HOME
Meinung

Psychische Gesundheit: Warum wir einsamen Menschen dringend besser helfen müssen

Einsamkeit kann uns ernsthaft schaden. Deshalb will Karl Lauterbach von der SPD ein "Einsamkeitsministerium" etablieren. Doch ist das wirklich die Lösung für ein so komplexes Problem? Unsere Autorin findet: Wir müssen an anderer Stelle ansetzen!

Von Flavia Klingenhäger

Depressionen

Schon Britney Spears sang es in ihrem Welthit "... Baby One More Time": "My loneliness is killing me…". Manchmal fühlt sich Einsamkeit wirklich genauso an. Als ob sie einen langsam, aber sicher von innen heraus auffrisst. Die meisten kennen es bestimmt: Ein flaues Gefühl im Bauch, dir ist ständig kalt, und Hunger hast du auch nicht.

Nur um das kurz klarzustellen: Allein sein bedeutet nicht gleich Einsamkeit. Wir finden es vermutlich alle von Zeit zu Zeit ganz schön, uns zurückzuziehen und mit niemandem reden zu müssen. Unter Einsamkeit versteht die Wissenschaft das unfreiwillige Alleinsein, aus dem man nicht mal so eben ausbrechen kann.

Einsamkeit: Lösungsansätze aus der Politik

Vor ein paar Tagen brachte der Gesundheitsabgeordnete der SPD Karl Lauterbach eine seiner Ideen jetzt schon zum zweiten Mal vor. "Bisher wurde die Zahl der Krankheiten, die durch Einsamkeit ausgelöst werden, unterschätzt", sagte er der "Welt am Sonntag". "Neueste Forschungsergebnisse beweisen, dass diese häufig psychischen Leiden wie Depressionen, Angststörungen, aber auch starke Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder Demenz auslöst."

Lauterbach richtet den Blick deshalb nach Großbritannien: Dort wurde schon Anfang letzten Jahres ein "Einsamkeitsministerium" eingerichtet, das sich darum kümmern soll, Menschen aus ihrer Einsamkeit herauszuhelfen. Ähnlich solle das laut Lauterbach auch bei uns in Deutschland ablaufen. Konkrete Pläne hat er aber noch nicht. Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Christine Aschenberg-Dugnus, sagte, das Gesundheitsministerium müsse Präventionsprogramme auf den Weg bringen.

Früher galt Einsamkeit in der Philosophie als ein erstrebenswerter, Fortschritt bringender Zustand, als "Seinsveredelung". Heute hat die Psychologie ihn der Philosophie entrissen und versteht ihn in den meisten Fällen als einen mitleidserregenden Zustand, der dem Individuum die eigene Autonomie und Selbstbestimmung abspricht. Die zeitgenössische Interpretation ist nämlich in erster Linie mit Traurigkeit verbunden.

Warum ist Einsamkeit so schädlich?

Wie Forscher im Fachblatt "PLOS ONE" berichten, haben Alleinlebende 1,5- bis 2,5-mal eher eine der häufigsten psychischen Erkrankungen als andere Menschen. Dazu gehören etwa Depressionen sowie Angst- und Zwangsstörungen. Dabei sind alle Altersgruppen und Geschlechter betroffen, wie die Wissenschaftler betonen.

Das hat vor allem den Grund, dass Menschen, die sich einsam fühlen, weniger Acht auf sich geben. Wenn sich jemand in einer Gruppe vernetzt und für seine Mitmenschen verantwortlich fühlt, passt er automatisch besser auf sich selbst auf. Der Umgang mit anderen hat nämlich einen ganz ausschlaggebenden Einfluss auf den Umgang mit uns selbst. Wenn man das Gefühl hat, dass es sowieso niemanden interessiert, wie es einem geht, neigt man viel eher zu selbstdestruktivem Verhalten als wenn man das Gefühl hat, seinen Bezugspersonen etwas zu bedeuten.

Außerdem sind Menschen, die sich einsam fühlen, weniger resilient. Das bedeutet, dass sie sich von jedem Stressor in ihrem Leben bedroht fühlen und darin keine Chance auf Wachstum sehen. Dazu kommt, dass sie Belastungen stärker empfinden und ihnen mehr Bedeutung zuschreiben und gute Dinge kaum als solche wahrnehmen. Das ist ganz unabhängig von der Menge und dem Ursprung der existierenden Stressoren. Fühlt sich jemand einsam, ist das Risiko einer psychischen Erkrankung besonders hoch.

