suchen zeugt von Stärke, Selbstliebe und Selbstverantwortung. Die Möglichkeit ist da – und sie steht jedem Studierenden zu.

Wenn ihr Hilfe braucht, findet ihr hier euren Ansprechpartner für psychologische Beratungen.

*Name von der Redaktion geändert

Depressionen