Wir Menschen brauchen ein sicheres Nest

Stabile und vertrauensvolle soziale Beziehungen sind also der beste Schutz für die psychische und auch körperliche Gesundheit. Man kann sich das vorstellen wie mit einem kleinen Vogelküken: Fällt es aus dem Netz in die laute Welt hinein, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es als Küken stirbt viel höher, als wenn es bei seinen Geschwistern und seiner Mutter im Nest sitzt.

Wir Menschen sind da gar nicht so anders. Wir wollen und brauchen auch ein "Nest", eine Reihe von Beziehungen, in denen wir uns angenommen und sicher fühlen. Die Anzahl der Beziehungen ist hierbei nicht unbedingt entscheidend – viel wichtiger ist die Qualität unserer Verbindungen. Fun Fact: Ein amerikanischer Psychologe hat mal gesagt, wenn wir Menschen Tiere wären, müssten wir mit der Anleitung "bloß nicht alleine halten" daher kommen. Weil wir sonst vereinsamen und an den Folgen sterben könnten.

Ich brauche das Alleinsein genau so sehr, wie ich den Kontakt zu meinen Herzensmenschen brauche. Das eine funktioniert für mich nicht ohne das andere. Die Balance dazwischen zu finden ist ein nicht endender Drahtseilakt, mit dem ich ständig in verschiedenen Formen konfrontiert werde. Verbringe ich zu viel Zeit unter Menschen, fühle ich mich unverbunden mit mir selbst. Verbringe ich hingegen gar keine Zeit unter Menschen, fühle ich mich wie die einsamste Person unter der Sonne. Obwohl ich ja theoretisch weiß, dass das ausgewachsener Unsinn ist. Ich bin keine einsame Person, im Gegenteil.

Passt besser aufeinander auf

Es ist unfassbar wichtig, das Thema zu enttabuisieren und Leuten bewusst zu  machen, dass ihre Einsamkeit kein Privatproblem ist.  Trotzdem glaube ich, dass die Lösung sogar noch viel näher liegt. Wir müssen bei uns selber anfangen. Wir müssen besser aufeinander Acht geben und wieder ein bisschen mehr Nächstenliebe in unser Leben bringen. Allein deshalb, weil das Thema Einsamkeit meiner Meinung nach immer noch zu sehr mit Scham behaftet ist und sich viele Menschen deshalb gar nicht trauen, offen über ihre Erfahrungen zu sprechen. Mit dem Thema in Berührung gekommen sind wir aber garantiert alle schon einmal.

Deshalb müssen wir alle unseren Teil dazu beitragen, das Thema aktiv zu entschamifizieren. Wir brauchen mehr Liebesbriefe an Herzensmenschen und weniger Memes auf Whatsapp. Mehr Face-To-Face-Time mit tiefgehenden Gesprächen und weniger selbstdarstellende Posts bei Instagram. Dass sich Menschen einsam fühlen, weil sie auf Social Media die Highlight-Momente anderer verfolgen, ist uns vermutlich allen bewusst. Natürlich, Instagram und Co. machen nicht automatisch einsam, genauso wenig wie essen automatisch dick macht. Am Ende ist es immer eine Frage des eigenen Umgangs.

Es ist aber auch eine Frage des eigenen Umgangs mit der Einsamkeit, wenn wir uns selbst mit ihr konfrontiert fühlen. Wie viel Bedeutung wir der Einsamkeit generell zugestehen zum Beispiel. Manchmal habe ich nämlich das Gefühl, dass gerade viele junge Menschen das Einsamsein vielleicht ein bisschen zu sehr dramatisieren bzw. glorifizieren. Wenn man sich einsam fühlt, tut man nicht etwas dagegen, sondern suhlt sich erstmal eine Runde in Selbstmitleid und postet vielleicht noch was Wehleidiges auf Instagram. Nicht, um ernsthaft um Hilfe zu bitten, sondern auf eine Weise, die unser eigenes Empfinden fast schon ins Lächerliche zieht. Das kann auf Dauer zu nichts Gutem führen. Deshalb: Passt besser aufeinander und auch auf euch selbst auf. Damit wäre meiner Meinung nach schon sehr viel mehr getan als mit einem Einsamkeitsministerium. Klar, dass dadurch mehr Fokus auf das Thema gelenkt wird, ist gut und wichtig und ein Schritt in die richtige Richtung. Trotzdem glaube ich aber, dass es mit viel mehr Aufwand verbunden wäre, als wenn wir alle einfach wieder besser aufeinander achten und der Nächstenliebe wieder einen größeren Stellenwert einräumen würden.